NS-Zeit Friedrich Degeler befehligte Züge ins KZ

In Sichtweite des Rathauses: Wo man angesichts neuer geschichtlicher Erkenntnisse über Friedrich Degeler von einer Umbenennung des Platzes nichts wissen will.
In Sichtweite des Rathauses: Wo man angesichts neuer geschichtlicher Erkenntnisse über Friedrich Degeler von einer Umbenennung des Platzes nichts wissen will. © Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / erwin bachmann 10.11.2014
Er gilt als verdienstvoller Sohn dieser Stadt, und Heidenheim räumt Friedrich Degeler denn auch einen Ehrenplatz in seiner Geschichte ein. Was jetzt von der jüngeren Geschichtsschreibung zumindest in Frage gestellt wird: In der Biografie des 1989 verstorbenen Stadtrates taucht ein bislang unbekanntes, dunkles Kapitel auf.

Degeler, ein klingender Name in Heidenheim. Friedrich wurde 1902 als jüngstes von acht Kindern dieser bekannten Küferfamilie geboren, machte später seinen Meister und übernahm die hier gut etablierte Weinhandlung. Das Handwerk war auch in den folgenden Jahrzehnten der goldene Boden, auf dem der bekennende Protestant seine vielfältigen Talente entfaltete, die auch auf kirchlichem Terrain und nicht zuletzt auf politischer Bühne zum Tragen kamen. Nach dem Krieg und mehrjähriger Gefangenschaft avancierte der Obermeister seiner Innung zum Kreishandwerksmeister, erhielt Sitz und Stimme im Gemeinderat, wurde 1962 zum Präsidenten der Handwerkskammer Ulm gewählt, und 1968 zog der Christdemokrat für eine Legislaturperiode in den Stuttgarter Landtag ein.

Die Bedeutung des hochdekorierten Mannes, dem unter anderem das Bundesverdienstkreuz, die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und der Heidenheimer Ehrenring verliehen worden ist, lässt sich an einem Schild ablesen, das unmittelbar vor dem Eugen-Loderer-Zentrum und in Sichtweite des Rathauses seinen Platz hat. „Friedrich-Degeler-Platz“ steht dort geschrieben und rückt so den Namen einer Persönlichkeit in den öffentlichen Blickpunkt, mit dem Weggefährten und Zeitzeugen gern Eigenschaften wie Frömmigkeit, Standfestigkeit und Aufrichtigkeit in Verbindung bringen. Ein Patriarch der alten Schule – ein präsidialer Mensch mit prägnantem Profil.

Und jetzt der Bruch. Oder ist es nur ein Knacks in der bislang bekannten Biografie? Die Beurteilung obliegt dem Leser eines jüngst erschienenen Buches, das in die Zeit des Dritten Reiches zurückführt und in dem die Berliner Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Tanja von Fransecky Fluchtversuche von Juden aus Nazi-Deportationszügen dokumentiert hat. Dabei widmet sich die Autorin auch der Erforschung einer bislang eher ausgeklammerten Tätergruppe, den Wachmannschaften dieser Züge, und identifiziert in diesem Zusammenhang auch den Oberleutnant der Schutzpolizei der Reserve Friedrich Degeler als einen Transportführer, der in mindestens zwei Fällen das Begleitkommando bei Transporten von Westerbork nach Auschwitz befehligt haben soll.

Diese umfangreiche Studie hat jetzt der Heidenheimer Alfred Hoffmann zum Anlass genommen, die Ereignisse jener Zeit genau unter die Lupe zu nehmen und in den Kontext der Gesamtbiografie Degelers sowie der damaligen Zeit einzuordnen. Der 2012 in den Ruhestand gegangene Oberstudienrat hat sich bereits früher mit der Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches in Heidenheim einen Namen gemacht und sieht mit seinen jüngsten Recherchen die Angaben der Buchautorin v. Franseckys im Grundsatz belegt.

Die Ergebnisse seiner Arbeit hatte Hoffmann bereits Mitte September der Heidenheimer Rathaus-Spitze mitgeteilt. In einem an Oberbürgermeister Bernhard Ilg gerichteten Schreiben kommt er zu dem Schluss, dass Degeler „ganz unzweifelhaft seine Verdienste“ habe, weshalb die Stadt 1996 auch den Rathausplatz ihm zu Ehren benannt habe. Gleichzeitig wagt er aber zu bezweifeln, ob das in Kenntnis der neu aufgetauchten Fakten auch so geschehen wäre: „Eiferertum liegt mir sehr fern, ich denke jedoch, historische Wahrheiten sollten nicht verschwiegen werden.“ Die ausdrücklich erbetene Antwort hat Alfred Hoffmann einen Monat später erreicht. Darin machte OB Ilg deutlich, dass im Rathaus kein Zweifel an der Seriosität der von ihm zitierten Quellen besteht und kündigte an, im Gemeinderat von seinem Fund in der Fachlitaratur zu berichten – „weil es für mich zum seriösen Umgang mit der Geschichte der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkrieges gehört, die Verstrickung der Menschen in den Macht- und Staatsapparat offen anzusprechen“. Herrscht hierüber noch Übereinstimmung, ist Ilg im Blick auf die Namensgebung des Platzes beim Loderer-Altenzentrum jedoch anderer Meinung: Eine Diskussion darüber halte er nicht für erforderlich.

Begründet wird dieser Standpunkt nicht. Auch in einer nichtöffentlichen Sitzung des Verwaltungs- und Finanzausschusses, in deren Rahmen der Rathaus-Chef die Stadträte zwischenzeitlich über die an ihn herangetragenen Erkenntnisse informiert hat, blieb es bei der bekannten Position – die dort ebenfalls nicht näher erläutert und von den anwesenden Kommunalpolitikern unisono ohne weitere Reaktion zur Kenntnis genommen worden ist.

Einzig DKP-Stadtrat Reinhard Püschel macht Handlungsbedarf geltend, sieht das Ansehen Friedrich Degelers schwer beschädigt und hat in einem an Oberbürgermeister und Gemeinderat gerichteten Antrag gebeten, den in Rede stehenden Platz „schnellstens“ umzubenennen. Nach seiner Ansicht kann dieses Areal künftig den Namen Rathausplatz tragen.

Erfolg wird dieser Vorstoß nach Lage der Dinge indes nicht haben: OB Ilg verwies den Antragsteller inzwischen auf den Brief, den schon Alfred Hoffmann bekommen hat. „Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.“

Eine ausführliche Betrachtung der neueren Forschung über Friedrich Degeler hat der Heidenheimer Historiker Alfred Hoffmann erstellt. Hier geht es zum Artikel. 
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