Heidenheim Faktencheck: Welche Zucchini sind gefährlich?

Sehen so „Mörder“ aus? Trotz aller Schlagzeilen der Boulevardpresse sind Zucchini auch weiter nicht gefährlich. Bittere Mutationen kann es geben, aber ein normaler Mensch spuckt's aus.
Sehen so „Mörder“ aus? Trotz aller Schlagzeilen der Boulevardpresse sind Zucchini auch weiter nicht gefährlich. Bittere Mutationen kann es geben, aber ein normaler Mensch spuckt's aus. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Erwin Bachmann 09.08.2018
Gemüse aus dem eigenen Garten: Was eigentlich als besonders gesund und bekömmlich gilt, droht plötzlich in Verruf zu geraten, seit sich ein Rentner aus Heidenheim mit Zucchini aus Eigenanbau vergiftet hat. Wächst da im Kleingarten eine Gefahr heran? Zeit, mal einige Experten zu fragen.

Die Frage stellt sich vielen Hobbygärtnern und Gemüse-Liebhabern, und sie bewegte 2015 halb Deutschland, nachdem Todesfall des 79-jährigen Heidenheimers ein bundesweites Medienecho ausgelöst hatte.

Doch nicht unbedingt alles, was da geschrieben und gesendet wird, trägt zur Aufklärung bei, manches eher zur Verunsicherung und Panikmache. Die Bild etwa spricht schon vom“Killer-Zucchini“.

Für sachdienliche Antworten auf durchaus drängende Fragen stehen verschiedene Quellen Verfügung. Eine anerkannt gute Adresse ist in Stuttgart, beim Chemischen- und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA). Dort sind Zucchini-Proben untersucht worden, die sich in Resten jenes Eintopf-Gerichtes fanden, das zum Tode des 79-jährigen Heidenheimers geführt hatte.

Für die Leitende Chemiedirektorin Maria Roth war es der erste Fall in dieser staatlichen Behörde, wo man über den aktuellen Fall hinaus zum selben Schluss kommt wie Norbert Pfeufer, Leiter der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Heidenheim, in dem der Mann zusammen mit seiner inzwischen wieder genesenen Frau behandelt worden war.

Vor dem Kochen ein Stück probieren

Wer bittere Erfahrungen mit Zucchini vermeiden und jedes Risiko ausschließen will, sollte ein ganz kleines Stück von dem Gemüse roh probieren, bevor es verarbeitet wird. Schmeckt es bitter, also richtig bitter, ist Vorsicht geboten, und das Grünzeug sollte ungeachtet aller Liebe zum Selbstangebauten im Mülleimer statt im Kochtopf landen, weil es die giftige Substanz Cucurbitacin enthalten könnte.

Dieser Bitterstoff dient der Pflanze zur Abwehr von Fressfeinden, ist aus Kürbisgewächsen wie Gurken und Zucchini aber längst herausgezüchtet worden. Allerdings können sie in Einzelfällen durch Rückmutationen und Rückkreuzungen das Gift doch enthalten, das dann die Schleimhaut im Magen-Darm-Bereich auflöst.

Eine Gefahr besteht zum Beispiel im Kleingärtnerbereich, wenn mit eigenem Samen jedes Jahr wieder Zucchini hochgezogen werden oder auch, wenn Speisepflanzen neben Zierpflanzen angebaut werden“, erklärt Dr. Claudia Finkbeiner vom Fachbereich Gesundheit im Landratsamt Heidenheim.

Nach übereinstimmenden Aussagen vieler Fachleute kommt der Bitterstoff dann verstärkt vor, wenn altes, aufbewahrtes Saatgut verwendet wird oder die Zucchini-Pflanze sich mit Hilfe von Bienen mit anderen Pflanzen wie Zierkürbissen kreuzt.

Bitterstoffe verschwinden nicht beim Kochen

Entgegen der in manchen Hausfrauenkreisen vorherrschenden Meinung verschwindet der Bitterstoff übrigens selbst beim Kochen nicht. Darauf weist man auch im Stuttgarter Untersuchungsamt hin, wo man es nicht für ausgeschlossen hält, dass auch die langanhaltende Hitze mit eine Rolle spielt.

„Manche Pflanzen, die in Stress geraten, produzieren Gifte,“ lässt CVUA-Amtsleiterin Maria Roth Chat auf Medienanfragen wissen. Alles in allem hält die Expertin die Vergiftungsgefahr durch Bitterstoffe in Zucchini allerdings für extrem gering. Nach ihrem Kenntnisstand seien vereinzelt in Indien bereits Menschen nach dem Verzehr von Kürbissen mit dem giftigen Stoff Cucurbitacin gestorben - jedoch bislang nie nach dem Kosum von Zucchinis. „Ein normalgesunder Mensch spuckt das entsprechende Gemüse wegen des bitteren Geschmacks gleich wieder aus.“

Immerhin: Der jüngste Fall einer Zucchini-Vergiftung in Deutschland liegt erst wenige Tage zurück und weist starke Parallelen zum Heidenheimer Geschehen auf. In Rosenheim hatten sich bei einem Ehepaar nach dem Genuss gedünsteter und auffallend bitter schmeckender Zucchini ebenfalls üble Bauchschmerzen und Erbrechen eingestellt, was beide zunächst als Bauchgrippe abtaten. Erst als dann auch blutiger Stuhl und bösartige Bauchkrämpfe dazukamen, suchten die beiden Hilfe beim Hausarzt.

Wer als Verbraucher jedem Risiko aus dem Weg gehen und auf Eigenanbau nicht verzichten will, sollte sich jedes Jahr ein neues Tütchen mit Samen kaufen. Oder sich mit dem Fertigprodukt aus dem Handel begnügen, dessen Produkte von Kulturpflanzen stammen, die als unbedenklich gelten.

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