Paul Hartmann AG Düstere Stimmung bei Hartmann-Tochter KOB

Nicht alles läuft gut im Jahr des 200-jährigen Bestehens. Personalentscheidungen beim Tochterunternehmen KOB sind dort nicht alle gut angekommen.
Nicht alles läuft gut im Jahr des 200-jährigen Bestehens. Personalentscheidungen beim Tochterunternehmen KOB sind dort nicht alle gut angekommen. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Von Günter Trittner 15.07.2018
Personaländerungen an der Spitze des Tochterunternehmens Karl Otto Braun bewegen in der Pfalz die Mitarbeiter. Vorstandsmitglied Dr. Raymund Heinen widerspricht Vorwürfen.

Wenn bei der Bilanzpressekonferenz oder in der Aktionärsversammlung der Paul Hartmann AG dieses Jahr etwas Auflockerung guttat, hat Hartmann-Chef Andreas Joehle von der Karl Otto Braun GmbH & Co. KG (KOB) in Wolfstein erzählt und deren speziellem Geschäftsbereich des Brawoliners.

Der weltweit größte Hersteller elastischer textiler Flächen für die Medizin ist seit 1997 auch in der grabenlosen Sanierung von defekten Abwasserrohren tätig. Hierbei wird ein flexibler, nahtloser beschichteter Schlauch in die Leitung eingeführt. Die KOB ist auch hier ein Technologieführer.

Joehle hätte aber auch anderes aus dem Unternehmen KOB berichten können, das Hartmann im Jahr 2000 übernommen hat. Die in Ludwigshafen erscheinende Tageszeitung „Rheinpfalz“ hat in den vergangenen Wochen mehrfach über einen sich ausweitenden Personalaustausch an der Spitze der KOB berichtet, der die rund 650 Mitarbeiter zählende Belegschaft verunsichere.

Tenor: Der Hartmann-Vorstand setze verstärkt eigene Leute auf Führungspositionen mit der Folge: „Die Stimmung ist düster bei der Firma Karl Otto Braun.“

Klage am Arbeitsgericht

Ausgetragen vor dem Landesarbeitsgericht Mainz wird ein Streit, in dessen Mittelpunkt der im September 2017 zunächst betriebsbedingt gekündigte und danach zweimal fristlos entlassene und aufs Neue betriebsbedingt gekündigte Finanzchef Michael Gottschalk steht. In erster Instanz hat das Arbeitsgericht Kaiserslautern Hartmann auflaufen lassen. Dem Unternehmen sei es nicht gelungen für eine betriebsbedingte Kündigung nachzuweisen, dass Gottschalks Position tatsächlich aufgrund einer unternehmerischen Entscheidung weggefallen sei.

Inzwischen hat Hartmann in der Person von Klaus-Magnus Junginger einen neuen Mann bei KOB eingestellt, der seit 1. Juli als Mitglied der Geschäftsführung firmiert.

Ausgeschieden aus der Reihe der KOB-Führungskräfte ist nach „Rheinpfalz“-Informationen nicht ganz freiwillig Vertriebschef Paul de Rijke und seit Ende April offiziell Geschäftsführer Philipp Stradtmann. Dieser soll sich in Heidenheim bei Hartmann gegen die Kündigung von Finanzchef Gottschalk ausgesprochen und dabei seine eigene auf den Tisch gelegt haben.

Stradtmanns Nachfolger ist Dipl-Ing. Bernhard Wittmann, der bei Hartmann im Range eines Senior Vice President Global Operations steht. Zuständig für die KOB in der Geschäftsführung von Hartmann ist Dr. Raymund Heinen. Dieser ist seit 1. Oktober 2015 für Hartmann als Chief Process Officer tätig.

Heinen, der sich zur Causa Gottschalk nicht äußern will, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, zeigt durchaus Verständnis, dass die Änderungen in der Organisationsform bei KOB nicht bei allen auf Wohlgefallen stößt.

Heinen möchte dabei aber klarstellen, dass sich Hartmann über den Personalwechsel beim Agieren von KOB nicht am Markt einmischen wolle. „Das werden wir in keiner Weise tun.“ Die KOB sei zwar eine wichtige Tochter von Hartmann. Aber sie beliefere nicht nur Hartmann als Großkunden, sondern aus ihrer 115-jährigen Tradition heraus weltweit die führenden Markenanbieter.

Bei den von Hartmann vorgenommenen Schritten, so Heinen, gehe es vielmehr um die Erhöhung der Effizienz auf dem Wege einer Vereinheitlichung von Standards zwischen der Konzernmutter und den Tochter-Unternehmen. Zentralisieren und harmonisieren, gibt Heinen als Stichworte. Als Bereiche führt der Maschinenbauingenieur, dem bei Hartmann die Steuerung der Betriebe weltweit obliegt, beispielhaft Lean Management, Qualitätsvorgaben und IT-Lösungen an: „Dass eben nach einer bestmöglichen Vorgehensweise gearbeitet wird.“

Alle Regeln eingehalten

Zurückgewiesen wird von Heinen der Vorwurf von Patronage. Vor seinem Engagement bei Hartmann war Heinen unter anderem CEO bei Cark Zeiss Vision International. Auch Wittmann hat eine Zeiss-Vergangenheit. Dieser war 2009 zu Zeiss-Vision gekommen. Und noch einen externen Berater hat die „Rheinpfalz“ als Bekannten Heinens aus Zeiss-Tagen in Wolfstein ausfindig gemacht.

Heinen versichert, dass bei diesen Personalentscheidungen alle gültigen Regeln der Personalauswahl eingehalten worden sind. „Es gilt mindestens das Vier-Augen-Prinzip.“ Auch der Einsatz des Beraters wird von Heinen verteidigt. Dieser habe für Hartmann in hervorragender Weise erst jüngst auf internationaler Ebene zwei große Aufgaben erledigt.

Hartmann bilanziert alle Tochterunternehmen zusammen in einem Konzernbereich. Der letzte bekannte Umsatz bei KOB bezifferte sich auf 120 Millionen Euro für 2016. Diese Größenordnung, so Heinen, treffe auch heute noch zu.

Zur Firma: Karl Otto Braun

KOB agiert weltweit mit den drei Geschäftsfeldern Medical, Pharma und Pipe Solutions. Das Unternehmen ist ein führender internationaler Anbieter elastischer Spezialtextilien für Medikal- und Pharmaunternehmen. Im Geschäftsfeld Pipe Solutions werden die Bau- und Immobilienbranche mit den Produktmarken Brawoliner und Spray-Liner beliefert.

Im Kerngeschäft Medikal und Pharma ist KOB seit 115 Jahren Entwicklungspartner und Hersteller elastischer medizinischer Binden und Gewebe für die führenden Markenanbieter weltweit. Die KOB-Produkte werden als Bandagen zum Stützen, Fixieren und Komprimieren wie auch als Trägerstoffe und Pflaster eingesetzt. Zum Einsatz kommen sie in der Sportmedizin und Orthopädie, der Phlebologie und Lymphologie und in der Wundversorgung. Die textilen, elastischen Trägergewebe kommen für pharmazeutische Anwendungen als Wirkstoffpflaster zum Einsatz.

Das Unternehmen beschäftigt an sieben Standorten weltweit 1200 Mitarbeiter in der Entwicklung, dem Vertrieb und der Produktion und Montage. Die textile Produktion erfolgt an den Standorten Wolfstein, Deutschland und Coimbatore, Indien. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in Wolfstein.

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