Heidenheim Eine Korbflechterin stellt ihr Handwerk vor

Eine kleine Werkstatt hat sich die Korbmachermeisterin Anna Mosler zu Hause in ihrem Keller eingerichtet.
Eine kleine Werkstatt hat sich die Korbmachermeisterin Anna Mosler zu Hause in ihrem Keller eingerichtet. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manuela Wolf 12.08.2018
Korbmachermeister gibt es auch heute noch. Anna Mosler aus Heidenheim erzählt von ihrer gelernten Handwerkskunst.

Familienerbe oder Traumjob? Wenn man wie Anna Mosler in einem Handwerksbetrieb aufgewachsen ist und genau den Beruf erlernt hat, der einem in die Wiege gelegt wurde, gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Was man aber mit Sicherheit sagen kann: Die Korbmachermeisterin fühlt sich ihrer Arbeit von Herzen verbunden.

Und weil sie gleichzeitig einen Hang zum Praktischen hat, wirkt ihr Zuhause an der Heidenheimer Fuchssteige wie ein bewohnbarer Ausstellungsraum. Ob Schuhschrank, Wäschekorb, Kerzenständer, was fehlt, wird geflochten, so einfach ist das.

Die gebürtige Niederbayerin ist bei aller Produktivität natürlich auch Künstlerin. Sie hat ein Auge fürs Schöne. Wer kauft schon gerne Hässliches? Wichtig sind aber auch Eigenschaften wie Langlebigkeit: Das Weidengeflecht als Alltagsgegenstand und Lieblingsstück, das all dies industriell gefertigte Plastikzeug an Wert und Nutzen um Längen übertrifft, allein schon deshalb, weil es eben nicht von einer Maschine, sondern von Menschenhand gemacht worden ist.

Schon als Kind geholfen

Von Kindesbeinen an liebte Anna Mosler die Betriebsamkeit in der Korbfabrik Mosler, die ihr Urgroßvater Paul 1873 in Winzer an der Donau gegründet hatte. Oft half das kleine Mädchen beim Böden flechten. Sie erinnert sich an die pfeifenden Arbeiter in der großen Werkstatt, die riesigen Weiden-Felder und ihre spielerischen Versuche, aus dünnen, kerzengerade gewachsenen Ruten Körbe zu machen. Heute ist das ein Kinderspiel für sie.

Schmal, drahtig, flink. Anna Moslers Händen sieht man an, dass sie zupacken können. Mit Tempo und mit Schmackes gleichermaßen schiebt sie die geschälten Weiden in den Rahmen. Vorne, hinten, vorne, hinten, der Wechsel ist ihr nach all den Jahrzehnten in Fleisch und Blut übergegangen, auch wenn das Prozedere an manchen Tagen doch so anstrengend ist, dass sie die arbeitsreichen Stunden am Abend in den Armen spürt.

Etwa einen Vormittag braucht sie für einen mittelgroßen runden Korb. Sie sitzt dann da, hört im Radio Bayern 2, und manchmal findet eine Idee in diesen ruhigen Stunden Raum zum Wachsen. Der Fahrradkorb ist so ein Beispiel. Das Zwischenstück, das Geflochtenes und Gepäckträger miteinander verbindet, gibt's im Fachgeschäft, den Korb mit viel Stauraum und einem speziellen Unterboden bei ihr.

Nach dem Abitur wollte sie Restauratorin werden

Man kann nicht behaupten, die 57-Jährige hätte sich kampflos in einen vorbestimmten Lebensweg gefügt. Nach dem Abitur wollte sie weg aus dem Elternhaus, wollte Restauratorin werden. Sie malte gerne. Der Gedanke gefiel ihr, alten Bildern ihre ursprüngliche Schönheit zurückzugeben und sie begann, Kunstgeschichte zu studieren. Doch die schiere Theorie passte nicht zu ihrem Schaffensdrang.

Nach dem Abschluss an der staatlichen Korbfachschule in Lichtenfels verbrachte sie ihre Gesellenzeit in einer auf Möbelbau spezialisierten Firma. Die beiden Korbstühle am Esstisch erinnern sie oft an diese Zeit. Das Zeichnen und die Arbeit an größeren Möbelstücken machte ihr große Freude.

Mit ihrem heutigen Ehemann, den es aus beruflichen Gründen bald auf die Schwäbische Alb verschlug, kam sie vor 30 Jahren nach Heidenheim. Drei Kinder wurden geboren, das Korbflechten im Auftrag der elterlichen Werkstatt wurde zur Nebensache. Doch die Verbundenheit dem Handwerk und der Familientradition gegenüber hielt all die Jahre an, besteht auch heute noch, ist inzwischen sogar zum Nebengewerbe geworden.

Handwerk am Leben erhalten

In Workshops begleitet Anna Mosler Neulinge auf dem Weg von der Weide zum Korb, und das in erster Linie nicht, um Geld zu verdienen: „Mir ist es ein Anliegen, dass unsere alte Handwerkskunst nicht in Vergessenheit gerät. Außerdem habe ich dann Gesellschaft von netten Leute und sitze nicht immer nur alleine in der Werkstatt.“ Kurse gibt sie auch bei „Kinder und Kunst“; im Rahmen des Sommerferienprogramms zeigte sie den Buben und Mädchen, wie aus Weiden Fische werden.

Ihre Waren bietet die Heidenheimerin, die drei Mal in der Woche im Weltladen am Degeler-Platz arbeitet, gelegentlich auch bei Kunsthandwerkermärkten und beim Rosenmarkt in der Hinteren Gasse an. Gelegentlich gibt es Spezialaufträge, und die gefallen der 57-Jährigen besonders gut. Gerade ist sie dabei, Schneeschuhe nach einem uralten Muster anzufertigen. Sie überlegte hin und her, wie wohl die Lederriemen befestigt werden könnten, fand schließlich eine Lösung: „Ich mag Dinge, die aus der Reihe fallen und bei denen man grübeln muss.“

Zuhause hat Mosler viele historische Stücke

Anna Mosler nimmt einen Schluck grünen Tee und deutet auf die geflochtenen Bilderrahmen an der Wand. Sie stammen aus Urgroßvaters Zeiten. Die größeren Möbelstücke und Musterkörbe hat sie den niederbayerischen Freilichtmuseen überlassen. Historische Unterlagen zur Fabrik wie zum Beispiel Geschäftsbriefe oder den Schriftverkehr aus dem Zweiten Weltkrieg, als nur noch Geschosskörbe angefertigt werden durften, wird sie dem bayerischen Wirtschaftsarchiv überlassen. „Man kann nicht alles behalten, man will nicht alles weggeben. Aber bei manchen Stücken habe ich das Gefühl, dass ich sie in Ehren halten muss“, sagt sie, und es klingt fast wie ein Entschuldigung. Aber da ist auch ein bisschen Stolz in ihrer Stimme und ganz viel Wärme.

Familienerbe oder Traumjob? Anna Mosler antwortet auf ihre für sie typische, lebenspraktische Art: „Es kommt ja auch immer wieder was Neues dazu, irgendwann wird es zu voll hier. Ich sollte mal entrümpeln.“

150 Weidenruten für einen Korb

Ungeschälte Weiden werden für zwei Wochen in eine mit Wasser gefüllte Badewanne eingelegt; erst dann können sie verarbeitet werden. Geschälte Weiden, selbst wenn sie Jahrzehnte alt sind, müssen nur eine Stunde gewässert werden.

Das hohe Tempo beim Flechten hat nicht nur etwas mit Übung zu tun. Geht die Arbeit zu langsam von der Hand, trocknen die Weiden aus und werden brüchig. Sie müssen dann während des Flechtens nachgewässert werden.

Ein Korb mittlerer Größe besteht aus etwa 150 Weidenruten. Verwendet werden Ruten mit einer Länge zwischen 80 und 220 Zentimetern. Der Abschnitt wird beispielsweise für kleinere Körbe oder zum Füllen der Seitenwände genutzt.

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