Heidenheim Eine Stunde im Auto: Quer durch Heidenheims Problemzonen

Heidenheim / Joelle Reimer 03.07.2018
Was dabei herauskommt, wenn man eine Stunde lang mit dem Auto durch Heidenheim fährt? Marode Straßen, Kleinstadthektik und die Erkenntnis, doch öfter mal das Rad zu nehmen.

Einmal von Heidenheim an den Chiemsee oder wahlweise nach Kempten und wieder zurück: Diese Strecke würde man zusammenbekommen, würde man alle Straßen in Heidenheim einmal komplett abfahren. 254 Kilometer sind das, und dabei ist noch nicht mal die B 19 mitgezählt, sondern „nur“ alle 582 Straßen im Stadtgebiet, die in der Verantwortung der Stadt Heidenheim liegen.

Herauszufinden, welche Ecken hier besonders schlimm sind, wo die Straßen am schlechtesten sind und wo das Durchkommen besonders lange dauert – das scheint zunächst eine schier unermessliche Aufgabe zu sein. Einzige Chance: reduzieren. Im Straßenzustandsplan der Stadt Heidenheim werden alle Straßen nach ihrem Zustand bewertet. Rot markierte Straßen müssen in ein bis zehn Jahren saniert werden, die gelben in elf bis 20 Jahren und die grünen Straßen sind erst in 21 Jahren oder noch später an der Reihe.

Vier Problemzonen, eine Stunde

Der Fokus liegt also auf den roten Straßen. Kurz durchgezählt, kommen noch 101 Straßenzüge zusammen. Schwerpunkte liegen zwischen dem Heckental und dem Galgenberg, in Schnaitheim, der Oststadt und in Richtung Voithsiedlung. Vier verschiedene Standorte also; das müsste doch in einer Stunde locker zu schaffen sein.

Los geht's um 10.07 Uhr an der Tiefgarage unter der Stadtbibliothek. Bis zum ersten Halt am oberen Ende der Bergstraße vergehen geschlagene zehn Minuten – dem Heidenheimer Einbahnstraßen-System sei Dank. Dazwischen liegen vier rote Ampeln, etliche kleine Schlaglöcher und ein Lkw, der für einen Club in der Olgastraße Getränke anliefert und dadurch den Verkehr auf eine Spur zwängt.

Hupen, Licht- und Handzeichen beschleunigen das Verfahren nicht unbedingt, tragen aber zur allgemeinen Kleinstadthektik bei. Und um den ersten kleinen Fahr-Frust gleich mal zu nähren: Die Radfahrerin, die die Bergstraße parallel bergauf fährt und im Rückspiegel bald nicht mehr zu sehen ist, schießt oben, an der Kreuzung zur Friedrich-Pfenning-Straße, bereits wieder an den wartenden Autos vorbei.

Die Bergstraße ist die erste Straße, die die Farbe Rot eindeutig verdient hat. Davor warnen auch die Schilder mit der Aufschrift „Straßenschäden“, die auf beiden Seiten aufgestellt sind. Es holpert, es klappert, und kommt gerade kein Gegenverkehr, wird Slalom gefahren. Die Friedrich-Pfenning-Straße hingegen ist zwar ebenfalls rot markiert, befindet sich aber bei Weitem nicht in einem solch miserablen Zustand. 10.24 Uhr.

Buckelpiste Beethovenstraße

Die Buckelpiste namens Beethovenstraße will kein Ende nehmen, sodass nicht nur die davon abzweigenden Komponisten namens Reger und Schumann, sondern auch die Fahrzeuginsassen nur unfreiwillig missbilligend den Kopf schütteln können. Es folgt ein Slalom durch den auf beiden Seiten zugeparkten Flickenteppich Donauschwabenstraße.

10.30 Uhr – Zeit für das nächste Problemgebiet. Der Weg dorthin führt über die Felsenstraße, doch zunächst folgt ein Abstecher an die Kreuzung Wilhelm-/Clichy-/Schlosshau- und Heckentalstraße. Diese gilt als Knotenpunkt, an dem die Verkehrsbelastung besonders hoch ist. „Wir müssen die Verkehrsmengen an verschiedenen Tagen über Stunden hinweg ganz genau erfassen. Und die Heckentalkreuzung gehört definitiv zu den Stellen im Stadtgebiet mit den Verkehrsspitzen“, so Wolfgang Heinecker, Pressesprecher der Stadt Heidenheim.

Werktags werden hier innerhalb von 24 Stunden im Durchschnitt 39 400 Fahrzeuge gezählt. Weiter in der Felsenstraße scheinen ganz eigene Regeln zu gelten. Die stadteinwärts fahrenden Autos springen zwischen den rechts parkenden Fahrzeugen von einer Lücke zur nächsten, die stadtauswärts fahrenden Autos scheinen unangefochten Vorfahrt zu haben – mit Ausnahme des kurzen Stückes direkt nach der Abzweigung zur Zeppelinstraße, denn dort wird sich sofort beschwert, wenn der Gegenverkehr nicht zumindest ein Stück auf den Gehweg ausweicht.

Morgens dauert’s acht Minuten länger

Nach einer überraschenden Grün-Welle an der Felsen-Kreuzung geht's auch schon auf die Heidenheimer Straße nach Schnaitheim, wo es ab der Abzweigung zur Mittelrainstraße leicht zu holpern beginnt. Das Fahrgefühl? Bisweilen noch eher Gelb als Rot.

Der schnellste Weg in die Oststadt führt von dort aus über die B 19 – nach knapp zehn Minuten ist die Schmittenbergstraße in Sicht, beziehungsweise das, was von ihr übrig ist. Kurzer Zeitvergleich: Dieselbe Strecke dauert im morgendlichen Berufsverkehr mindestens acht Minuten länger. Und im Feierabendverkehr kann es sein, dass sich diese knapp vier Kilometer sogar über 20 Minuten ziehen.

Das mag vor allem daran liegen, dass die B 19 als Nord-Süd-Achse durch Heidenheim führt und hier das Lkw-Aufkommen mit Abstand am höchsten ist – etwa jedes zehnte Fahrzeug in ein Lastwagen. Zudem bildet die Kreuzung der B 19/Nördlinger Straße mit der B 466/Nürnberger Straße eine weitere Verkehrsspitze – hier werden werktags innerhalb von 24 Stunden rund 25 500 Fahrzeuge gezählt. „Das allein sagt wenig aus. Es kommt auf die Zeiten an. Aber diese extremen Verkehrsspitzen wird man nicht los, es sei denn, die Autofahrer passen sich an und fahren nicht alle zur selben Zeit“, so Heinecker.

Er hofft, dass sich die Situation in absehbarer Zeit durch verkehrsmengenabhängige Routenplanung entspannt. „In zehn Jahren kann da viel passieren“, so Heinecker. Die Schmittenbergstraße sowie die benachbarte Lessingstraße erweisen sich als dunkelrot – im Wechsel wird der Fahrer von Flicken, Schlaglöchern und herausstehenden Gullydeckeln überrascht.

Anstrengend - so eine Tour durch Heidenheim

11.07 Uhr. Eine Stunde ist vorüber, drei der vier ausgemachten Problemzonen sind geschafft. Weiter in der Giengener Straße wird es erst mal eng: Verkehr und Gegenverkehr wollen rollen, werden jedoch durch die parkenden Autos auf der einen und den Bus auf der anderen Seite ausgebremst – so wird die Giengener Straße zu einer natürlichen 30er-Zone, obwohl die Straße selbst in keinem ganz schlechten Zustand ist. Anders als die Stein- und die Wildstraße, die den Siechenberg hinaufführen: Hier holpert es gewaltig.

11.30 Uhr. Der Motor ist aus, der Schlüssel gezogen. Zurück im Parkhaus – und erst mal durchatmen. Irgendwie anstrengend, so eine Tour durch Heidenheim. Schon klar, die wenigsten fahren einfach um des Fahrens willen eineinhalb Stunden durch die Stadt – doch erst so wird einem richtig bewusst, wie unglaublich viel Zeit man braucht, wenn man in Heidenheim mit dem Auto unterwegs ist. Der Vorsatz, für kurze Strecken öfter mal das Rad zu nehmen, ist nicht nur ein guter, sondern schon allein aus Zeitgründen wohl auch ein vernünftiger.

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