Heidenheim / Manfred F. Kubiak  Uhr
Im Naturtheater ist man mit der Saison zufrieden und vom Erfolg der „Hexenjagd“ angenehm überrascht.

Wer verzichtet schon freiwillig auf Rekordzahlen? Nun, das Naturtheater in Heidenheim beispielsweise. Hier überraschte man, indem man Arthur Millers „Hexenjagd“ auf den Spielplan setzte, in dieser Saison bekanntlich mit einer regelrechten Kehrtwende in Sachen Programmgestaltung ein Publikum, das sich in den vergangenen Jahren ganz gern an leichtere Kost vor allem der Gewichtsklasse Musicals gewöhnt und dafür beinahe jährlich mit neuen Besucherrekorden gedankt hatte.

„Hexenjagd“? Das könne nicht gutgehen, hatten die einen die Aussicht auf ein Fiasko an die Wand gemalt. Andere wiederum hatten frohlockt und daran erinnert, dass es sich beim Naturtheater ja letztendlich nicht um einen Unterhaltungs-, sondern um einen seriösen Theaterverein handele. Das Gegenteil hatten wieder andere nicht zuletzt deshalb bereits geargwöhnt, da in diesem Jahrtausend bislang die Spielplanpolitik im Naturtheater tatsächlich fast ausnahmslos auf Musicals oder Filmadaptionen fixiert gewesen war.

Lieber nur leichtere Kost?

Ausnahmen waren die Jahre 2004 mit Carl Zuckmayers „Katharina Knie“ und 2010 mit dem eher als Appetithappen und nicht als klassisches Schwergewicht konzipierten „Faust“ gewesen, die beide allerdings eindeutig nicht zu Publikumsrennern geworden waren. Mit „Hamlet“ hatte letztmals 1997 ein nicht auch wenigstens komödiantisch bekömmlicher Klassiker auf dem Programm gestanden.

Nun ist die Saison 2015 beendet – und die Besucher haben mit den Füßen eine höchst spannende Frage beantwortet: Goutiert das Publikum ein Drama von der Kragenweite der „Hexenjagd“ in einem vergleichbaren Maße wie eine „Lieselotte-Pulver-Trilogie“ oder war der Boom der vergangenen Jahre mit alljährlich neuen Rekordzahlen von 20 000 und mehr Besuchern tatsächlich nur der Fokussierung auf die eher leichte Theater-Muse zu danken?

Die Antwort ist erfreulich eindeutig, gibt den Spielplanern des Naturtheaters recht und spricht gleichzeitig fürs Publikum. Denn mit insgesamt 12 220 Besuchern und einer dementsprechenden Auslastung von 74,4 Prozent hätten, was die „Hexenjagd“ anbelangt, im Vorfeld wohl nur Optimisten gerechnet. Und selbst wenn diese Zahlen selbstverständlich nicht an jene von „Kohlhiesels Töchter“ oder „Blues Brothers“ mit jeweils deutlich über 21 000 Besuchern und Auslastungsquoten von knapp unter 100 Prozent heranreichen, darf man von einem Erfolg reden. Insbesondere dann, wenn man weiß, dass die „Hexenjagd“ damit die, wenn man so will, in gewisser Weise vergleichbaren Stücke wie „Hamlet“, „Katharina Knie“ und „Faust“ zum Teil deutlich hinter sich gelassen hat. In den 80er und 90er Jahren war zog, wenn's nicht gerade ein Musical wie „Anatevka“ oder „Annie“ war, lediglich „Romeo und Julia“ 1991 mit über 16 000 Besuchern mehr Publikum. Allerdings bei mehr Vorstellungen, weshalb die Auslastung nur 57,3 Prozent und damit deutlich weniger als bei „Hexenjagd“ betrug.

Bedenken vor Saisonstart

Von einem „Erfolg“ spricht denn auch der Naturtheater-Vorsitzende Norbert Pfisterer: „Ich bin sehr zufrieden und hatte, ehrlich gesagt, nicht erwartet, dass die ,Hexenjad‘ eine so gute Auslastung erreichen würde.“ Ein paar Bedenken hatte man nur zum Saisonstart. „Anfangs war die Akzeptanz tatsächlich nicht so gut. Aber als sich sehr schnell herumgesprochen hatte, dass nicht nur das Stück toll ist, sondern auch die Inszenierung und die schauspielerischen Leistungen stimmen, sind die Leute auch gekommen und waren ehrlich begeistert. Wir haben viel Anerkennung bekommen.“

Nicht nur das. Pfisterer sieht auch den Verein als solchen gestärkt aus einer Saison wie dieser hervorgehen: „Es war wunderbar anzuschauen, wie viele gerade junge Leute im Einsatz und mit heißem Herzen dabei waren. Um den Nachwuchs müssen wir uns keine Sorgen machen. Das Naturtheater, das ist mein Eindruck, hat einen guten Stand in der Stadt. Und Stücke wie ,Hexenjagd‘ wird es auf jeden Fall wieder geben, denn dafür sind wir ja ja da. Es gibt so viele seichte Sachen etwa im Fernsehen, da muss das Naturtheater regelmäßig Farbe bekennen und eine klare Linie zeigen.“

Wobei in der kommenden Saison bekanntlich wieder auf ansprechendem Niveau gelacht werden darf, da 2016 Heinrich Spoerls „Feuerzangenbowle“ auf dem Spielplan steht, die praktisch jeder als Verfilmung mit Heinz Rühmann im Hinterkopf abgespeichert haben dürfte. Als Kinderstück wird dann „Die kleine Hexe“ nach Otfried Preußlers gleichnamigem Buchklassiker gereicht werden.

Apropos Kinderstück: Das war in der nun beendeten Spielzeit „Peter Pan“. Dessen Abenteuer lockten 26 243 Besucher auf den Schlossberg, was einer Auslastungsquote von 98,4 Prozent entspricht und dem Stück in der Rangliste der Kinderstücke, die normalerweise immer mehr Besucher anziehen als das Hauptstück, Platz vier beschert. Nach wie vor unerreicht in dieser Hinsicht – die Statistiken des Naturtheaters werden seit 30 Jahren archiviert – „Michel aus Lönneberga“ mit 27 715 Zuschauern. Das erfolgreichste Hauptstück nach dieser Rechnung ist „Sister Act“, das 2001 24 370 Besucher sahen.

Die Spielzeit 2015 im Naturtheater schloss mit insgesamt 38 463 Besuchern und einer Auslastung von 89,3 Prozent ab, was, die reine Besucherzahl zugrundegelegt, in der Statistik seit 2001 Platz zehn, in der Statistik seit 1984 Rang zwölf bedeutet.