Heidenheim Fahrrad statt Auto? „Könnte öfter vorkommen!“

Heidenheim / Marc Hosinner 12.07.2018
Eine Woche tauscht Redakteur Marc Hosinner den Pkw gegen das Fahrrad ein, um den Weg ins Büro und zurück zu bestreiten. Ein Erfahrungsbericht.

Die Schuhe sind klatschnass, die Socken triefen, die Brille beschlagen und der Rücken bis hinunter zur Wade verdreckt: Der Starkregen, der in Heidenheim auf Höhe der Firma Hartmann einsetzt und erst endet, als auf dem Heimweg Herbrechtingen erreicht ist, hat es in sich. Weil keine Schutzbleche am Rad vorhanden sind, gibt's die Dusche nicht nur von oben, sondern auch vorne und von hinten. So macht Radfahren nicht wirklich Spaß. Selbst schuld!

Doch der Reihe nach: Eigentlich wird der Weg zur Arbeit und zurück tagein, tagaus, bequem mit dem Auto zurückgelegt. Vom Giengener Schießberg geht es morgens in die Heidenheimer Innenstadt, wo das Gefährt in einer Tiefgarage im Zentrum abgestellt wird. Ein paar hundert Meter sind's dann noch zu Fuß ins Pressehaus. Abends geht's in umgekehrter Reihenfolge nach Hause. Wenn unterwegs keine Baustellen stören, geht das morgens eigentlich fast immer recht flott, weil wir Journalisten in der Regel dann mit der Arbeit beginnen, wenn beispielsweise bei Voith der Großteil schon länger am Schreibtisch sitzt. Der Weg zurück in den Wohnort ist gefühlt mit mehr Stress verbunden. Rote Ampeln nerven mehr als am Morgen.

Hin und her werden im Automobil 25,4 Kilometer zurück gelegt. Zwischen 20 und 25 Minuten dauert das einfach – die Kurzstrecke vom und zum Parkhaus mit eingerechnet.

Diese tägliche Routine soll jetzt gebrochen werden – für eine Arbeitswoche. Das Auto bleibt stehen, stattdessen geht es rauf aufs Rennrad, das sonst im Keller Staub ansetzt. Wird bestimmt ein Vergnügen. Oder doch nicht? Der erste Kilometer auf dem Weg nach Heidenheim ist schon mal sehr angenehm. Mit bis zu 40 Stundenkilometern geht es voran – bergab. Aber auch auf der Ebene macht das Treten in die Pedale Spaß. Kurz nach dem Giengener Bahnhof ist ein wirklich guter Radweg erreicht. Der führt bis nach Herbrechtingen, wird am Ortseingang aber jäh unterbrochen. Erst kommt eine Seitenstraße, dann die Hauptstraße mit Kreisverkehren. Erst in Bolheim, also etwa zwei Kilometer später, kommt der nächste Radweg. Von einem durchgängigen Radnetz, wie es auf den Asphalt mehrmals aufgemalt ist, kann jedenfalls keine Rede sein.

Aber das ist egal, die Kilometer fliegen nur so dahin, vorbei an stattlichen Maisfeldern und dann an Industriebauten in Mergelstetten. Von dort bis zum Pressehaus an der Olgastraße ist der Radweg perfekt ausgebaut.

Nach knapp 15 Kilometern ist das Ziel erreicht, 39 Minuten sind seit dem Start vergangen. Macht einen Schnitt von 23 Kilometern pro Stunde. Nicht ganz langsam, aber im Vergleich zu Profis eher Schneckentempo. Bei der Tour de France rollt das Feld durchschnittlich mit 45 Stundenkilometern auf Flachetappen voran. Im Vergleich zur Autofahrt ist der Zeitunterschied wirklich zu verschmerzen.

Anstrengend war die Fahrt per Rad nicht wirklich. Doch Temperaturen über 20 Grad Celsius und Sonne satt bewirken, dass der Körper schwitzt – und auch nicht aufhört, als der Bürostuhl erreicht ist. Jetzt wäre eine Dusche schön. Die gibt es aber – im Gegensatz zu anderen Firmen, in denen körperlich gearbeitet wird – bei der HZ nicht. Bleibt nur: Katzenwäsche und Klamottenwechsel auf dem Klo. Geht, ist aber nicht perfekt.

Für den Heimweg wird eine andere Strecke in Angriff genommen: Übers Haintal und den relativ neuen Radweg über den Suppenkopf. Bergetappe sozusagen. Auch das ist machbar, doch der Weg nach Giengen durch den Wald ist mit dem Rennrad auf dem Schotter bergab unangenehm. Dafür rollt es sich auf dem letzten geteerten Teilstück nach Giengen hervorragend.

Etwas platt, aber mit einem merklich zufriedenen Gefühl wird nach der Dusche auf der Couch Platz genommen – ein gekühltes Radler in der Hand.

Am zweiten Abend wird das gegen einen Tee getauscht. Der eingangs beschriebene Regen hat nicht nur die Laune abgekühlt. Dafür ist auf das Wetter und das Rad in den nächsten drei Tagen Verlass und der Weg zur Arbeit und zurück macht wirklich Spaß und baut Stress ab.

Einer der großen Vorteile, per Rad zu fahren, liegt darin, dass man, zu Hause angekommen, den Büroalltag komplett hinter sich gelassen hat – viel besser als beim Autofahren.

Finanzielle Vorteile

Den Schwaben müssten auch die finanziellen Vorteile des Radfahrens überzeugen: Legt man für den Pkw-Kilometer 30 Cent an Ausgaben zugrunde, kommen pro Monat etwa 160 Euro zusammen (ohne die Kosten für die Tiefgarage). Bei konsequenter Nutzung des Drahtesels wäre der Anschaffungspreis für ein Zweirad und die nötige Ausrüstung für schlechtes Wetter schnell wieder drin. Auch die Monatskarte für den Zug im Winter ließe sich noch bezahlen.

Viel höher als die ökonomischen Vorteile wiegen aber die ökologischen: Radfahren ist unbestritten besser für die Umwelt, als die tägliche Strecke zur Arbeit per Auto zurück zulegen.

Als hoch einzuschätzen sind auch die Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Radfahren verbrennt zum einen Kalorien – zwischen 250 und 300 waren es je Strecke, abhängig von der Geschwindigkeit. In der Summe kamen an den fünf Tagen 2735 Kalorien zusammen. Damit kann die eine oder andere Laufeinheit ersetzt werden – und das schonender für die Gelenke.

Es spricht in der Summe viel dafür, das Gefährt in der Garage stehen zu lassen und auf eigenen Antrieb zu setzen. Wenn da nicht die eigene Bequemlichkeit wäre.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit? In Zukunft sicher nicht täglich, vor allem nicht im Hochsommer und im Winter bei Eiseskälte. Aber dazwischen kann das jetzt durchaus öfters vorkommen.

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