Theater Entzückende Premiere: „Robin Hood“ im Naturtheater

Heidenheim / Manfred Allenhöfer 10.06.2013
Ein Fest der Sinne gibt es jetzt im Naturtheater zu erleben: Mit „Robin Hood“ ist der Theaterverein eingestiegen in die Sommersaison 2013; und eingerichtet wurde ein Stück mit viel Farbe und großer Liebe zum Detail, bei dem schon die Masken, Kostüme und tierischen Gestern der Akteure für helle Freude, ja Entzücken sorgen.
Mit knapp 150 Akteuren waren bei der Premiere am Sonntagnachmittag so viele Spieler auf der großen Bühne am Salamanderbächle wie noch nie. Das hat gewuselt und agiert und für mächtiges und doch selten lautes Vergnügen gesorgt. Dabei war die Inszenierung, für die Bettina Ostermayer und Markus Hirschberger verantwortlich zeichneten, hochgradig ambitioniert: Nicht nur der schieren Masse an Spiellustigen wollte man dramaturgisch Herr werden: Es ist ja schon ein großer Aufwand, mit Amateuren eine ebenso eigen- wie anständige Inszenierung zu Stande zu bringen.
 
Aber hier standen nicht nur Figuren auf der Bühne, die ein legendäres Geschehen verkörperten – sondern gleichzeitig war jeder auch noch ein bestimmtes, spezifisch zu charakterisierendes Tier. Und dazu kamen noch andere Ambitionen wie ein durchs Stück spielender und das Geschehen voranbringender Spielmann sowie allerlei Gewagtheiten wie etwa etliche Pfeil- und Bogenszenen. Und das wollte dann noch alles unter ein Dach einer auch kindgerechten Inszenierung gestellt sein.

Ein Stück - seit Jahrhunderten populär
 
Gespielt hat man das legendäre Geschehen um den historisch nie eindeutig belegten „Robin Hood“, der seit Jahrhunderten populär ist im Volk als ein wirkungsmächtiger „Geächteter“ auf der Seiten der Enterbten.
Im letzten Jahrhundert ist die irgendwo im Mittelalter situierte Figur auch nicht gerade entschlafen, wurden doch etliche Filme gedreht. Und ein schmuck gestrumpfter Mann wie Errol Flynn ist auch nach 75 Jahren (1938!) noch als „König der Vagabunden“ unvergessen.
 
Ostermayer und Hirschberger haben sich in einen 40 Jahre alten Film verschaut: in Walt Disneys Trickfilm von 1973. Und der Film hat die Vertierlichung der Menschen vorgemacht. Aber was ein gezeichneter Trickfilm mit konstruierendem Können nach Gusto „tricksen“ kann, ist mit Menschen nicht leicht nachempfunden, zumal mit Amateuren. Doch wenn's gelingt, ist's dann ein doppelter Spaß.
 
Und man darf der Inszenierung des Naturtheaters bescheinigen, dass sie nicht „klaut“, sondern sich von Walt Disney inspirieren und stimulieren lässt zu einer völlig eigenständigen Inszenierung, die durchweg großen Spaß macht, obwohl man dem gepflegten Klischee immer wieder szenische Plätzchen einräumt und in der zweiten Hälfte dann auch noch einige Längen zu verzeichnen sind, die auch  zum vernehmbaren Nachlassen der Konzentration bei etlichen kindlichen Zuschauer führten.

Bezaubernde Farbigkeit des „Robin Hoods“ 
 
Aber das ändert nicht an der großen, beeindruckenden, bezaubernden Farbigkeit des „Robin Hoods“ von 2013. Die Inszenierung wimmelt von guten, oftmals kleinen und eher leisen Ideen und zeugt durchweg von großer Liebe zum Detail. Dass auf der Bühne sich Getier der allerunterschiedlichsten Art tummelt, war beileibe nicht nur unglaubliche und anderthalb hundertfache Herausforderung für die Abteilungen Kostüm und Maske: In quantitativer und qualitativer Hinsicht haben Sonja Fritz sowie Inge Eisenschmid und Christine Best und ihre kopfstarken Teams gute, fantasieanregende Arbeit geleistet.

Stehen doch auf der Bühne nicht nur so „geläufige“ Tierchen wie Fuchs (die Titelfigur), Wolf (der Sheriff von Nottingham, sein böser Antagonist), Löwe (Prinz John und abschließend mit mächtiger Mähne König Richard), Bär (Kumpan Little John) oder Hasen (Teile des Volks), sondern auch eine Schlange, Hyänen und Geier oder ein Huhn: Und da soll, stellvertretend für die oft mit kleinen Gesten und Bewegungen arbeitenden Doppeldarsteller, die „Lady Gluck“ von Julia Frank genannt, die schlicht begeisterte, ohne gestisch aufzutrumpfen. Herrlich, wie sie andeutend, doch durchweg tierisch assoziativ agiert – und sich am Schluss noch den Hahn angelt, der als Spielmann (episch und sängerisch gut und souverän agierend: Ingo Schneider) das Geschehen immer wieder kommentiert und dem Publikum unmittelbar nahebringt: „Wir Tiere im Sherwood Forest haben eine eigene Version der Geschichte. Und die wollen wir Euch jetzt erzählen“, meint er einleitend.

Marc Jahraus: Den Reichen nehmen, den Armen geben
 
Die Titelfigur spielte Marc Jahraus als sympathischen Fuchs, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, der die „Freiheit“ des Besitzlosen zu vertreten weiß und am Schluss die Verkörperung des Leitsatzes der Heidenheimer Inszenierung ist: „Alles wird gut“. Ihm zur Seite steht Little John: Christoph Harkai vermag dem bärigen Kumpel kräftige Konturen zu verleihen. Und Lars Sörös-Helfert spielt einen wölfischen Sheriff, der mit freudiger Konsequenz dem armen Volk die letzten Groschen wegnimmt – für die Steuer, die der ungerechte und gedemütigte Prinz John abverlangt: Oliver von Fürich spielt ein Mamasöhnchen, das auch auf dem Thron schon mal am Daumen leckt – und er schreit, wenn er die Tyrannis des Usurpators verdeutlicht, gewaltig und doch unterhaltsam ironisierend ins Mikro.   Möglich, dass er am Ende einer Aufführung um eine Kragendoppelweite zugelegt hat . . .
 
Auch das Volk und da nicht zuletzt die kindlichen Akteure wissen zu begeistern: Dank eigenen, oftmals herzerwärmenden Tuns, dann aber auch durch sorgsam gestaltete Masken, Kostüme und Bewegungsfolgen.
Auch das Bühnenbild (Christian Horn) und natürlich der Forest am Salamanderbächle tragen zur Wirkung des Stückes bei. Und auch die Musik spielt, nicht nur bei den Beiträgen des Spielmanns, eine nicht ungewichtige Rolle, um das Geschehen am lebendigen Fließen zu halten.
 
Die Botschaft der Inszenierung ist ein wenig naiv, aber herzensgut und auch immer mal wieder mit einem Augenzwinkern vorgetragen: „Eines Tages wird wieder Glück und Freude herrschen“. Dieser Zustand ist beim „Robin Hood“ des Naturtheaters knappe zwei Stunden lang jedenfalls sehr weitgehend erreicht.
 
 
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