Heidenheim Ein riesiger Kleiderschrank: Der Kostümverleih des Naturtheaters

Heidenheim / Sandra Gallbronner 13.02.2018
Wer eine originelle Garderobe für einen besonderen Anlass sucht, ist im Heidenheimer Naturtheater goldrichtig. Mit weit über 5000 Kleidungsstücken gibt es dort den größten Kostümverleih eines Amateurtheaters im süddeutschen Raum.

Prachtvoll und edel wirkt das rote Kleid, das mit goldenen Fäden bestickt ist. Goldrote Muster zieren die Puffärmel, die die Hände bis zur Hälfte bedecken. Ein mit Perlen besetzter reifenförmiger Kopfschmuck, rundet das Kostüm elegant ab. Zahlreiche Falten verleihen der Trägerin des Kleides zusätzlich eine mächtige Ausstrahlung. Dabei ist das Kostüm aus dickem Wollstoff vor allem eines: mächtig schwer.

Es war zur Zeit der Renaissance, als die Damen unter solch großen Lasten mit solch prächtigen Kleidern am Hofe tanzten und flanierten. Wer auch rund 500 Jahre später in die Rolle einer anmutigen Hofdame oder auch eines edlen Ritters schlüpfen möchte, muss sich das Kostüm nicht zwangsläufig kaufen oder gar zur Nähmaschine greifen. Stattdessen lohnt ein Blick in die Räume des Heidenheimer Naturtheaters auf dem Schlossberg. Denn hinter den Türen des dortigen Kostümverleihs werden weit mehr als 5000 Kleidungsstücke und Accessoires aufbewahrt.

Die Kleidung ist nach Gruppen und Farben sortiert

Für Besucher scheint es unmöglich, sich in dem Dschungel voll bunter Hemden, Lederhosen, Kleider und Jacken zurechtzufinden. Für Bärbel Krause, die seit 2007 für die Kostüme und Schneiderei des Heidenheimer Naturtheaters zuständig ist, ist es jedoch lediglich eine Frage der Ordnung: „Es funktioniert wie in einer Bibliothek. Die Kleidung ist nach Gruppen und Farben sortiert.“

Schlendert man durch die vielen Reihen an Kleidungsständern, wird diese Ordnung sichtbar. So befinden sich in der ersten Reihe die Herrenhemden. 600 sind es an der Zahl, schätzt Krause. Allein das Farbspektrum ist enorm. Von schlichten weißen über grün gepunktete bis hin zu schwarz-blau gestreifte Hemden.

Sechs Doppelständer mit Herrenhosen

Einen Gang weiter reihen sich sechs Doppelständer mit Herrenhosen aneinander. Da finden sich neben Standardhosen Stiefel-, Reit-, Wander-, Militär, Knie- und Lederhosen. Es folgen Jacketts, Fräcke, Mäntel, Anzüge, Smokings, Gehröcke – einfarbig, gemustert und gestreift, sortiert von hell nach dunkel und in historisch richtiger Reihenfolge. Auf der anderen Seite des Raumes hängen Unterröcke, Unterkleider, Blusen und Kleider. Und auch wenn es wahrscheinlich in vielen heimischen Kleiderschränken nicht danach aussieht: Im Heidenheimer Kostümverleih gibt es mehr Herrenkleider.

Vor allem Kenntnisse über die Geschichte der Mode sind für die Arbeit von Bärbel Krause wichtig. „Oft höre ich: Ich möchte adelig aussehen. Dann frage ich nach konkreten Vorstellungen: Wie Sissi oder Queen Elisabeth?“ Gemeinsam mit dem Kunden stellt die Schneidermeisterin dann ein Outfit zusammen, das den Geschmack sowie den Stil des Kunden trifft und zum Anlass passt. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Zum Schluss peppt Krause das Kostüm auf, etwa mit einem Tuch, einem Hut oder einer Haube.

Eigen Schneiderei, Färbe- und Waschküche

Das Heidenheimer Naturtheater verfügt über eine eigene Schneiderei sowie Färbe- und Waschküche. Hier werden Kostüme neu angefertigt, restauriert oder neugestaltet. Viele Kostüme werden auch von den Opernfestspielen oder anderen Theatern übernommen. Wieder anderes bestellen die Mitarbeiter ganz zeitgemäß im Internet. Wäre da nicht das Platzproblem: „Wir müssen auch mal aussortieren.“

Die meisten Kunden des Kostümverleihs, den es seit 1962 gibt, kommen aus anderen Amateurtheatern. Viele nehmen dafür einen weiten Weg in Kauf und kommen aus dem Schwarzwald oder Odenwald nach Heidenheim. Manche Kostüme werden dann verkauft, andere, vor allem aufwendiger angefertigte, werden nur verliehen.

Und auch die Schauspieler des eigenen Theaters müssen für jedes Stück neu eingekleidet werden. Das ist harte Arbeit und kostet viel Zeit. Bei dem Kinderstück „Der Zauberer von Oz“, das im Juni vergangenen Jahres Premiere feierte, begann Krause bereits im Januar mit der Kostümanprobe: „Es gab 220 Mitspieler. Pro Anprobe rechnen wir eine Stunde ein.“

Beliebt sind Mottopartys und -hochzeiten

Kostüme ausleihen kann natürlich auch jeder, der gern in andere Rollen schlüpft. Beliebt sind Mottopartys und -hochzeiten, weiß Bärbel Krause. „Witzig war auch, als eine Gruppe Kleider für einen runden Geburtstag auslieh, der im Stil einer Oscarverleihung sein sollte.“ Dafür wählten die Herren Smokings und die Damen elegante Abendkleider. Zudem im Trend: Mittelalterhochzeiten.

Für beinahe jeden Anlass findet sich im Kostümverleih die passende Garderobe: Während Dirndl im Frühherbst Saison haben, sind zu Weihnachten Verkleidungen wie Engel, Nikolaus oder Knecht Ruprecht stark gefragt. Daneben gibt es diverse Trachten, Tier-, Clowns- und Ballettkostüme, Kimonos, Schottenröcke, Lumpen, Pelze, Brautkleider und arabische Gewänder. Auch Originalstücke, zum Beispiel aus den 60er- und 70er-Jahren, gehören zum Fundus des Kostümverleihs.

Eigene Kostüme zusammenstellen

Natürlich stößt auch die Kostümbildnerin Bärbel Krause bei manchen Anfragen an ihre Grenzen: „Was wir nicht auf der Bühne hatten, haben wir nicht“, erklärt sie. Das trifft häufig Filmfiguren, die gefragt sind, wie Spiderman, Star-Wars-Held Luke Skywalker oder Captain Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“. Aber dann ist eben Kreativität gefragt. So wollte eine Dame die Amazone „Xena“ verkörpern. Kurzerhand bastelte sie sich aus dem Fundus des Verleihs ein Kostüm: „Es war sehr spärlich, aber sah klasse aus“, erinnert sich Krause. Denn das Leben ist zu kurz, um nur eine Rolle zu spielen.