Heidenheim Folk Club: Offene Bühne im „Grünen Kranz“

Ein liebenswertes Miteinander von Künstlern und Zuhörern im „Grünen Kranz“ in Heidenheim: Jeden zweiten Samstag im Monat findet dort der „Folk Club“ statt – die letzte offene Bühne im Landkreis Heidenheim.
Ein liebenswertes Miteinander von Künstlern und Zuhörern im „Grünen Kranz“ in Heidenheim: Jeden zweiten Samstag im Monat findet dort der „Folk Club“ statt – die letzte offene Bühne im Landkreis Heidenheim. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Manuela Wolf 09.06.2018
Die Liebe zur Musik bringt im „Grünen Kranz“ in Heidenheim Künstler und Zuhörer zusammen. Oft sitzt man bis Mitternacht zusammen – oder noch länger.

Es ist der zweite Samstag im Monat, es ist 20 Uhr und es ist „Folk Club“ im „Grünen Kranz“. Rund um die Paul-Priem-Straße sind die Parkplätze knapp. Drinnen im urigen Gastraum sind nur noch vier Stühle frei: ganz vorne, auf der einzig verbliebenen offenen Bühne im gesamten Landkreis Heidenheim.

Die Regeln sind einfach. Drei Titel, kein Verstärker, Stilrichtung frei wählbar. Talent und Erfahrung sind Nebensache. Wer Lust hat, seine Freude an guter Musik mit einem gut gelaunten Publikum zu teilen, ist herzlich willkommen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Und so tritt hier ein ums andere Mal eine bunt zusammengewürfelte Künstler-Schar auf, präsentiert Country, Südamerikanisches, Pop und Rock, mal Solo, mal zu zweit oder gleich zu mehrt, auch Schwäbisches ist mit dabei, Klassiker, Ohrwürmer, Folk, Hannes Wader, Bob Dylan. Es ist wild, es ist unberechenbar und deshalb fantastisch. Ein Abend wie ein Überraschungs-Ei.

Auf Abwechslung achten

Mittendrin sitzt Colin Jackson. Er nimmt die Anmeldungen entgegen und legt fest, in welcher Reihenfolge die Künstler auftreten. „Ich bin kein Moderator. Es braucht einfach nur jemanden, der bei den Musikrichtungen auf Abwechslung achtet und sagt: Du spielst jetzt, ihr spielt später. Je nachdem, wie viele Musiker da sind, lege ich fest, ob drei Stücke gespielt werden oder auch mal fünf oder sechs. Ziemlich relaxed.“

Im Wechsel mit Norman Angus, der die Idee der offenen Bühne vor vielen Jahren aus seiner englischen Heimat auf die Ostalb gebracht hat, ist Jackson mal Ansprechpartner an diesen Abenden, mal steht er mit einem Sänger auf der Bühne und spielt Bass dazu. Und manchmal sitzt er einfach nur mit dabei und genießt die Musik, die Gesellschaft all der gut gelaunten Menschen, die Atmosphäre.

Auch Wirtin Karin Schnapper liebt diese Samstagabende. Musik, die mit Leidenschaft gemacht ist und durchs Ohr direkt ins Herz geht, beschwingt Körper, Geist und Seele, „die Arbeit ist plötzlich keine Arbeit mehr“. Die Seniorin wuselt nimmermüde singend und summend zwischen den Gästen umher. Heiterkeit, Rhythmus, Neugier, Gesang und Beifall, Gelächter und wippende Hüften und Füße, im Gastraum rumort es angenehm vor sich hin. Manchmal legt Karin Schnapper einen kurzen Stopp am Tresen ein. „Das Lied ist so klasse“, sagt sie dann. Genießt. Und weiter geht es im Takt, der Gast am langen Tisch in der Mitte hat per Handzeichen für sich und seinen Nachbarn ein Bier bestellt.

Ob Neuling oder alter Hase, der Samstagabend im „Grünen Kranz“ gilt vielen Künstlern aus der näheren und weiteren Umgebung als Feuerprobe. Wie kommt Neues, auch wenn es schon zigmal in den eigenen vier Wänden geprobt und für gut befunden wurde, bei den Leuten an? Nach einer kleinen Pause sind nun Johannes Fiedler und sein Freund Gerd Schock an der Reihe. Auch sie nutzen den „Folk Club“ seit dreieinhalb Jahren immer wieder mal, um sich selbst auszuprobieren. An vielen anderen Abenden sind sie Gäste statt Künstler. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Fiedler. „Jeder, der hier spielt, bekommt eine tolle Resonanz.“

Der Auftritt im „Grünen Kranz“ ist kein Auftritt im klassischen Sinn. Es ist ein liebenswertes Miteinander. Wohlwollen und Motivation auf der einen, alles geben für gute Unterhaltung auf der anderen Seite. Auch Hansi Linde, der schon mit vielen verschiedenen Musikern auf vielen verschiedenen Bühnen gespielt hat, ist voll des Lobes fürs Publikum: „Das habe ich nirgendwo bisher so erlebt wie hier. Die Leute kommen wirklich, um zuzuhören. Alle sind leise. Einfach toll.“

In England wie in Heidenheim

Und während Hansi Linde statt der an diesem Abend vorgegebenen drei auf Zurufe aus dem Publikum gleich vier Titel spielt, sitzt Andreas Jean im Nebenzimmer und raucht. Mit seiner samtigen Rockstimme und begleitet von Annette Baro an der Gitarre, hat er eben Frank Sinatras „I did it my way“ in den Saal geschmettert. Der Refrain verlangt zum Ende hin Kraft und Lautstärke.

„Unterstützung bitte, jetzt kommt die schwierige Stelle“, hatte er ein ums andere Mal lachend in den Saal gerufen, und die Zuhörer stimmten wie selbstverständlich mit ein. Im zweiten Stück dann der große Patzer. Abbruch mitten im Lied. Wo wieder einsteigen? Wie wieder anfangen? Andreas Jean: „Annette und ich, wir haben es vorhin voll versemmelt. Trotzdem war das ein superschöner Moment. Das macht diese kleine Bühne hier aus.“

Es lohnt übrigens, nach Ende des offiziellen Teils sitzen zu bleiben. Denn dann rücken oft alle am großen Tisch zusammen. Ein paar Instrumente, viele Sänger und viel Liebe zur Musik. „In England ist das so üblich“, sagt Colin Jackson. In Heidenheim inzwischen auch.

Offene Bühne: jeden zweiten Samstag im Monat

Jeden zweiten Samstag im Monat verwandelt sich das Gasthaus „Grüner Kranz“ in eine offene Bühne für Musikliebhaber. Auch Neulinge sind willkommen.

Der nächste Termin ist am Samstag, 9. Juni, im Gasthaus „Grüner Kranz“. Ab 20 Uhr kann man unterschiedlichen Musikrichtungen lauschen - und jeder, der Spaß an Musik hat, kann diese mit dem Publikum teilen. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Die Regeln: Jeder, der auf der Bühne stehen will, muss drei Titel mitbringen, darf keinen Verstärker benutzen und hat die Möglichkeit, die Stilrichtung frei zu wählen.

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