Heidenheim / Holger Scheerer Das Tübinger Landestheater zeigte eine eindrucksvolle „Faust“-Inszenierung in der Waldorfschule mit erhabenem Bühnenbild und teuflisch guten Hauptdarstellern.

Seit einem Jahr bereits ist das Tübinger Landestheater mit seiner Produktion von Goethes Faust unterwegs. Eine Inszenierung, die beim Publikum offenbar ankommt. Davon konnten sich am Dienstagabend auch die Zuschauer in der ausverkauften Waldorfschule überzeugen. Was den Gästen dabei als allererstes ins Auge springt, ist das spartanische, aber wirkungsvolle Bühnenbild von Peter Scior. Es bildet einen diagonal durchtrennten Raum, ein gleichschenkliges Dreieck, das zur Zuschauerseite hin geöffnet ist.

Regisseur Christoph Ross erteilt dem Guckkastenprinzip von Anfang an eine Absage. Der Bühnenraum wirkt erst dann als abgeschlossen, wenn man sich seine Dimensionen als imaginär in den Zuschauerraum hinein verlängert denkt. Die Botschaft versteh ich wohl. Faust soll erscheinen als einer von uns, nicht als eine mystische Figur aus der Vergangenheit. Diesem gelungenen Gestaltungsprinzip steht allein die Innenarchitektur der Waldorfschule entgegen, bei der der Abstand des Zuschauers zur Bühne mit jedem Meter auch in der Höhe wächst. Anders als im Leben, sitzt man auf den billigsten Plätzen am erhabensten.

Wirklich erlösungsbedürftig

Faust, glänzend dargestellt von Andreas Guglielmetti, hat viel von seinen akademischen Weihen verloren. Sein Studierzimmer erweist sich als kärglich eingerichtete Bude, in der statt lateinischer Weisheiten nur noch Flaschenpfand gesammelt wird. Arg viel Lebensglück scheint ihm seine akademische Nichtlaufbahn nicht eingebracht zu haben. Roos ist sehr darum bemüht, den Faust'schen Schimmer als einer deutschen Lichtgestalt, einem Ideal des Lebens, das über diesem sein mystisches Eigenleben führt, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Bei Ross gibt es keine weißen Flügel. Faust erscheint als tief ins Wirkliche verstrickt, auch als jemand, der bei der Bekämpfung der Pest als Doktor den hippokratischen Eid nicht so genau genommen hat, indem er dem Ableben vieler Infizierter nachgeholfen hat: „So haben wir weit schlimmer als die Pest getobt.“

Kurzum, dieser Faust scheint wirklich erlösungsbedürftig zu sein. Und in der Tat rückt seine entfernte, rauschverhangene Hoffnung in ein greifbares Jetzt, als ihm nachts im Delirium der Teufel höchstpersönlich erscheint. Darsteller Jürgen Herold kommt dabei ganz ohne Schwefelgeruch und Bocksfuß aus. Er spielt Mephisto keck, agil und unternehmungslustig, als jungen Hipster mit Erfolg bei den Frauen. Diese Tatsache bildet wenig später den Clou der Tübinger Inszenierung. Denn nachdem Faust und Mephisto geistreich und erstaunlich wenig gegeneinander eingenommen ihre Klingen gekreuzt haben, finden sie sich in einer üblen Spelunke wieder – dem Lieblingsaufenthaltsort der Deutschen, vom Fußballstadion einmal abgesehen.

Dort erlebt Faustus, was man heute als heftigen „Abfuck“ aufgrund von gepanschten Drogen aus Osteuropa bezeichnen würde. In der Folge bemächtigt sich der etwas aus dem Leim geratene Doktor des jungen Körpers seines Partykumpels Mephisto, während dieser nun in der Gestalt Faustens auf Erden wandeln muss. Die Hauptdarsteller wechseln die Rollen, der Teufel steckt somit nicht nur im Detail, sondern auch noch im Groben und Ganzen: „Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust.“ Mit einem uralten und billigen, aber gut durchdachten Theaterkniff trägt Roos dazu bei, dass seine Inszenierung, die bislang auch ein paar Längen hatte, erheblich an Fahrt aufnimmt.

Erstaunlich bleibt, wie Faustens Wirkung auf Frauen steigt, nachdem er dem Teufel nicht einfach seine Seele verschrieben, sondern gleich noch dessen äußere Gestalt angenommen hat. Selbst Marthe (Susanne Weckerle), die Nachbarin von Grete (Mattea Cavic) und so etwas wie ihre ältere Beschützerin, wundert sich über die plötzliche erotische Exaltiertheit der bislang völlig brav gebliebenen Jungfrau. Der Teufel scheint nicht nur den Schnaps gemacht zu haben, um uns zu verderben, sondern auch das Süßholz, das er unablässig raspelt.

Das End von der Geschicht ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass sie keine brauchbare Moral hinterlässt. Faust schwängert das Mädchen, verkrümelt sich, tötet ihren Bruder und Grete ihr Neugeborenes. Bleibt allenfalls die Erkenntnis von der folgenreichen Verführbarkeit des Menschen angesichts des Machbaren drohend im Raum, das in heutiger Zeit schier ins Unermessliche angewachsen scheint. Dieser Umstand sorgt dafür, dass der Faust'sche Stoff weiter aktuell bleibt.