Heidenheim Eröffnungskonzert der Opernfestspiele: Solo mit Hüftschwung

Auftakt nach Maß: Josep Caballé-Domenech und Nürnberger Staatsphilharmoniker beim Eröffnungskonzert im CC.
Auftakt nach Maß: Josep Caballé-Domenech und Nürnberger Staatsphilharmoniker beim Eröffnungskonzert im CC. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Dina Grossmann 26.06.2018
Das Eröffnungskonzert mit dem Klarinettisten Reto Bieri und der Staatsphilharmonie Nürnberg unter Josep Caballé-Domenech bestach musikalisch und in Sachen Dramaturgie.

Mit einem kontrastreichen Konzert begannen am Sonntagabend die 54. Heidenheimer Opernfestspiele vor 810 Besuchern im Congress-Centrum. Zwar standen nur zwei Komponisten auf dem Programm, diese hatten allerdings gänzlich verschiedene Absichten, Stilmittel und Lebensumstände.

Gerade mal neun Tage benötigte der 18-jährige Franz Schubert, um seine dritte Sinfonie zu schreiben. Sie entstand für ein Amateurorchester, in dem er selbst Bratsche spielte. Ein junger Komponist und ein Liebhaber-Ensemble: Was kann man da erwarten? Johannes Brahms jedenfalls war der Meinung, man solle Schuberts „Jugendsinfonien“ lieber nicht veröffentlichen.

Eine Fülle von Affekten

Zumindest die Gefahr einer dilettantischen Darbietung konnte beim Eröffnungskonzert ausgeschlossen werden. Mit der Staatsphilharmonie Nürnberg hatte Festspielleiter Marcus Bosch ein exzellentes Ensemble eingeladen, an dessen Dirigentenpult er selbst noch bis vor kurzer Zeit gestanden hat. Diesmal unter der Leitung von Josep Caballé-Domenech kreierte das Orchester eine Fülle von Affekten, die dafür sorgten, dass Schuberts Dritte trotz ihrer streckenweise vorhandenen Simplizität niemals trivial erschien.

Zart verspielte Holzbläser-Soli im Eröffnungssatz gelangen ebenso meisterhaft wie die jugendliche Energie, die einem im letzten Satz nur so entgegen sprang. Nicht zuletzt war dies wohl dem jungen Konzertmeister geschuldet, der die Gruppe mit viel Elan und Frische anführte.

Nach diesem leichten, unterhaltsamen Werk der deutschen Frühromantik wurde das Orchester um Harfe, Tuba, Kontrafagott und Schlagwerk erweitert. Man hätte an dieser Stelle etwas Pompöses erwarten können. Doch das anschließende Stück entpuppte sich als ein feines, anrührendes Meisterwerk, das in erster Linie durch leise Klänge seine Pracht entfaltete.

„Khayyam“ ist nicht nur der Titel von Fazil Says Klarinettenkonzert, sondern auch der Name jener Person, deren Leben und Wirken hierin vertont wurde. Es handelt sich um den 1048 geborenen persischen Philosophen, Wissenschaftler und Dichter Omar Khayyam. Einige seiner Verse hatte der türkische Pianist vor sechs Jahren auf Twitter veröffentlicht und war daraufhin zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Vorwurf: Verunglimpfung religiöser Werte.

Khayyam war ein Freigeist. Ein Skeptiker, der eine klare Position zu religiösem Fanatismus bezog. Auch Say ist nicht nur Künstler, sondern darüber hinaus atheistischer Bürgerrechtler. Als Pianist wurde er berühmt, doch beschränken sich seine Fähigkeiten keineswegs auf das klassische Klavierspiel. Er komponiert, improvisiert, überschreitet Grenzen. Sein Klarinettenkonzert ist 2011 von der renommierten Solistin Sabine Meyer erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden.

Markante Rhythmik

In Heidenheim wurde der Solopart von Reto Bieri übernommen. Der Schweizer Klarinettist zauberte gleich zu Beginn ein Bild von der in morgendliches Sonnenlicht getauchten Stadt Istanbul, der Wahlheimat Fazil Says. Man konnte den jungen Omar Khayyam über Plätze und durch Gassen spazieren sehen. Zunächst leichtfüßig und zugleich nachdenklich, später dann aufgewühlt und voller Zweifel. Bieri hat Says Klarinettenkonzert bereits mehrere Male mit diversen Orchestern aufgeführt und im Vorfeld Khayyams Schriften ausführlich studiert. Auch der Komponist ist ihm bestens bekannt, denn er hat bereits mit ihm musiziert. Sicherlich spielen diese Umstände eine Rolle, wenn es um die Interpretation dieses Werkes geht. Reto Bieri trägt alles Nötige in sich, spielt demnach auswendig und lässt sein Instrument eine ihm wohlvertraute Geschichte erzählen. Berührend, spannend und voller Hingabe. Besonders im zweiten Satz kam seine technische Versiertheit zum Vorschein. Dieser begann nicht etwa virtuos, sondern mit einem melancholischen Pianissimo. Leise, wunderschöne Töne. Auch das ist eine Kunst.

Zunächst nur von der Klarinette hervorgebracht, entwickelte sich anschließend ein Dialog mit dem Solo-Cellisten, in dem sich beide Instrumente zärtlich umschmeichelten. Laute, markante Rhythmen bildeten den Kontrast, der diese Komposition zu einem vielschichtigen, hochinteressanten Werk macht. Das Publikum war so begeistert, dass Bieri mit Hüftschwung, fliegenden Fingern und wippenden Füßen ein mitreißendes Klezmer-Stück zugab.

Schuberts fünfte Sinfonie, die nach der Pause den Kreis schloss und den letzten Beitrag bildete, wirkte gegen diesen spektakulären Auftritt wie ein Volkslied. Aber auch das ist eine mögliche Konzertdramaturgie. Ein Programm muss nicht immer als Crescendo aufgebaut sein, das mit einem sogenannten „Rausschmeißer“ endet. Das Eröffnungskonzert gestaltete sich eher als ein Messa di voce: ein An- und wieder Abschwellen. Und so hervorragend dargeboten wie von den Nürnbergern, ist eine weitere Schubert-Sinfonie ein äußerst angenehmer Ausklang.

Beethoven mal zwei

Das nächste Konzert der Opernfestspiele ist das Gala-Konzert, das es heuer gleich doppelt geben wird: am Sonntag, 8. und Montag, 9. Juli, ab 20 Uhr im CC. Auf dem Programm unter anderem: Beethovens Neunte. Karten gibt's im Ticketshop des Pressehauses in Heidenheim.

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