Asyl Flüchtlinge sollen die Lücke in der Altenpflege schließen

Nächstes Jahr wird es erstmals speziell für Migranten an der Maria-von-Linden-Schule eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer geben. Lehrerin Antja Butzke (rechts) hat bereits einige ihrer Deutschschüler in Praktika in Heime vermittelt.
Nächstes Jahr wird es erstmals speziell für Migranten an der Maria-von-Linden-Schule eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer geben. Lehrerin Antja Butzke (rechts) hat bereits einige ihrer Deutschschüler in Praktika in Heime vermittelt. © Foto: Markus Brandhuber
Karin Fuchs 21.06.2016
In der Altenpflege wird händeringend nach Personal gesucht. Einen Teil dieser Fachkräftelücke schließen könnten Flüchtlinge.

Samsidim, kurz Sam genannt, kam vor gut eineinhalb Jahren aus Gambia nach Heidenheim. Vorige Woche erst hat er einen ersten Deutschtest bestanden, doch das ist erst der Anfang. Er will mehr: arbeiten, Geld verdienen, eine eigene Wohnung, auf eigenen Füßen stehen. Rundum: eine Zukunft in Deutschland.

Der 20-Jährige ist seit drei Wochen Praktikant in einem Altenpflegeheim. Es ist seine erste Berührung mit diesem Beruf. Wie Menschen in einem deutschen Altenheim leben, hat der junge Mann früher nicht gekannt. In seinem Heimatland pflegte man die alten Menschen weitgehend in der Familie. Er ist allein nach Deutschland gekommen, seine Eltern leben weiter in Gambia. „Daheim würde ich später einmal meine Eltern pflegen“, erzählt er.

Er kam ohne Ausbildung nach Deutschland. Nun will er in Deutschland in den Pflegeberuf einsteigen, und das nicht nur als Praktikant. „Ich will helfen“, sagt der junge Mann zu seiner Motivation. Der 20-Jährige ist nicht der einzige Flüchtling, dem die Arbeit in der Pflege schmackhaft gemacht wird. Einem Berufsfeld, das auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein sicherer Hafen ist, weil es an Fachkräften mangelt.

Sam sitzt zusammen mit knapp 30 jungen Menschen, überwiegend Männer, in einem Klassenzimmer der Maria-von-Linden-Schule. „Eine Ausbildung ist wichtig für die Integration und um Geld zu verdienen“, sagt Schulleiter Willi Benneger. 2500 Euro könne ein Altenpfleger verdienen, mehr als ein Automechaniker. Zudem sind die Berufsaussichten nicht schlecht: Allein im Landkreis Heidenheim sind bei der Agentur für Arbeit derzeit 25 offene Stellen speziell als Altenpfleger oder Altenpflegehelfer gemeldet. Tendenz steigend.

Anja Butzke kennen die meisten der Anwesenden bereits. Sie ist Deutschlehrerin und hat die Flüchtlinge bisher unterrichtet. Früher war sie selbst in der Altenpflege beschäftigt und unterrichtet dieses Fach auch. Daher ihre Affinität zu diesem Berufsfeld, das sie nun den jungen Migranten und Flüchtlingen ans Herz legt. Aufgelegt wurde diese spezielle Ausbildung für Migranten vom Regierungspräsidium. Im Dezember hatte die Maria-von-Linden-Schule den Ausbildungsgang beantragt, vorige Woche kam die Genehmigung.

Dass die Klasse voll belegt sein wird, daran hat Schulleiter Willi Benneger keinen Zweifel. Allein bei der ersten Infostunde mit knapp 30 Teilnehmern meldeten zehn ihr Interesse an. Einer berichtet, er habe sogar schon seine Bewerbung ans Pflegeheim geschrieben und abgeben. Auch Munir will sich noch bewerben. Der 16-Jährige floh vor knapp zwei Jahren mit seiner Familie aus Syrien. Ihm ist die Altenpflege nicht ganz unbekannt: Sein Vater habe in Syrien bereits in der Altenpflege gearbeitet, erzählt er in gutem Deutsch. Deshalb glaube er, dass ihm dieser Beruf gefallen werde.

Auch wenn die Chancen in der Altenpflege groß sind, sollen nicht alle Flüchtlinge in diese Sparte gepresst werden. Einer meldet sich, dass er lieber Automechaniker werden wolle, warum das nicht angeboten werde? Ein anderer will Friseur werden. „Wenn kein Interesse da ist, dann funktioniert es nicht“, sagt Waltraud Träger, ebenfalls Lehrerin in der Altenplfege. Die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen.

Gerade auf Migranten wie Sam, die noch deutsch lernen müssen, ist die Stundentafel bei der Ausbildung zum Altenpflegehelfer zugeschnitten. Im ersten Jahr erhalten sie in der Berufsschule verstärkt Deutschunterricht. Drei Tage in der Woche arbeiten sie im Heim oder in der mobilen Pflege und verdienen 800 Euro. Zu den berufsspezifischen Fächern werden die angehen Altenpflegehelfer auch Staatskunde und werden in Religion unterrichtet. Letzteres sei wichtig, um etwas über den Glauben der Menschen zu erfahren, die sie pflegen. Am Ende der zweijährigen Ausbildung werden sie einen Deutschabschluss abgelegt haben, mit dem sie sogar einen Einbürgerungstest absolvieren könnten.

Sam spricht gut englisch, sein deutsch ist noch etwas holprig. Doch die Unterhaltung mit den Menschen im Heim klappt trotzdem gut, berichtet er. „Auf schwäbisch“.