Heidenheim Feuerwehr, Familie und Job: Der schwierige Spagat der Helfer

Sascha Jäger mit seiner Tochter Lily: Sie muss oft auf ihren Vater warten, denn er ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und oft im Einsatz.
Sascha Jäger mit seiner Tochter Lily: Sie muss oft auf ihren Vater warten, denn er ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und oft im Einsatz. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Silja Kummer 11.02.2018
Die Einsätze sind zeitaufwendig, belastend und bringen oft auch noch Probleme bei der Arbeit mit sich. Trotzdem leisten viele Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr einen Dienst an der Gesellschaft, der nur selten gedankt wird. Warum tun sie das?

Sascha Jäger sitzt mit seiner Tochter Lily in der Badewanne. Die Kleine ist ein Jahr alt und freut sich über den Badespaß mit Papa. Da geht der Piepser los, die Kinderzeit ist schlagartig beendet. Sascha Jäger übergibt Lily an seine Lebensgefährtin Juliana Balluff, zieht sich in Windeseile an und fährt zur Feuerwache.

„So ist es oft“, sagt Juliana Balluff schulterzuckend, „ein Einsatz kommt nie gelegen.“ Trotzdem würde sie das Ehrenamt ihres Partners nie in Frage stellen. „Ich habe ja gewusst, worauf ich mich einlasse“, sagt die junge Frau.

Großbrand am Geburtstag

Hinter jedem der 60 Heidenheimer Feuerwehrmänner und -frauen stehen Partner, Eltern, Kinder, Freunde – und sie alle tragen das mit, was die Feuerwehrleute leisten. „Nicht wir sind die Helden, sondern die, die hinter uns stehen“, sagt Dennis Straub. Er ist nicht nur Feuerwehrmann, sondern auch Pressebeauftragter der Feuerwehr. Er geht selbst in Einsätze, fährt aber auch im ganzen Landkreis zu Bränden und Unfällen, um sie zu dokumentieren. Und er hat eine kleine Tochter.

Emily wurde am 11. Januar zwei Jahre alt. An diesem Tag wütete ein Großbrand bei der Firma Edelmann, Straub war die ganze Nacht zuvor im Einsatz, kurz zum Schlafen zu Hause, hat zwei Stunden Geburtstag gefeiert, dann ging es wieder zum Einsatz. „Wie sie die Geschenke ausgepackt hat, habe ich mir später als Video angesehen“, bedauert er.

Auch Roland Lehnert kennt dieses Gefühl. Die Kinder des 48-Jährigen sind mittlerweile schon groß, aber auch er glaubt, dass er manche Entwicklungsschritte einfach verpasst hat, weil er nicht da war. Heute unterstützt ihn die 18-jährige Tochter, steht schon mit dem Autoschlüssel an der Tür, wenn sie hört, dass der Alarm losgeht.

64 Einsätze in 31 Tagen

Der Januar war für die Heidenheimer Feuerwehr ein absolut außergewöhnlicher Monat: 64 Einsätze, darunter das zwei Tage andauernde Feuer bei Edelmann, ein Hausbrand an der Nördlinger Straße, zwei tödliche Unfälle auf der Autobahn. „Außerdem war ein Brandstifter unterwegs, was einen immer mit einem mulmigen Gefühl schlafen gehen lässt“, sagt Dennis Straub. Neben der unplanbaren Abwesenheit der Feuerwehrleute plagt die Angehörigen nicht selten auch die Angst: „Mir ist jedes Mal bewusst, dass er in Gefahr ist“, sagt Juliana Balluff.

Beim Edelmann-Brand rückte diese Sorge für kurze Zeit ganz nahe an die Realität: Der Trupp mit Sascha Jäger verlor kurzzeitig die Orientierung im komplett verqualmten Keller, musste einen Notruf an die Kollegen absetzen. „Da wird einem kurz mal ganz anders“, kommentiert Dennis Straub diese Situation.

Maximal eine halbe Stunde reicht die Luft, die die unter Atemschutz arbeitenden Feuerwehrleute bei sich haben. Kommt Panik dazu, wird mehr Sauerstoff verbraucht und die Zeit wird knapper. Dann kann ein unbekannter, weitverzweigter und stark verrauchter Keller zur Todesfalle werden. Glücklicherweise stieß kurze Zeit später ein anderer Trupp auf Sascha Jäger und seinen Kameraden, niemand kam zu Schaden. Aber die Gefahr war in greifbarer Nähe. Warum begibt man sich freiwillig in solche Situationen?

Eine spontane Antwort auf diese Frage fällt keinem der Feuerwehrmänner ein. „Eigentlich habe ich davon keine Vorteile“, sagt Sascha Jäger achselzuckend. Er ist hineingewachsen in die Feuerwehrtätigkeit, auch der Vater und sein Onkel waren dabei. Mit zwölf Jahren stieg er bei der Jugendfeuerwehr ein. „Diese Blaulichtsache muss einem einfach liegen“, meint er, es sei eine Art Berufung.

Während eines Freiwilligen Sozialen Jahres beim Rettungsdienst hat er noch medizinische Kenntnisse dazugewonnen und sieht sich nun „einfach prädestiniert dafür, zu helfen.“ Eine Art Helfersyndrom, so nennt es auch Dennis Straub, was ihn dazu antreibt, für die Feuerwehr einen Großteil seiner Freizeit zu opfern: „Wenn ich eine Notsituation sehe, will ich etwas tun“, sagt er.

Belastend, so der Pressesprecher der Feuerwehr, sei es jedoch für jeden Freiwilligen, wenn er aufgrund der Einsätze Ärger an seiner Arbeitsstelle bekomme. „Manchmal ist es auch gar nicht der Chef, der ein Problem hat, sondern es gibt Kollegen, denen das nicht passt“, erzählt er.

Volle Unterstützung vom Chef

Sascha Jäger, der sich noch in der Ausbildung bei der Firma Zeiss in Oberkochen befindet, hat für seine Feuerwehrtätigkeit volle Unterstützung vom Arbeitgeber. Allerdings hat er tagsüber keinen Funkempfang und kann deshalb während der Arbeitszeit nicht alarmiert werden. Wenn er aber beispielsweise einen freier Tag nehmen will nach einem nächtlichen Einsatz, sei das meist kein Problem, berichtet er. Grundsätzlich müssen die Feuerwehrleute die Zeit, die sie im Einsatz sind, nacharbeiten oder dafür freie Tage nehmen, erläutert Dennis Straub.

Feuerwehr als Beruf

Roland Lehnert hat seine Feuerwehrtätigkeit sogar beruflich nutzen können: Er war früher als Grundierer bei Voith beschäftigt und wechselte dann 2014 zur Werkfeuerwehr, wo eine hauptamtliche Stelle als Gerätewart frei wurde. „Schon als kleiner Bub fand ich die Feuerwehr faszinierend“, erinnert er sich. Über die Jugendfeuerwehr fand Lehnert den Einstieg, bis heute ist er dabeigeblieben. „Ich finde die technische Seite genauso interessant wie den Aspekt des Helfens“, sagt er.

Das Vorurteil, dass Feuerwehrleute sich gerne wichtig machen und am liebsten mit „Tatütata“ durch die Stadt fahren, bestätigt sich bei keinem der drei Freiwilligen. „Darum geht es wirklich nicht“, sagt Dennis Straub. Die guten Momente der Feuerwehrtätigkeit sind oft die kleinen: „Am Morgen nach dem Brand bei Edelmann hat mir ein Mitarbeiter, der zur Arbeit kam, auf die Schulter geklopft“, erinnert sich Sascha Jäger. Das unverhoffte Lob eines Einzelnen wiegt manchmal schon die Anstrengung einer ganzen Nacht auf.

Und auch die Geste der Firma, die der Feuerwehr 250 Karten für ein FCH-Spiel schenkte, kam bei den Helfern sehr gut an. „Als der Stadionsprecher die Feuerwehrleute gelobt hat, da war ich stolz, dass ich auch dazugehöre“, sagt Dennis Straub.

Und später, da ist sich der Familienvater sicher, wird auch Emiliy verstehen, warum er an ihrem Geburtstag beim Geschenkeauspacken nicht dabei sein konnte.

Wie läuft die Ausbildung bei der Feuerwehr? Wir waren im Brandübungscontainer:

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