Heidenheim Gerstetterin wird mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Vorkämperin für Inklusion: Dr. Alexandra Palzer (links) erhält aus den Händen von Staatssekretärin Bärbl Mielich das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Vorkämperin für Inklusion: Dr. Alexandra Palzer (links) erhält aus den Händen von Staatssekretärin Bärbl Mielich das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. © Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / Karin Fuchs 01.02.2018
Dr. Alexandra Palzer aus Gerstetten setzt sich für die Inklusion Behinderter ein und wurde dafür nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die eigene Betroffenheit kann ein starker Motor sein. Dass ihre behinderte Tochter nicht wie alle anderen Kinder in die Grundschule gehen durfte, sondern in eine Sondereinrichtung abseits des täglichen Umfelds gefahren werden sollte, war für Alexandra Palzer ein grundsätzlicher Fehler in unserer Gesellschaft. Doch damals, vor 30 Jahren, gab es keine inklusiven Schulklassen, Behinderte mussten per Gesetz in Sonderschulen. Eine Wahl hatten die Eltern nicht.

Trotzdem schaffte es Alexandra Palzer, dass ihre Tochter in Gerstetten zur Schule ging. „Der Rechtsstreit ist bis heute nicht gelöst““, erzählt Palzer. Der damalige Schulleiter Franz Nerad musste in Stuttgart zum Rapport, doch die Gerstetter hielten zusammen. „Wir hatten das Glück, dass unsere Tochter immer selbstverständlich aufgenommen wurde, am unkompliziertesten von den Kindern“, berichtet Palzer.

Der Zeit weit voraus

30 Jahre später läuft noch nicht alles so, wie Alexandra Palzer es sich wünschen würde. Doch der Kurs gegenüber Behinderten wurde korrigiert. Die UN-Behindertenrechtkonvention ist in Kraft getreten, das Land hat Inklusion als Ziel festgeschrieben, wenn sich Palzer auch ein zeitliches Ziel wünschen würde. Inklusive Kindergärten und Schulen gehören zum Bildungssystem.

Als Anerkennung für ihre Leistung erhielt Alexandra Palzer am Dienstagabend das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Im Auftrag von Bundespräsident Steinmeier und Ministerpräsident Kretschmann überreichte Bärbl Mielich den Orden, Staatssekretärin im Sozial- und Integrationsministerium. „Lange bevor die UN-Konvention ratifiziert wurde, haben sie den Begriff Inklusion geprüft. Sie waren ihrer Zeit lange voraus“, sagte die Laudatorin bei der Feierstunde im Heidenheimer Rathaus. Nicht nur Gastgeber Bernhard Ilg und Landrat Thomas Reinhardt waren unter den Gratulanten, sondern auf Wunsch der Geehrten die Familie und Mitstreiter wie Dr.Margarete Hartmann eingeladen.

Mit Hartmann baute Palzer 1988 die Arbeitsgemeinschaft Integration auf und knüpfte ein Netzwerk, das das ganze Land überzieht und Eltern behinderter Kinder hilft. Heute trägt die Arbeitsgemeinschaft den Zusatz „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen“ im Namen.

Die zentrale Frage

Der Verein sei Motor gewesen für inklusive Angebote, sagte die Laudatorin. „Sie haben die zentrale Fragen gestellt: Warum brauchen behinderte Kinder wohnortferne Schulen?“ Mielich lobte es als richtig, wegzukommen von der Fürsorge hin zum Gedanken, wie man Behinderte für das Leben besser befähigen kann. „Wir brauchen Vorreiterinnen wie sie“, so Mielich. Sie lobt, dass Palzer mittlerweile in ihr Engagement auch Migranten mit einbinde. Sie habe eine internationale Kochgruppe ins Leben gerufen, in der sich an die 100 Personen treffen. „Sie Vorkämpferin für eine inklusive und gerechte Gesellschaft.“

Palzer antwortete mit einer klugen und nachdenklich stimmenden Rede und legte – wie so oft bei ihrem Engagement – den Finger in die offenen Wunden. Es gehe beim Thema Inklusion um weit mehr als den Umgang mit behinderten Kindern. „Wenn verbale Entgleisung, Respektlosigkeit und Entwürdigung nicht nur im Netz und rechte Tendenzen in unserer Gesellschaft salonfähig zu werden scheinen, ist es wichtig, dagegen zu halten.“

130 000 Euro für unabhängige Inklusion-Beratung

Fördermittel vom Bund in Höhe von rund 130 000 erhält die Arbeitsgemeinschaft Inklusion Gemeinsam leben, gemeinsam lernen für die Jahre 2018 bis 2020. Das hat diese Woche das Arbeits- und Sozialministerium bekannt gegeben.

Der Verein betreibt ein Büro sowie ein Elterncafé an der Bergstraße 52, das Anlaufstelle für Eltern mit behinderten Kindern ist. Dort werden die Eltern informiert, welche Möglichkeiten zur Inklusion es für ihre Kinder gibt.

Politischen Rückenwind erhält der Verein vonseiten der Politik. Die beiden Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter (CDU) und Leni Breymaier (SPD) loben die engagierte Arbeit vor Ort. „Für Menschen mit Beeinträchtigung oder für diejenigen, die davon bedroht sind, ist unabhängige und selbstbestimmte Teilhabe am Leben besonders wichtig“, so Breymaier. Kiesewetter mahnt an, dass in vielen Bereichen noch eine Verbesserung notwendig sei.

Neu an der Beratung ist, dass sie nicht nur auf Kinder und Kita und Schule zielt, sondern auf alle Alters- und Lebensbereiche ausgeweitet wird. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Selbstbestimmung der Menschen.

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