Urteil Fünf Jahre und drei Monate Haft für Mutter des Flughafen-Babys

Walter Schöttl 24.06.2016
Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Landshut kommt zu einem versuchten Totschlag im „minder schweren Fall”.
Die Erzieherin hatte am 30. Juli vergangenen Jahres auf der Toilette des Münchner Flughafens ein Mädchen zur Welt gebracht, es in die Toilettenschüssel gestopft und versucht, es hinunterzuspülen. Dem Urteil des Landgerichts Landshut und den Plädoyers am siebten Verhandlungstag war ein dreistündiges juristisches Hick-hack vorausgegangen, in dessen Rahmen Verteidiger Dr. Adam Ahmet den Ausschluss von Schwurgerichtskammer-Vorsitzenden Kring und die Aussetzung des Verfahrens beantragte sowie weitere Beweisanträge stellte.

Hick-Hack des Verteidigers

Hintergrund war, dass mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft Ellwangen ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen die Erzieherin und ihre Eltern läuft, nachdem bei der Kripo mehrere Hinweise darauf eingegangen waren, dass Jasmin R. (Name geändert) schon 2012 und 2014 jeweils einen „deutlichen Babybauch” gehabt habe, von Geburten allerdings nichts bekannt sei.

Die Kammer verwarf den Ausschlussantrag, ebenso den Antrag auf Aussetzung des Verfahrens: Der Verteidiger hatte ihn damit begründet, dass die Eltern  wegen der neuen, auch gegen sie geführten Ermittlungen im aktuellen Prozess nicht ausgesagt hätten. Ihre Angaben hätten aber von hoher Bedeutung sein können, ohne sie sei das Gebot der „Wahrheitsfindung“ nicht realisierbar. Auch diesen Antrag wies die Kammer zurück. Den Eltern habe es frei gestanden, sich zu äußern, so Richter Kring, sie hätten sich dabei keinesfalls im Hinblick auf das gegen sie laufende Ermittlungsverfahren belasten müssen.

"Gipfel der Unverschämtheit"

Staatsanwalt Klaus Kurtz ging in seinem Plädoyer hart mit der 24-Jährigen ins Gericht: Statt bei ihren Einlassungen Ehrlichkeit an den Tag zu legen, habe sie im Lauf der Ermittlungen und im Prozess insgesamt vier Versionen geliefert: „Der Gipfel der Unverschämtheit war die Schilderung, dass sie von der Geburt nichts bemerkt habe.“ Schon der Respekt vor dem Opfer, ihrer neugeborenen Tochter, hätte geboten, ehrlich zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
<br /> Die kleine, lebensfähige Tochter, so war der Staatsanwalt überzeugt, sei nach der Geburt mit der Plazenta voran in die Toilette gestopft und dann ihrem Schicksal überlassen worden. Die Erzieherin habe ihren Tod durch Unterkühlung zumindest billigend in Kauf genommen. Als das Neugeborene zufällig gefunden worden sei, sei es bereits durch Atemstillstand und schwere Unterkühlung klinisch tot gewesen. Nur durch glückliche Umstände sei das Baby gerettet worden. Was die dreifache Umwicklung des Halses mit der Nabelschnur angehe, lasse sich nicht mehr nachweisen, ob sie schon bei der Geburt bestanden habe oder durch die 24-Jährige erfolgt sei.

Der Anklagevertreter forderte für den versuchten Totschlag und die gefährliche Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Es habe sich um ein völlig wehrloses Opfer gehandelt, das seiner Mutter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen sei.

Mit dem Kopf in die Toilettenschüssel

Der vom Jugendamt der Stadt München mit der Nebenklage beauftragte Anwalt Markus Fischer schloss sich dem Antrag des Staatsanwalts an. Zweifel meldete er an, was die von der Erzieherin im Prozessverlauf bekundete Absicht, sich um die kleine Tochter kümmern zu wollen, angehe: Bisher habe sie dazu noch nicht den kleinsten Schritt unternommen, Kontakt aufzunehmen.

Verteidiger Dr. Ahmet sah bei seiner Mandantin keinen Tötungsvorsatz und plädierte auf fahrlässige Körperverletzung und damit auf ein Strafmaß, das mit der Untersuchungshaft schon abgegolten sei. Er verwies darauf, dass sich die 24-Jährige schon in Dubai, als sie ihre Schwangerschaft wahrgenommen habe, in einer Ausnahmesituation befunden habe. Die sei dann auf der Flughafen-Toilette extrem geworden. Eine Geburt habe sie überhaupt nicht im Kopf gehabt, dies sei ihr auch nicht bewusst geworden, als sie das Kind in die Toilettenschüssel „hineingeboren” und dann nicht mehr angefasst habe. Sie sei davon ausgegangen, dass das Baby tot sei.

Forderung nach Schuldminderung

Sollte die Kammer zu einem versuchten Totschlag kommen, so der Anwalt vorsorglich, sei angesichts der damaligen psychischen Verfassung seiner Mandantin von einer verminderten Schuldfähigkeit und einem minder schweren Totschlagsfall auszugehen: „Bei ihr haben die menschlichen Instinkte einer Mutter, die gerade ein Kind auf die Welt gebracht hat, nicht mehr gegriffen.“

Der Vorsitzende Richter Kring übte in Vorbemerkungen zur Urteilsbegründung massive Kritik an der Verteidigungsstrategie und ließ anklingen, dass die Angeklagte mit einem offenen Verhalten wohl besser gefahren wäre, eventuell die aus ihrer Sicht offenbar auswegslose Situation hätte plausibel machen können. Auch das prozessuale Geplänkel sei überflüssig gewesen.

Zum Urteil stellte Kring fest, die Kammer sei keinesfalls davon ausgegangen, dass die 24-Jährige schon in Dubai oder dann auf dem Weg zur Toilette einen Tötungsvorsatz hatte. Keine Zweifel gebe es aber, dass sie das Neugeborene in der Hand gehabt, dann zuerst die Plazenta, anschließen das Baby in die Toilette gestopft und schließlich die Spülung betätigt habe.

Feindliche Haltung gegenüber dem Kind

Die versuchte Tötungshandlung habe zunächst darin bestanden, dass es die 24-Jährige unterlassen habe, die mehrfach um den Hals des Mädchens gewickelte Nabelschnur zu lösen. So hässlich es auch gewesen sei, dass die Erzieherin das Kind in die Toilette gesteckt habe, eine aktive Tötungsabsicht sei ihr da nicht nachzuweisen. Eher noch dann, als sie den völlig untauglichen Versuch unternahm, Kind und Plazenta „den Abfluss hinterzubefördern.“ Das, so Kring, zeuge von einer deutlich feindlichen Haltung dem Kind gegenüber.

Trotz größter Bedenken, so der Vorsitzende Richter, sei die Kammer zu einem „minder schweren Fall” gekommen, da der Unterlassungsvorwurf im Vordergrund stehe und die Tat im Versuchsstadium stecken geblieben sei. Eine verminderte Schuldfähigkeit habe bei der 24-Jährigen nicht vorgelegen, allerdings sei sie auch nicht „das planende und kalt reagierende Monster.“

Die 24-Jährige nahm das Urteil ohne sichtbare Regung zur Kenntnis. Kurz zuvor hatte sie noch mit ihren Eltern herumgealbert. In ihrem Schlusswort beteuerte sie: „Ich wollte das nicht, ich bin nicht so, wie ich hier hingestellt werde.“