Heidenheim / Manuela Wolf Weltweite Aufmerksamkeit hat sie vor allem durch ihren Kampf gegen Genitalverstümmelung bekommen: Ex-Top-Model Waris Dirie, die am 12. Mai zu einer Benefizveranstaltung ins Congress-Centrum kommt.

Ex-Top-Model Waris Dirie, weltweit bekannt für ihren unermüdlichen Kampf gegen Genitalverstümmelung, kommt am Sonntag, 12. Mai, im Rahmen einer Benefizveranstaltung ins Congress-Centrum nach Heidenheim. Im Vorfeld sprach die Bestseller-Autorin mit der Heidenheimer Zeitung über Frühsport, respektvollen Umgang mit der Natur und das Musical „Wüstenblume“, das im Februar 2020 am Theater in St. Gallen Premiere feiern wird.

Waris, mit Ihrem Buch „Wüstenblume“ haben Sie das Thema Genitalverstümmelung ins öffentliche Bewusstsein gerückt, das ohne Ihre eigene Leidensgeschichte so nie entstanden wäre. Gibt der Erfolg als Menschenrechtsaktivistin und all das, was Sie mit Ihrem Engagement bisher bewirken konnten, dem Verbrechen, das an Ihnen begangen wurde, eine Art tröstenden Sinn?

Mit meiner Mission, meinem Kampf gegen dieses grausame Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen suche ich nicht Trost, sondern ich will, dass dieser Wahnsinn für immer aufhört. Meiner Mutter habe ich vergeben und mit mir selbst bin ich im Reinen. Aber ich helfe gerne anderen Menschen, wenn sie Mitgefühl und Trost benötigen.

Anders als viele Menschen annehmen, wird auch in Europa Genitalverstümmelung praktiziert.

Ich habe 2003 und 2004 mit dem Team meiner „Desert Flower Foundation“ eine europaweite, verdeckte Recherche in afrikanischen Communities und bei Ärztinnen gemacht und dabei über 4000 Seiten Berichte meiner Mitarbeiterinnen und Manuskripte zusammengetragen. Daraus ist das Buch „Schmerzenskinder“ entstanden, das 2005 in vielen Ländern erschienen ist. In allen europäischen Großstädten fand unser Team Beschneiderinnen, die ihr blutiges Handwerk ungehindert von den Behörden praktizieren konnten und gewissenlose Ärztinnen, die bereit waren, Mädchen zu beschneiden.

Haben Sie Kontakte in die hiesigen afrikanischen Gemeinschaften und Kenntnisse darüber, ob ein Umdenken stattfindet?

Nach dem Erscheinen des Buches hat die Europäische Kommission das Thema „Weibliche Genitalverstümmelung“ erstmals auf ihre Agenda gesetzt und viele europäische Staaten haben Gesetze gegen FGM (weibliche Genitalverstümmelung, englisch: female genital mutilation) erlassen oder verschärft. Ich sehe mit Genugtuung, dass vor allem junge Mütter in Afrika und Europa ihre Töchter nicht mehr beschneiden lassen und die Verbreitungsrate in Afrika, wie eine kürzlich im renommierten „British Medical Journal“ veröffentliche Studie beweist, massiv rückläufig ist.

Wüste, Laufsteg, UN-Botschafterin: Ihr Lebenslauf ist geprägt von Extremen. Wünschen Sie sich hin und wieder einen ganz „normalen“ Alltag mit Familie, Job, Sommerurlaub und einem kleinen Gemüsebeet hinterm Haus?

Wenn ich zu Hause oder auf Urlaub bin, mache ich genau das. Ich bereite für meine beiden Söhne das Frühstück am Morgen zu. Wenn sie in der Schule sind, mache ich meinen Morgensport, telefoniere dann mit meinem Büro und koche für meine Söhne Mittagessen.

Ihr Weg in ein selbstbestimmtes Leben hat vielen jungen Frauen Mut gemacht. Erreichen Sie Zuschriften Betroffener, in denen Sie um Hilfe oder ein persönliches Gespräch gebeten werden?

Ich erhalte jedes Jahr zahlreiche Mails, und wenn gerade eine Kampagne läuft, einige tausend Mails pro Jahr. Mein Prinzip ist, dass alle Mails beantwortet werden. Dies kann aber manchmal etwas dauern.

Sie sind in Afrika geboren und aufgewachsen. Gibt es Traditionen oder Lebensweisen, die einen festen Platz in Ihrem Leben haben?

Ich habe mit 13 Jahren meine Heimat Somalia verlassen und lebe seit über 40 Jahren in Großstädten wie London, New York oder Wien. Von überall habe ich kulturell etwas mitgenommen und so lebe ich auch. Wenn ich von Afrika etwas mitgenommen habe, dann sicher meine Lebensfreude, mein positives Denken, meine Achtung vor Wasser und mein Respekt vor Mutter Erde und der Natur.

Eine dunkle Hautfarbe macht es Rassisten leicht, Aggression in eine bestimmte Richtung beziehungsweise gegen eine bestimmte Person zu lenken. Wie oft erleben Sie und auch Ihre Kinder Anfeindungen im Alltag?

Rassismus gibt es auf der ganzen Welt, auch in Afrika. Ich denke, Rassismus hat mit Mangel an Erziehung und Bildung zu tun und hier sind Eltern und Schulen gefordert.

Was wäre, wenn...? Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wären Sie bei Ihrer Nomadenfamilie geblieben?

Nein. Ich habe schon als kleines Mädchen in der Wüste gewusst, dass auf mich draußen in der Welt größere Aufgaben warten.

An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?

Ich baue mit meiner „Desert Flower Foundation“ „Wüstenblume“-Schulen in Sierra Leone, arbeite mit einem tollen internationalen künstlerischen Team am Musical „Wüstenblume“, das am 20. Februar 2020 Premiere feiern wird und schreibe an einem neuen Buch, das ebenfalls 2020 erscheinen wird.

Über Jahre hinweg über das Thema Genitalverstümmelung zu sprechen, hinterlässt Spuren. Haben Sie sich vorgenommen, sich an einem bestimmten Tag X aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?

Nein. Ich bin nicht der Typ Mensch, der sich zurückzieht oder aufgibt. Was ich mir im Leben vornehme, ziehe ich auch konsequent durch.

Benefizkonzert am 12. Mai

Weit über 150 000 Euro an Spenden haben der Rotary-Club Heidenheim-Giengen und der Neue Kammerchor des Schiller-Gymnasiums in bislang acht ausverkauften Benefizkonzerten gesammelt. Am Sonntag, 12. Mai, steht ab 17 Uhr ein weiterer Höhepunkt dieser erfolgreichen Partnerschaft an. Zusammen mit dem Landesblasorchester Baden-Württemberg wird im Rahmen der deutschen Erstaufführung die „Symphony No. 5 Return to Middle Earth“ des niederländischen Dirigenten und Komponisten Johan de Meij zu hören sein. Bis zu 170 Choristen und sinfonische Bläser wirken mit. Gesungen wird in Tolkiens Fantasiesprache „Ilkorin“. Karten gibt es im Ticketshop des Pressehauses in Heidenheim, in allen HZ-Geschäftsstellen und online unter ticketshop.hz.de