Heidenheim Gerhard Jahn ist der Kaugummi-Mann

Heidenheim / Nadine Rau 14.02.2018
Die roten Metallkästen nimmt in der Stadt kaum ein Erwachsener wahr, Kinder sind aber noch immer begeistert davon – das sagt zumindest Gerhard Jahn, der sie seit Jahren befüllt.

Ich kann bei Nacht einen Kaugummi-Automaten zerlegen und ihn wieder zusammenbauen, aber bei Tag kriege ich es nicht hin, dieses Programm zu verstehen“, sagt Gerhard Jahn und muss laut lachen. Der 55-Jährige aus Kammeltal im Kreis Günzburg sitzt vor seinem Computer und versucht herauszufinden, wie viele Kaugummiautomaten von ihm in Heidenheim hängen. „Ich kann höchstens die Kreuzchen zählen“, sagt er.

Kein Wunder, dass er den Überblick verloren hat – Jahn gehören Kaugummiautomaten in ganz Süddeutschland. Es sind sicher mehrere Tausend, ganz gewiss weiß es keiner. „Fragen Sie nie einen Automatenbetreiber, wie viele Automaten er hat“, sagt er.

Circa zehn Automaten gehören ihm in Heidenheim

In Heidenheim, das lässt sich dann doch sagen, sind es circa zehn, die Standorte und die Anzahl variieren aber ständig. Eigens dafür, so erzählt Jahn, gibt es sogar Akquisiteure, die sich in den Kommunen umsehen und geeignete Standorte ausmachen. Wo laufen viele Kinder? Und auf welcher Straßenseite?

Auch Jahn erinnert sich noch gut daran, wie er mit vier Jahren immer zu einem der beiden Kaugummiautomaten seines 300-Seelen-Dörfchens Kammeltal gepilgert ist und sich für zehn Pfennig einen Kaugummi gekauft hat. Heute hängt dort noch immer einer, doch Jahn hat so viele Kaugummiautomaten in seiner Garage, dass er sich diesen Weg sparen kann. Und auch die Wege in die Kommunen in ganz Süddeutschland, um die Automaten neu zu befüllen, anzubringen oder auszutauschen, übernehmen mittlerweile meistens seine Fahrer.

Ein Automat, 38 Arbeitsschritte

Er selbst bleibt währenddessen im Büro und kümmert sich um das operative Geschäft. Fünf Mitarbeiter beschäftigt er insgesamt, neben den Fahrern noch Damen, die in der Garage in 38 Arbeitsschritten die Automaten auseinanderschrauben, das Geld herausholen, sie reinigen, eventuell Teile austauschen und die Fächer am Ende wieder neu befüllen. Das Geld landet dabei in Sieben, die man aus der Küche kennt.

Mit Stolz zeigt Jahn seine Vorräte, riesengroße bunte Kaugummibälle, von denen er sich gleich einen orangefarbenen in den Mund schiebt. „Das sind mit Abstand die besten“, sagt er. In der Kiste daneben sind Kaugummis mit Wassermelonen-Geschmack, da verzieht sich ihm schon das Gesicht, während er es nur ausspricht. „Das schmeckt wirklich furchtbar. Aber die Kinder lieben es.“

Fruchtige Sorten stehen bei Kindern hoch im Kurs, Center Shocks sind nicht mehr gefragt

Überhaupt stehen die ganz fruchtigen Sorten bei den Kleinsten hoch im Kurs. Die berühmtberüchtigten Center Shocks, die so unheimlich sauer sind und für Kinder „gerne eine Mutprobe waren“, sind dagegen nicht mehr der Renner. Mit Kaugummis ist es aber noch nicht getan. Schmuck aus Plastik und Spielzeug befinden sich ebenfalls in den Automaten, die sogenannten Sticky Hammer seien seit Jahren der Verkaufsschlager schlechthin.

Für alle Eltern: Das sind diese glibberigen Figuren, die an der Wand kleben bleiben, wenn man sie dagegen wirft. Für alle Kinder: Der Automat am Bahnhof in Heidenheim hat Sticky Hammers.

Ware kommt unter anderem aus China und Belgien

Die Waren bezieht Jahn von sechs bis acht unterschiedlichen Quellen, viel kommt aus China und Belgien. Er ist bei den Herstellern gern gesehener Kunde, denn während ein Spielwarenhändler im Jahr vielleicht 100 Stickys verkauft, vertreibt er Millionen. Millionär wird er selbst durch seinen Job aber nicht. „Natürlich geht es am Ende des Tages um Geld, aber der Idealismus spielt eine viel wichtigere Rolle bei dem, was ich tue“, sagt er.

Die kleinen „Stöpsel“, wie er seine Kunden nennt, müssen gut bedient werden – für sie bedeuten zehn Cent weit mehr als für uns Erwachsene.

Wenn der Automat nicht funktioniert, rufen die Kinder auch an

Immer wieder kommt es vor, dass ein Kind bei ihm anruft und fragt, ob er der Kaugummi-Mann sei. Dann nämlich, wenn etwas nicht geklappt hat – der Automat zwar das Geld verschluckt, aber den Kaugummi behalten hat. Manchmal rufen auch die Eltern an, dann schnürt Jahn ein Päckchen mit viel Kaugummi und Spielzeug und schickt es an die Adresse. Er geht mit so viel Begeisterung und Elan durch sein Lager, es wirkt, als könnte es keinen besseren Job für ihn geben.

Eigentlich wollte er Polizist werden, daraus wurde wegen seiner Rot-Grün-Sehschwäche aber nichts. Also absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung bei einem Aufsteller von Zigarettenautomaten. Erst als er mitbekommen hat, dass in Augsburg jemand mit dem Kaugummiautomaten-Geschäft aufhören will, hat Jahn zugeschlagen.

Monteur+Kaufmann+Putzfrau=Kaugummiautomaten-Betreiber

„Es gibt tatsächlich noch mehr Verrückte wie mich“, sagt er. Das weiß er deshalb, weil ihn immer wieder Anfragen von jungen Leuten erreichen, die in das Geschäft einsteigen wollen. „Es ist praktisch, weil man nichts so richtig gut können muss“, erklärt Jahn schmunzelnd: Ein bisschen Monteur, ein bisschen Kaufmann, ein bisschen Putzfrau und ein guter Autofahrer.

Und weil die Automaten im dreimonatigen Rhythmus neu befüllt werden müssen, kommt man dabei auch noch herum. Ein Computerprogramm stellt die Tour zusammen, so, dass möglichst viele Automaten auf der Strecke liegen. „Das sind bis zu 1000 Stationen“, sagt Jahn. Der Haken an der Geschichte: „Wenn mein Fahrer abends nach Hause kommt und ich ihn frage, wo er war, hat er echt keine Ahnung.“

Es erging ihm dann wohl wie manchem Kind am Telefon, das zwar problemlos einen Automaten gefunden hat, aber am Ende nicht so genau sagen kann, wo er eigentlich hängt.