Heidenheim Führerschein weg – was passiert bei der MPU?

Weil im Straßenverkehr alles viel zu schnell geht, haben wir keine Zeit, um höflich zu sein. Deshalb kommt es oft zu Aggressionen, sagt die Verkehrspsychologin Sabine Tischer.
Weil im Straßenverkehr alles viel zu schnell geht, haben wir keine Zeit, um höflich zu sein. Deshalb kommt es oft zu Aggressionen, sagt die Verkehrspsychologin Sabine Tischer. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Silja Kummer 18.07.2018
Im Straßenverkehr gibt es häufig Konflikte. Im schlimmsten Fall können Autofahrer den Führerschein verlieren. Dann kommt oft Verkehrspsychologin Sabine Tischer zum Einsatz.

Die Diplompsychologin Sabine Tischer betreibt seit 1996 eine Verkehrspsychologische Praxis in Heidenheim. Das Verhalten von Menschen im Straßenverkehr ist das Spezialgebiet der Psychologin: Sie bereitet Klienten, die den Führerschein abgeben mussten, auf die medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) vor, hilft beim Abbau von Punkten, bietet Verkehrstherapien an und untersucht Bus- und Taxifahrer auf ihre Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr.

Frau Tischer, warum kommt es im Straßenverkehr immer wieder zu Aggressionen?

Wir sind eigentlich nicht fürs Autofahren geschaffen. Der Mensch bewegt sich zu Fuß mit drei bis fünf Stundenkilometern, darauf sind unsere Wahrnehmung und Kommunikation ausgelegt. Im Auto sind wir viel schneller unterwegs und begegnen uns nicht persönlich. Wir haben beim Autofahren keine Zeit für Höflichkeit. Um sich herum sieht man nur andere Autos und es ist sehr schwer, den anderen anzusehen, warum sie sich so verhalten, wie sie sich gerade verhalten. Viele Signale – denken Sie an die Lichthupe – sind uneindeutig. Da kommt es sehr schnell zu Missverständnissen.

Aber jeder hält sich doch selbst für einen guten Autofahrer.

Unser Verhalten wird durch Triebe, Instinkte und Emotionen gesteuert, wenn es besonders schnell gehen muss. Am besten sind wir, wenn wir entspannt sind und Zeit haben – das ist im Straßenverkehr selten der Fall.

Sind Sie eine gute Autofahrerin?

Nein (lacht). Ich fahre gerne, aber gut fahre ich nur, wenn ich Zeit habe und nicht abgelenkt bin.

Handys am Steuer?

Eine Katastrophe! Auch ich bin schon fast überfahren worden, weil eine Autofahrerin telefoniert hat. Das ist schlichtweg verboten und es gibt technische Lösungen dafür.

Viele Ihrer Klienten haben den Führerschein verloren. Wie kommt es dazu?

Oft sind es Menschen, die größere Probleme haben: Alkohol- oder Drogensucht, aber auch Beziehungsprobleme oder die Unfähigkeit, mit Stress umzugehen. Manchmal ist auch der Zufall mit im Spiel: Überholmanöver sind immer riskant, aber manche überholen rücksichtlos und haben Glück, anderen kommt jemand entgegen. Oft fehlt das Bewusstsein dafür, wie gefährlich Autofahren ist.

Kommen Männer und Frauen gleichermaßen zu Ihnen?

Nein, höchstens zehn Prozent meiner Klienten sind Frauen, und das auch nur, weil sich Frauen häufiger an eine Psychologin wenden. Ich habe männliche Kollegen, die sehen so gut wie nie eine Frau.

Sind Frauen die besseren Verkehrsteilnehmer?

Frauen sind generell vorsichtiger, aber vielleicht werden sie auch weniger kontrolliert. Junge Männer bis 25 sind da eher die Zielgruppe. Frauen verlieren häufiger deshalb den Führerschein, weil sie Lebensprobleme haben. Sie sind seltener aggressiv, sondern verlieren eher die Nerven im Straßenverkehr.

Was können Ihre Klienten tun, um wieder Autofahren zu dürfen?

Bei Alkohol und Drogen ist es einfach: Man muss damit aufhören oder zumindest lernen, damit umzugehen und nicht betrunken zu fahren. Bei manchen Klienten muss ich aber auch ganz von vorne anfangen und ihnen erstmal klar machen, dass sie ein Problem haben. Ich arbeite mit Beratung, Coaching und Therapieelementen, aber ich mache keine Psychotherapie im klassischen Sinne.

Gibt es auch hoffnungslose Fälle?

Als Verkehrspsychologin arbeite ich nicht dafür, dass ausnahmslos jeder seinen Führerschein wieder bekommt, sondern auch für die Verkehrssicherheit. Und ja, es gibt auch Klienten, die ich ablehne. Wenn jemand mit 80 den Führerschein verliert, weil er ein Alkoholproblem hat, sehe ich beispielsweise wenig Chancen, dass er nochmal fahren darf.

Sie machen auch Tests mit Menschen, die beruflich am Steuer sitzen. Würden Sie Kontrollen zur Verkehrstüchtigkeit generell auch für ältere Menschen empfehlen?

Solange man keinen Lkw- oder Busführerschein hat oder in der Fahrgastbeförderung tätig ist, darf man in Deutschland noch selbst entscheiden, ob man zum Fahren taugt oder nicht. Wahrscheinlich kommt das mit den Kontrollen aber ohnehin, zum Beispiel in Form von verpflichtenden Sehtests oder Fahrproben. Es sind auch die Ärzte in der Pflicht, ihre Patienten aufzuklären, wenn sie ihnen Medikamente verschreiben, die die Fahrtüchtigkeit beeinflussen.

Führerschein weg - was passiert bei der MPU?

Wem die Fahrerlaubnis entzogen wurde, der muss in der Regel zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU), um den Führerschein wieder zu bekommen. Mit Hilfe der Untersuchung soll festgestellt werden, ob der Antragsteller sein Verhalten geändert hat und deshalb wieder am Straßenverkehr teilnehmen kann.

Gründe für die Untersuchung sind Alkohol oder Drogen im Straßenverkehr, verkehrsrechtliche Auffälligkeiten (mehr als sieben Punkte im Fahreignungsregister in Flensburg oder besonders schwerwiegende Verkehrsverstöße) oder strafrechtliche Auffälligkeiten (Straftaten mit hoher Aggressivität oder geringer Impulskontrolle).

Die MPU dauert in der Regel drei bis vier Stunden, Bestandteile sind ein Leistungstest am Computer, bei dem Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit geprüft werden, ein psychologisches Gespräch und eine medizinische Untersuchung, gegebenenfalls auch mit Drogenscreening.

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