Reportage Ein Besuch beim Schnaitheimer Albuch-Lift

Heidenheim / Manuela Wolf 26.01.2017
In den Alpen sind die großen Skigebiete ein Millionengeschäft. Die heimischen Skilifte funktionieren aber ganz anders - und haben ihre eigen Stärken. Ein Besuch beim Team des Schnaitheimer Albuch-Lifts.

Die Piste ist schneebedeckt, das Thermometer zeigt angenehme vier Grad minus. Perfekte Bedingungen für Wintersportler! In Deutschlands großen Skigebieten tummeln sich an solch gelb-blau-weißen Tagen tausende Menschen. Am Schnaitheimer Lift ist am frühen Nachmittag kaum was los. „Wir können uns natürlich nicht mit Kitzbühel messen“, sagt Jens Hofele, Mit–Geschäftsführer der Albuch Skilift GmbH. „Und die Kinder haben spürbar weniger Zeit als früher. Sie müssen viel lernen, besuchen Ganztagesschulen, haben nicht nur ein Hobby, sondern mehrere. Aber wir haben den Vorteil, dass ein Besuch bei uns auch nur für ein oder zwei Stunden lohnt. Die Leute kommen schon noch.“

Seit mehr als 20 Jahren stemmen gleich drei Schnaitheimer Vereine den Betrieb am Albuch gemeinsam: Die Naturfreunde, die Sportler von der TSG und der Skiclub. Die Helfer-Truppe besteht aus etwa 30 Männern, Frauen und Jugendlichen. Dass darunter kaum Senioren sind, ergibt sich aus den Anforderungen dieses Ehrenamts. Zu kalt, zu rutschig, zu anstrengend, die Alten aus der Anfangszeit wurden älter, irgendwann wurde ihnen die Arbeit zu mühsam. Dafür packt der Nachwuchs feste mit an.

Alle kennen sich seit Jahren, jeder Lift-Tag ist eine Art großes Familientreffen. Schon vor Beginn der Saison wird der Wochenplan erstellt. Wer verkauft wann Mohrenkopfwecken am Kiosk? Wer rattert mit der Pisten-Walze den Berg hoch und runter? Wer verkauft die Liftkarten, wer steht an den Bügeln? Wenn es dann schneit, geht alles Ratzfatz. Jens Hofele: „Jeder weiß, was er zu tun hat. Am Wochenende brauchen wir etwa drei Stunden um aufzumachen. Unter der Woche dauert es länger. Da laufen dann auch mal die Telefone heiß, bis man ein Team beieinander hat.“

Heute ist Daniela für den Kartenverkauf eingeteilt. Die Preise sind günstig: Eine Tageskarte kostet für Kinder 7, für Erwachsene 12 Euro. Geöffnet ist, dank Flutlicht, täglich bis 21 Uhr. Obwohl in der Hütte an der Talstation die Heizung läuft, trägt Daniela eine dicke Jacke, einen Schal, Handschuhe und Mütze, über ihre Beine hat sie eine Decke gelegt. „Die ersten zwei Stunden geht's, aber dann wird es ungemütlich am offenen Fenster. Man bewegt sich ja kaum.“

Gegenüber sitzt Carolin in einem winzigen Häuschen. Viele Gäste haben eine Zehner- oder Zwanzigerkarte, müssen die vor jedem Liften abknipsen lassen. Auch das Holzhäuschen ist beheizt, die 16-Jährige ist gut gelaunt. Das Ehrenamt ist für sie keine lästige Pflicht, sondern eine Selbstverständlichkeit, in die sie in der Familie Hofele hineingewachsen ist. Carolin: „Es macht Spaß, hier zu helfen. Außerdem kommt das immer gut in Bewerbungen.“ Berufswunsch? „Irgendwas mit Kindern. Grundschullehrerin vielleicht.“

Dass das passen könnte, kann man sich gut vorstellen, wenn man der sportlichen jungen Frau beim Bügelziehen zuschaut. Gerade hat sie Papa Jens abgelöst, der nach einer Stunde am Lift ins Knipserhäuschen darf, um sich aufzuwärmen und kurz durch zu schnaufen nach der immer gleichen Bewegung: Nach hinten drehen. Arme ganz weit nach oben strecken. Bügel schnappen. Runter ziehen. Drehen. Hoch. Runter. Und immer so weiter.

„Das Bügelziehen ist auf Dauer anstrengend“, sagt Hofele, von Beruf Rettungsdienstleiter beim DRK. Carolin lächelt trotzdem, lächelt vor allem den Knirpsen aufmunternd zu, die zwischen den Beinen von Mama und Papa nach oben wollen oder gar ganz alleine. Der erste Abschnitt ist sehr steil. Wer hier liften lernt, sagen sie, der kann es später überall. Die Wartezeit beträgt im Moment nur wenige Minuten, wenn überhaupt. Da ist dann auch mal Zeit für eine kurze Erklärung, für einen zweiten, einen dritten Versuch – und für ein paar nette Worte.

Ideale Piste zum Üben

Deshalb kommen gerade Eltern, die ihren Kleinen das Skifahren beibringen wollen, gerne zum Üben an den Albuch. Zu den Stammgästen gehören aber auch die Schnaitheimer Jugendlichen, die sich auf den Abend hin hier treffen, und all die Wintersportler, denen der Weg ins Gebirge für einen Tagesausflug schlichtweg zu weit ist. Wie Dietmar. Der Rentner wohnt nur ein paar Minuten entfernt. Er ist eine volle Stunde ohne Pause gefahren, das genügt ihm. „Es war nicht viel los, der Preis für die Karte ist ok, und dass es an der Talstation keinen Kaffee gibt, ist nicht schlimm. Ich bin ja gleich zu Hause.“

Friedlich, fröhlich, verständnisvoll: Jens Hofele macht sein Ehrenamt auch deshalb Spaß, weil die Besucher mit der festen Absicht kommen, Spaß zu haben. „Die Leute sind eigentlich immer gut drauf. Ganz besonders am Anfang der Saison, da sind alle heiß auf den ersten Tag im Schnee“, so Hofele. Selten höre man Beschwerden, selbst dann nicht, wenn der Lift mal für kurze Zeit ausfalle, weil beispielsweise ein sogenannter Bruchstab ausgetauscht werden müsse oder das Seil aus der Führung gesprungen sei. Dann werde eben Pause gemacht, fertig. Oder die jungen Wilden, die gerne mal Quatsch beim Liften machen. Der 49-Jährige kann sich noch an die Blödeleien erinnern, die er selbst als Teenie ausprobiert hat. Er hat deshalb Verständnis, kann mit den Buben lachen, manchmal spannt er ihnen beim Anfahren am Lift den Bügel, damit sie die ersten Meter den Berg hinauf flitzen wie mit einem Düsenantrieb. „Übertrieben wird selten. Die Jungen wissen, dass wir den oberen Bereich mit einer Kamera einsehen können. Und dass wir uns nach der Abfahrt wieder gegenüber stehen.“

Mit vierzehn Betriebstagen kommt die Albuch Skilift GmbH null auf null raus, Zuschüsse von städtischer Seite gibt es nicht. Bleibt ausnahmsweise mal ein Euro übrig, geht der nicht etwa an die beteiligten Vereine; er wird sofort wieder investiert. So wurden in Eigenleistung eine Garage gebaut, das fast ein Kilometer lange Seil erneuert und eine Pistenwalze aus dem Tannheimer Tal mit großem Aufwand nach Schnaitheim transportiert, eine ausgediente, fast 30 Jahre alte Kässbohrer PB 60 zwar, „aber sie ist genau das Richtige für uns“.

Ärgerlicher Einsatz vergangene Woche: Irgendein Depp, man kann es nicht anders sagen, hat den Auslauf der Piste mit dem Auto beinah geschrottet. Kurz vor Betriebsbeginn am nächsten Tag wurden die mehrere Zentimeter tiefen Furchen entdeckt. Hofele schob so lange Schnee hin und her, bis die Bahn wieder einigermaßen glatt war. Wäre das „Muster“ ein bisschen tiefer oder doch schon stärker angefroren gewesen, dann hätten die Schnaitheimer ihren Lift dicht machen müssen bis zum nächsten Neuschnee.

Wenn irgendwas repariert werden muss, können sich die Organisatoren an einige Schnaitheimer Handwerksbetriebe wenden, die mit Wissen, Werkzeug oder Fachleuten aushelfen. Das Rathaus beteiligt sich an Ausgaben für technische Ausrüstung oder Baumaterial, bezahlte jetzt eine neue Kamera für den oberen Lift-Bereich.

Krapfen für den Liftbetrieb

Und dann ist da noch Paul Gnaier. Irgendwann in der Faschingszeit bringt er eine Ladung Krapfen vorbei, die am Kiosk mit hundert Prozent Gewinn verkauft werden können. Hofele: „Die Krapfen sind eines von vielen Beispielen für die breite Unterstützung von allen Seiten.“ Das ehrenamtliche Engagement gehe bei allen Helfern „weit über das hinaus“, was durch den vorgeschriebenen Mindestlohn abgegolten werde – die allermeisten würden wohl auch ohne Bezahlung mit anpacken. Masten streichen, Begrenzungen reparieren, Pistenwalze warten, Elektrik erneuern, den Lift für den alljährlichen TÜV vorbereiten: Lohnt sich der Aufwand für die paar Tage Spaß? Jens Hofele zögert keine Sekunde mit seiner Antwort: „Natürlich!“

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