Bildung Für Flüchtlinge: Sprache lernen nach dem "Heidenheimer Modell"

Schwamm – mit einem MMMM: Sprachförderung wie mit Joumana Moussa an der Ostschule (links) funktioniert. Noch mehr davon wollen (rechtes BIUld von links) Dieter Henle, OB Bernhard Ilg und „Sprach-Guru“ Prof. Wassilios Fthenakis.
Schwamm – mit einem MMMM: Sprachförderung wie mit Joumana Moussa an der Ostschule (links) funktioniert. Noch mehr davon wollen (rechtes BIUld von links) Dieter Henle, OB Bernhard Ilg und „Sprach-Guru“ Prof. Wassilios Fthenakis. © Foto: Fotos: Sabrina Balzer, Rudi Weber
Heidenheim / erwin Bachmann 31.08.2015
Sprachförderung für Kinder ist ein Markenzeichen städtischer Bildungspolitik – und hat sich längst landesweit als „Heidenheimer Modell“ einen Namen gemacht. Angesichts der steigenden Zuwanderung steht dieses bewährte Konzept jetzt vor neuen Herausforderungen.

Und die Stadt Heidenheim nimmt sie an. Weil man Sprachförderung stets mit einem hohen Qualitätsanspruch verbunden hat, holt man einmal mehr Prof. Dr. Wassilios Fthenakis ins Boot, der in Heidenheim bereits seit Jahren gern gesehener Stammgast ist. Der Münchener Entwicklungspsychologe gilt generell als internationale Koryphäe auf dem Gebiet der Bildungswissenschaften.

Und gestern war er in Heidenheim, „der Guru schlechthin“, wie er von Oberbürgermeister Bernhard Ilg tituliert wurde. Im Rathaus wurde eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, die für Weiterentwicklung der hiesigen Kinderbetreuung eine wichtige Weichenstellung sein soll. Fthenakis nämlich wird die Erziehungs- und Lehrkräfte an Kitas und Grundschulen fortbilden und in einer Studie drei Jahre lang die Wirksamkeit dieses Programms wissenschaftlich untersuchen.

Kinder in deutsche Familien bringen

„Wir wollen einen neuen Weg gehen,“ sagt Ftheanikis, der weg will von der bislang gängigen Praxis, Kindern aus zugewanderten Familien die neue Welt aus Schulbüchern heraus zu erklären. Der tatsächliche Lerneffekt soll sich vielmehr aus dem Dialog und aus der Begegnung mit anderen ergeben, aus der heraus sich der Alltag erklären und erlebbar machen lässt – das Kind soll zum Mitgestalter seines eigenen Lernprozesses werden.

Konkret schwebt dem Wissenschaftler unter anderem vor, dass Kinder von Flüchtlingen und Asylbewerbern nicht mit Sprachförderung im klassischen Sinne beginnen, sondern von deutschen Familien eingeladen werden, einmal ein Wochenende mit ihnen zu verbringen, was unmittelbare Einblicke in die neue Welt ermöglicht. „Wir wollen kognitiv-soziale Erfahrungen vermitteln, an denen sich dann der Spracherwerbsprozeß anknüpfen kann,“ sagt der renommierte Forscher, der in diesem alltagstauglichen Ansatz eine vielversprechende Chance sieht: „Wenn dieser Prozess gelingt, ist das ein Gewinn für alle Beteiligten.“

Aus Sicht von Dieter Henle, Leiter des städtischen Geschäftsbereichs Kinder, Jugend und Familie, ist dies ein niederschwelliges Angebot, das auf wirklich viele Heidenheimer Bürger zielt, wenn sie denn einen Schritt auf andere Menschen und Kulturen zugehen wollen. Anfangs-Potenzial sehen die Protagonisten der neuen Form der Sprachförderung in jenen Menschen, die schon heute Flüchtlinge bei Behördengängen, in der Freizeit oder beim Erlernen der Sprache begleiten, wie sie etwa im engagierten Freundeskreis Asyl und in Gestalt sogenannter Integrationslotsen zu finden sind, die sich um Flüchtlingsfamilien kümmern.

Aus Sicht von Oberbürgermeister Bernhard Ilg hat Heidenheim die bisherigen aus Zuwanderung und Asyl resultierenden Herausforderungen durchaus gemeistert. In den Schulen gebe es bereits zehn Vorbereitungsklassen, die Kindern Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache bilden. Im neuen Schuljahr werde die Zahl auf 14 aufgestockt, und auch im Rahmen der Hausaufgaben-, Sprach- und Lernhilfen seien zusätzliche Sprachfördergruppen eingerichtet worden. „Das zeigt, dass wir guten Willens sind – aber auch, richtig verstanden, dass wir irgendwann auch mal an Grenzen kommen,“ sagt der Rathaus-Chef, ohne Zweifel aufkommen zu lassen: „Wenn die Flüchtlinge da sind, müssen und werden wir uns um sie kümmern.“

Derzeit leben in der Stadt Heidenheim 62 Kinder im Kita- und Grundschulalter aus Familien, die geflohen sind bzw. um Asyl ersucht haben. Zuwanderungen aus anderen Staaten, unter anderem der EU, kommen hinzu.

„Heidenheimer Modell“: bewährt, erprobt herausgefordert

Die zentrale Förderung vom Kindergarten bis in die Grundschule bleibt weiterhin ein zentraler Bestandteil des seit zehn Jahren bestehenden, jetzt neu ausgerichteten „Heidenheimer Modells“.

Weitere Bausteine: ein Zertifikationsstudiengang für Erzieher- und Sprachförderkräfte zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, die jährliche Ausrichtung der Fachtagung Sprache und neben Elternsprachkursen eine alltagsintegrierte Förderung und die frühe Immersion, wie sie in vier städtischen Kita-Einrichtungen umgesetzt wird, wo die Kleinen in die englische Sprache eintauchen.

Die Förderung nach dem „Heidenheimer Modell“ wird bereits in 42 Gruppen in den örtlichen Grundschulen betrieben und von 414 Kindern genutzt. In den städtischen Kitas gibt es 46 Sprachfördergruppen, die von 234 Kindern besucht werden. Neben der Zuwanderung sieht OB Bernhard Ilg die Bildungseinrichtungen auch vor weitere Herausforderungen gestellt: die Entwicklung hin zu einem zweigliedrigen Schulsystem und der Ausbau der Ganztagesgrundschulen. bm

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