Rätsel Ein Stolperstein als Stein des Anstoßes

Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Naziregimes: Viele von ihnen finden sich in der Fußgängerzone.
Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Naziregimes: Viele von ihnen finden sich in der Fußgängerzone. © Foto: Archiv/jb
Heidenheim / erwin bachmann 28.09.2016
13 Stolpersteine erinnern im Heidenheimer Stadtgebiet bereits seit Jahren an Opfer des Nazi-Regimes. Plötzlich jedoch fehlt einer - was ist passiert?

Schauplatz des im Moment noch schwer zu deutenden Ereignisses ist die in der Weststadt gelegene Goethestraße, ein nur kurzes Anliegersträßchen, das sonst nicht gerade im Rampenlicht zu stehen pflegt. Anders am 19. September 2013, als vor dem Haus mit der Nummer 7 ein besonderer, mit einer Messingtafel versehener Pflasterstein verlegt wurde, der an den früheren Wohnort und damit an das Schicksal von Ernst Maier erinnert: ein Mann, der 1942 wegen kritischer Aussagen hinsichtlich des Nationalsozialismus verhaftet und 1945 im KZ Flossenburg umgekommen war.

Dass der nach Goethe benannte Straßenzug nun erneut ins öffentliche Blickfeld rückt, hat mit dem Verschwinden eben jenes Stolpersteins zu tun, der bislang den Schlussstein einer ganzen Reihe solcher Mahnmale markiert: Gefertigt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der diese Form des Gedenkens längst europaweit in inzwischen hunderten von Städten zur bodenständigen Erinnerungskultur gemacht hat – und gesetzt von Aktivisten einer örtlichen Initiative, die viele Mitstreiter hat. In diesen Reihen findet sich auch der Kreisverband Heidenheim der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der vor genau drei Jahren die Patenschaft für den Stolperstein in der Goethestraße übernommen hatte und dessen Verantwortliche nunmehr anlässlich des dritten Jahrestages vor Ort waren – aber vergeblich nach dem im Boden eingelassenen Mahnmal gesucht haben.

Der quadratisch geformte Denkanstoß ist offenbar seit der im November 2015 vorgenommenen Erneuerung der Goethestraße weg, einfach verschwunden und damit im doppelten Sinne des Wortsinnes zum Stein des Anstoßes geworden.

Die GEW wundert sich und ist empört darüber, dass sie als „Besitzerin“ des Steins nicht informiert worden ist und dass auch Gerhard Oberlader als Initiator der Stolperstein-Verlegung erst durch Hinweise von Dritten von dem Verlust erfahren musste. Volker Spellenberg, Sprecher des GEW-Ortsvorstandes Heidenheim und Giengen, wertet den irritierenden Vorgang darüber hinaus als Affront gegenüber den an der Aktion beteiligten Schulen und der Geschichtswerkstatt der Friedrich-Voith-Schule, die einen Flyer zu den Heidenheimer Stolpersteinen herausgegeben hatte. Und der irritierte GEW-Ortsvorstand der GEW Heidenheim setzt noch eines drauf: „Die Aktion passt zwischen die unsäglichen Schändungen am Elser-Denkmal in Königsbronn oder an der Elser-Gedenktafel in Schnaitheim...“

Ob es freilich angemessen ist, gleich Hochverrat an der guten Idee zu wittern und den Vorgang zum Politikum hochzustilisieren, oder ob's auch eine Nummer kleiner geht, sei dahingestellt.

Denkbar ist immerhin, dass beim Verschwinden des Steins bloßes Versehen im Spiel war, und vielleicht ließe sich sein Verbleib auch ohne Hilfe der Polizei klären, die man von Seiten der Gewerkschaft einzuschalten erwägt.

Mal sehen, wo der Stein landet, der da ins Rollen kommt.

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