Heidenheim Starkes Stück Moral: „Der Herr der Fliegen“ im Naturtheater

Heidenheim / Joelle Reimer 22.10.2018
Was passiert, wenn eine Gruppe Jugendlicher auf einer einsamen Südseeinsel sich selbst überlassen bleibt? Das Herbststück „Der Herr der Fliegen“ feierte Premiere im Theatersaal – ein 90 Minuten langes Sozialexperiment voller Kontraste.

Ein schwacher Pfeifton. Ein Rauschen, das immer lauter wird. Es muss ein Flugzeug sein – wahrscheinlich die Triebwerke, die versagen. Beklemmend, das Geräusch. Noch beklemmender die Stille, die danach folgt.

„Glaubst du, die sind alle tot?“ Es ist eine Frage, die Erstaunen ausdrückt, Ungläubigkeit – und Angst. Gleichzeitig ist sie eine Art Vorbote dessen, was folgen wird in William Goldings Stück „Der Herr der Fliegen“, das am Freitagabend vor 100 Zuschauern Premiere im Theatersaal des Naturtheaters feierte. Ein Vorbote für das Böse, für Gewalt, Chaos – und für den Tod. Durch diese simple Frage nämlich wird jedem Zuschauer im ersten Moment klar, dass das Stück in einer alles anderen als heilen Welt spielt.

Wendepunkt der Zivilisation

Und das beklemmende Gefühl, das die beiden Regisseure Ulrike Valentin und Stephan Fritz noch vor Auftritt der ersten Schauspieler allein durch das Geräusch des abstürzenden Flugzeuges aufkommen lassen, zieht sich durch die kompletten 90 Minuten Spielzeit. Auf der unbewohnten Südseeinsel treffen zwei Jugendliche, der sympathische Ralph (Harun Bayik) und der etwas unbeholfen wirkende, ängstliche Piggy (Arjann Härtner), aufeinander und stellen fest, dass alle Erwachsenen tot sind.

Auf sich alleine gestellt, raffen sie sich zusammen und finden mit Hilfe eines Muschelhorns eine weitere Gruppe Kinder – ein Moment, der den Wendepunkt des zivilisierten, nach Regeln geordneten Lebens der Kinder markiert. Zeigte sich Ralph zunächst integer und verlässlich, bringt ihn die Gruppe der anderen Kinder, allen voran die vorlaute, herrische Chorführerin Jacky (Carolin Michalk), bald dazu, ihnen Piggys Namen zu verraten – spätestens jetzt ist dem Jungen mit der dicken Brille die Rolle des Außenseiters sicher. Und die spielt Arjann Härtner grandios: mit panischer, zitternder Stimme, als die Kinder ihm seine Brille wegnehmen, um ein Feuer zu entfachen; mit gesenkten Schultern, als er alleine und ausgeschlossen am Strand sitzt und stets etwas trotzig, wenn es darum geht, konventionelle Werte den anderen gegenüber zu verteidigen.

Soziale Ausgrenzung, Rangordnung und Mobbing

Die Szenerie des Stückes mag weit hergeholt erscheinen – die Romanvorlage aus den 1950er Jahren spielt unter anderem auf den Ost-West-Konflikt an – der Grundgedanke aber lässt sich eins zu eins ins Hier und Jetzt übertragen: es geht um soziale Ausgrenzung, um Werte und Normen, um die Suche nach Rang und Anerkennung in einer Gruppe. Und das ist, obwohl oder gerade weil es sich um Kinder handelt, eben unangenehm beklemmend.

Anerkennung will in der Inszenierung von Valentin und Fritz vor allem Jacky erfahren – mit allen Mitteln. Carolin Michalk spielt überzeugend: sie ist laut, schüchtert ein, gibt die Richtung vor; und zumindest der Teil der Gruppe, der später als die „Jäger“ betitelt wird, folgt ihr aufs Wort. Ralph hingegen entschuldigt sich bei Piggy für seinen Verrat und den Diebstahl der Brille; er wird Anführer der zweiten Gruppe, die auf ein Mindestmaß an Zivilisation setzt.

Die Spaltung der beiden Gruppen wird von Bühnenbild und Requisiten unterstützt: Vorne am aufgeschütteten Sandstrand lässt sich Ralphs Gruppe nieder, sie hüten ihr Feuer, bauen sich Hütten, blasen mit dem Muschelhorn zu Versammlungen und ernähren sich von Meerestieren und gesammelten Früchten. Die Jäger hingegen hausen auf dem großen Berg; ohne Feuer, ohne Unterschlupf, dafür mit spitzen Speeren bewaffnet.

Rundum düstere Atmosphäre

Die lange Zeitspanne, die die Kinder auf der Insel verbringen, wird nicht nur durch den aufgespießten Schweinekopf deutlich, der zum Knochenschädel wird, sondern auch durchs Erscheinungsbild der Jugendlichen. Wo sie anfangs noch Schuhe an hatten, laufen sie später mit nackten Füßen über die Bühne, T-Shirts und Hosen bekommen Risse, die Haare werden zerzaust, Wangen und Arme schmutzig. Ton und Licht tun ihr Übriges: flackerndes Gewitter, Dschungel-Zirpen im Hintergrund, die Tag- wird zur Nachtbeleuchtung – eine rundum stimmige, düstere Atmosphäre.

Hatte Jacky zu Beginn nur Augen fürs Abenteuer und den Spaß an einem wilden Leben, so bleibt nach dem ersten erlegten Schwein und der anschließenden Bluttaufe nur noch Aggressivität, Autorität und Brutalität übrig. „Tötet das Schwein, vergießt sein Blut!“ wird zum Leitspruch der Jäger – bis das Töten schließlich nicht mehr nur der Nahrungsbeschaffung dient, sondern zum Selbstzweck wird, und statt eines Schweines schließlich der kleine Simon (Noah Kresse) als erstes den Speeren zum Opfer fällt.

Vom getöteten Schwein bis hin zum Mord

Diese Szene ist wohl die eindrücklichste des ganzen Stückes: Die Bühne, in rotes Licht getaucht, wird zum Austragungsort eines Mordes, für den Jacky später auch die passende Begründung liefern will: „Es war das wilde Tier, das alle Gestalten annehmen kann. Manchmal sieht es aus wie ein Tier, manchmal wie ein Junge – genau wie bei Simon, als es von ihm Besitz ergriffen hatte.“ Jackys Versuch, den Mord als berechtigt darzustellen, wirkt paradox angesichts dessen, dass die Gruppe der Jäger einem wilden Tier selbst am meisten ähnelt.

„Der Herr der Fliegen“ ist ein drastisches Spiel mit Kontrasten: zwischen der Unschuld der Kinder und der Tatsache, dass sie ohne Werte und Regeln zu Mördern werden; zwischen Demokratie und Diktatur; zwischen Moral und Skrupellosigkeit. Beklemmend inszeniert, von Anfang bis Ende – so sehr, dass das Publikum einen Moment benötigte, um zum Schlussapplaus wieder ins Hier und Jetzt zu finden.

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