Asyl Eckpfeiler einer Willkommenskultur im Haintal

Eröffnung des Integrationszentrums: Zu den Protagonisten zählen unter anderem OB Bernhard Ilg (v. links), Agentur-Chef Elmar Zillert, IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Moser und Architekt Karl-Günther Wolf. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Jugendblasorchester Heidenheim. Weitere Fotos unter www.hz-online.de/bilder.
Eröffnung des Integrationszentrums: Zu den Protagonisten zählen unter anderem OB Bernhard Ilg (v. links), Agentur-Chef Elmar Zillert, IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Moser und Architekt Karl-Günther Wolf. Für die musikalische Umrahmung sorgte das Jugendblasorchester Heidenheim. Weitere Fotos unter www.hz-online.de/bilder. © Foto: Markus Brandhuber
erwin bachmann 21.06.2016
Landesweit gibt es kein vergleichbares Beispiel für das Integrationszentrum im Haintal, das gestern an den Start gegangen ist: eine Pioniertat.

In diesem neuen Zentrum steckt eine große Gemeinschaftsleistung. Mehr als zwei Millionen Euro hat die Stadt Heidenheim in den Kauf und Umbau der ehemaligen Voith-Ausbildungsstätte investiert, die vom Landkreis angemietet worden ist, um ein weit über die klassische Flüchtlings-Unterbringung hinaus gehendes Konzept zu realisieren. Intention war und ist es, möglichst viele der mit der Flüchtlingsbetreuung verbundenen Dienstleistungen an einem Ort zu bündeln – und herausgekommen ist das Integrationszentrum Heidenheim, kurz IZH, das eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge mit einer ganzen Reihe von Behörden und anderen Einrichtungen verbindet. Angeschlossen sind der Fachbereich Migration und Ehrenamt des Landkreises, die Außenstelle des Ausländerwesens der Stadt Heidenheim, das Jobcenter und die Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg, die Arbeiterwohlfahrt und Sozialversicherungsträger.

Schon der Ansatz lässt erkennen, was dieses Integrationszentrum nicht sein soll. „Keine Festung, keine Kaserne, kein Behördensilo und schon gar kein Lager,“ so Oberbürgermeister Bernhard Ilg bei der gestrigen offiziellen Eröffnung dieser modellhaften Einrichtung, die ihre Existenz einem klug gesponnenen Netzwerk von Kommunalpolitik sowie Behörden, Institutionen und Wirtschaft verdankt und in dem der Freundeskreis Asyl einen wichtigen Knotenpunkt darstellt. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels sieht Heidenheims Rathaus-Chef als ein Beispiel dafür, zu welcher Integrationsleistung die Stadt und der Landkreis Heidenheim insgesamt fähig sind. „Wir sind mit unseren politischen Mandaten im Dienst der größten gesellschaftlichen Herausforderung gefordert, die wir aktuell und in den kommenden Jahren in Deutschland zu meistern haben,“ sagte der Rathaus-Chef vor zahlreichen Zuhörern – und befand: „Dieser Herausforderung sind wir in hohem Maße gerecht geworden.“ Jenseits aller grotesken Verzerrungen zwischen naivem Multikulti und menschenverachtendem Rassismus habe man das Gemeinschaftsgefühl dafür genutzt, „um das zu tun, was zu tun ist“ und zu einer pragmatischen Willkommenskultur im Geist praktizierter Nächstenliebe gefunden.

Stolz spiegelte sich auch in den Worten des Landrats wieder, der die Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive als die aktuelle Mammutaufgabe sieht. Mit dem jetzt geschnürten Gesamtpaket namens IZH seien die optimalen Voraussetzungen geschaffen, diese Herausforderungen zu bewältigen, meinte Thomas Reinhardt. Durch die Präsenz aller relevanten Akteure sei vor Ort eine umfassende Beratung und Betreuung der Flüchtlinge insbesondere in Arbeitsmarktfragen wie auch eine Einschätzung der individuellen Leistungsfähigkeit der Flüchtlinge möglich. So könnten Menschen gezielt nach ihren Stärken gefördert und passgenaue Hilfe zur Verfügung gestellt werden, wenn es etwa um Sprachförderung, interkulturelle Problemstellungen oder psychosoziale Probleme nach traumatisierenden Kriegs- und Fluchterlebnissen geht. Und wie Heidenheims OB Ilg setzt auch Landrat Reinhardt ausdrücklich weiter auf die Ehrenamtlichen im Landkreis, die für die Flüchtlinge wichtige Integrationshelfer im Alltag darstellen.

Ein bedeutender Wegbegleiter im Integrationsprozess ist die in Aalen sitzende Hauptagentur für Arbeit, und es war deren Vorsitzender der Geschäftsführung, der den Ball in Richtung Integrationszentrum Heidenheim ins Rollen gebracht hatte. Jetzt, da es steht, zeigt sich Elmar Zillert überzeugt, dass mit dieser Einrichtung die richtige Weichenstellung vorgenommen worden und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten gegeben ist: kurze Wege, schnelle Abstimmung zwischen den Tür an Tür liegenden Institutionen, eine geballte, unter einem Dach versammelte Kompetenz, die es Schutzsuchenden erspart, durch die ganze Stadt geschickt zu werden – und Arbeitgebern ermöglicht, an einem Anlaufpunkt fündig zu werden.

Apropos Arbeit: Nach der Erfahrung Zillerts haben die überwiegend jungen, zumeist hochmotivierten und arbeitswilligen Flüchtlinge gerade auch dem regionalen Arbeitsmarkt etwas zu bieten. „Sie werden den Fachkräftemangel und die demographischen Probleme nicht lösen, aber wenn wir es richtig angehen, können sie ein Baustein zur Lösung sein.“

Unterkunft im Haintal: nicht 400, keine 300, sondern jetzt nur noch 200 Flüchtlinge

In der Zeit der  Ideenfindung war von 400 Flüchtlingen die Rede, die im Haintal Quartier finden sollten . In der Planungsphase waren es dann 300, jetzt ist nur noch von rund 200 Migranten die Rede, denen in den umgebauten Räumen eine vorläufige Bleibe geboten wird.

Landrat Thomas Reinhardt zeigte sich bei der gestrigen Einweihung des Integrationszentrums Heidenheim sicher, dass es in dieser Erstaufnahmeeinrichtung nicht mehr werden. Die ersten Flüchtlinge werden erst im Juli ins Obergeschoss des einstigen Werkstattbaus einziehen, während die darunter versammelten Behörden und Dienstleister ihre Arbeit bereits aufgenommen haben. Damit ist das Haintal für neu ankommende Flüchtlinge schon jetzt die erste Anlaufstelle – nicht mehr, wie bisher, das Landratsamt.

Dass der ambitionierte Zeit- plan und auch der Kostenrahmen eingehalten wurden, liegt neben engagierten Handwerkern an dem Heidenheimer jähriges Architekt Karl-Günther Wolf. Im Team haben sie es geschafft, den Um- und Ausbau der früheren Voith-Ausbildungsstätte – in der Wolf selbst in den 1970er-Jahren ein Maschinenbau-Praktikum absolviert hat – in nur viereinhalb Monaten durchzuziehen. Wenig für beispielsweise 2500 Quadratmeter Trockenbauwände, die – neben vielen anderen Arbeiten – neu verlegt werden mussten.