Heidenheim Drogenabhängiger begeht Einbruch - in Polizeistiefeln

Zum x-ten Mal stand ein 52-Jähriger jetzt vor Gericht.
Zum x-ten Mal stand ein 52-Jähriger jetzt vor Gericht. © Foto: Foto: Archiv
Heidenheim / Michael Brendel 29.08.2018
Drei Wohnungseinbruchsdiebstähle innerhalb weniger Stunden: Dafür erhält der Täter jetzt vor dem Schöffengericht eine dreijährige Freiheitsstrafe und wird in eine Entziehungsanstalt eingewiesen.

Erst Gummistiefel, dann Fußfesseln: Der 52-Jährige ist kein Mann der alltäglichen Auftritte. Dabei stünde ihm etwas weniger Drama gut zu Gesicht, will er noch einmal auf die Beine kommen. Es muss lange her sein, dass ein solches Bemühen zu erkennen war: „Seit Ihrem 15. Lebensjahr“, rechnet Amtsgerichtsdirektor Rainer Feil dem Angeklagten vor, „haben Sie zwei Drittel der Lebenszeit im Gefängnis verbracht.“ Und jetzt gibt's noch was obendrauf. Drei Jahre Freiheitsstrafe wegen drei Wohnungseinbruchsdiebstählen, wobei es einmal beim Versuch blieb.

Die Verhandlung vor dem Schöffengericht dauert erheblich länger als der juristisch zu ahndende Raubzug. Dieser beschränkt sich auf wenige Stunden des 12. März 2018. In den Morgenstunden wird der Angeklagte von Anwohnern dabei ertappt, als er an einem Wohngebäude an der Stadtmauer ein Fenster einwirft. Nach einem beiderseitigen „Guten Morgen“ sucht er das Weite.

Mehr Glück hat er am Eugen-Jaekle-Platz, wo er aus den Räumen einer Wohngemeinschaft Uhren, Schmuck und Bargeld stiehlt. Das Diebesgut befindet sich noch in seinem Rucksack, als er wenig später unweit des Rathauses geschnappt wird. Bei der Vernehmung auf dem Polizeirevier macht er keine Angaben, muss aber seine Schuhe zur Beweissicherung abgeben. Die Beamten statten ihn mit Gummistiefeln aus und setzen ihn wieder auf freien Fuß.

Großer ideeller Schaden

Auf mehr oder weniger leisen Sohlen beginnt sich der 52-Jährige stante pede zur Helmut-Bornefeld-Straße und dringt durch ein Fenster in eine Privatwohnung ein. Beute: elektronische Geräte, Schmuck, Parfüm, Spirituosen, ein Reisepass und etliches mehr. Größer als der materielle Schaden ist der ideelle, wie der Bestohlene vor Gericht verdeutlicht: neben dem eigenen Ehering fehlt der Laptop des Sohnes mitsamt der darauf gespeicherten Arbeit von Jahren. „Was Sie gemacht haben, ist unverzeihlich“, sagt der Geschädigte verbittert.

Der Langfinger ist auch diesmal schnell ermittelt, lässt er doch am Tatort eine Plastiktüte mit seinem Ausweis zurück. Außerdem finden sich Abdrücke besagter Gummistiefel. Die in einem Koffer abtransportierte heiße Ware will er in einem Zug vergessen haben.

Bei Opfern entschuldigt

Der betont lässig auftretende Angeklagte räumt alle drei Taten ein, entschuldigt sich bei den Opfern. Nichts zu tun habe er hingegen mit einem Einbruch am 14. März, wenngleich die Vorgehensweise seine Handschrift trägt. DNA-Spuren oder Fingerabdrücke, die auf ihn als Täter hindeuten könnten, gibt es zwar nicht – wohl aber die Aussage einer Bekannten, er habe bei ihr eine Schmuckschatulle im Müll entsorgt, die aus dem in Mergelstetten verübten Coup stammte.

Der 52-Jährige bestreitet auch den Einbruch in einen Lebensmittelmarkt in der Innenstadt. In der Silvesternacht 2017 werden dort 35 000 Euro aus einem Safe gestohlen. Ein Überwachungsvideo zeigt, dass der Täter äußerst zielgerichtet vorgeht, wohl über Insiderkenntnisse verfügt. Die Person ist allerdings nicht klar zu erkennen.

Ermittelte Polizei schlampig?

Das Gericht spricht den Angeklagten in diesem Punkt frei, „auch wenn wir es nicht für unwahrscheinlich halten, dass er beteiligt war“, so Feil. Dass er just nach dem Vorfall über Geld verfügt und zur Tatzeit entgegen seiner Gewohnheit auf jeglichen Whats-App-Verkehr verzichtet, reicht als Indiz für eine Verurteilung aber nicht aus. Das ungeklärte Verschwinden seines Handys wertet Verteidigerin Peggy Eisele als einen Beleg für die aus ihrer Sicht schlampige Ermittlungsarbeit der Polizei.

Einen Freispruch gibt's auch im Fall des Einbruchs in Mergelstetten. Das Gericht wertet die einzige Zeugin als „nicht hinreichend verlässlich“. Zum einen sei ihre Wahrnehmungs- und Erinnerungsfähigkeit aufgrund Drogen- und Medikamentenkonsums beeinträchtigt gewesen, zum anderen habe sie aufgrund vorangegangener Streitigkeiten ein Motiv für eine Falschbelastung.

Vermindert schuldfähig

So bleibt's bei einer Verurteilung wegen der ersten drei Wohnungseinbruchsdiebstähle und bei der erneuten Einweisung in eine Entziehungsanstalt. Möglich ist diese, weil das Schöffengericht dem 52-Jährigen den ehrlichen Willen abnimmt, sein Leben ändern zu wollen, wovon sich eine hinreichende Erfolgsaussicht ableiten lasse. Eine weitere Bedingung ist erfüllt, da der als Sachverständiger geladene Dr. Felix Segmiller, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, dem Angeklagten bescheinigt, er könne zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sein.

Der 52-Jährige hat 60 Prozent der Verfahrenskosten zu tragen, außerdem werden 5040 Euro eingezogen, die ihm als Gewinn aus den Straftaten zugerechnet werden. „Das ist eine große Chance, die Sie jetzt bekommen“, gibt Feil dem 52-Jährigen mit auf den Weg. Und: „Machen Sie was draus, denn irgendwann ist es zu spät.“

In der Tat drängt die Zeit. Immerhin bringt es der seit 1992 drogenabhängige Mann auf nicht weniger als 21 Verurteilungen zu insgesamt 25 Jahren Gefängnis.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil zwar der 52-Jährige und seine Verteidigerin auf Rechtsmittel verzichten, der Erste Staatsanwalt Carsten Horn das aber nicht tut. Er hatte auf vier Jahre Freiheitsstrafe und die Einziehung von 41 385 Euro plädiert.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel