Heidenheim Dreimal Beethoven beim Galakonzert mit der „Cappella Aquileia“

Groß in Sachen Beethoven: die „Cappella Aquileia“, der Philharmonische Chor aus Brünn und die Solisten Valda Wilson, Kate Allen, Tilmann Unger und Simon Bailey unter Marcus Bosch (vorne von links) nach der neunten Sinfonie beim Galakonzert der Opernfestspiele im CC.
Groß in Sachen Beethoven: die „Cappella Aquileia“, der Philharmonische Chor aus Brünn und die Solisten Valda Wilson, Kate Allen, Tilmann Unger und Simon Bailey unter Marcus Bosch (vorne von links) nach der neunten Sinfonie beim Galakonzert der Opernfestspiele im CC. © Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 10.07.2018
Ein sehr ernsthaft zauberhafter europäischer Abend: dreimal Beethoven beim Galakonzert mit der „Cappella Aquileia“, dem Philharmonischen Chor Brünn und Solisten unter Marcus Bosch.

Diesmal wurde das Muskelspiel der Gewalten im Saale ausgetragen, kein Abend gefährdet oder gar verdorben. Niemand wurde nass, auch wenn man mindestens emotional stark ins Schwitzen geraten konnte. Und am Ende überspannte ein Nachthimmel Heidenheim, der in seinem mit Sternen gesprenkelten Blau ja beinahe schon wie die Flagge einer Inszenierung mit Bezug zum eben Erlebten interpretiert werden konnte: europäische Angelegenheiten auf dem Schlossberg.

Aber vielleicht der Reihe nach. Gleich dreimal Beethoven wurde von Marcus Bosch, der „Cappella Aquileia“ und dem Philharmonischen Chor aus Brünn als musikalisches Geschütz beim Galakonzert am Sonntagabend im mit 900 Besuchern nahezu ausverkauften Festspielhaus aufgefahren. Wobei es insbesondere um ein auf den ersten Blick völlig ungleiches Paar gehen sollte: die praktisch nie aufgeführten „Ruinen von Athen“ auf der einen und die nicht bloß auf Konzertpodien quasi omnipräsente Neunte Sinfonie.

Die Ruinen von Athen

Als Amuse-Gueule vorab wurde die Chorkantate „Meeresstille und glückliche Fahrt“ gereicht, was den Beteiligten gleich zu Beginn die gern und beeindruckend genutzte Chance eröffnete, ein gewissermaßen unhörbares Pianissimo vorzuführen. Hoffentlich lauschte man nicht mit offenem Mund. Denn es sollten nur wenige Momente folgen, in denen man womöglich hätte daran denken können, ihn wieder zu schließen.

Mit der 1812 erstmals aufgeführten Schauspielmusik „Die Ruinen von Athen“ wurde seinerzeit das Theater in Pest, also dem auf dem linken Donauufer gelegenen größeren Teil von Budapest eröffnet. August von Kotzebues Text wurde für die Heidenheimer Aufführung stark gekürzt und bearbeitet von Kai Weßler. Was dem Stück nicht schadete, es nicht desavouierte und letztendlich sogar stärker heutig fokussierte auf einen schon damals diskutierten Punkt: den lausigen Zustand Europas.

Bei Kotzebue, Weßler und Beethoven erwacht nach zweitausendjährigem Schlaf Pallas Athene, nur um unter anderem festzustellen, dass Griechenland in Trümmern liegt, sich „die Osmanen an den Stätten der Antike“ tummeln und „mein Palast eine Moschee“ ist. Und das ist noch lange nicht alles, was von der entsetzten Göttin bemängelt wird. Doch vielleicht hilft ja Kaiser Franz; und zwar nicht der nach der WM-Affäre in Österreich abgetauchte Ex-Libero. Es ist der nach seiner Abdankung als letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in solcher Funktion noch dem Kaisertum Österreich vorstehende Franz, dem in Pest zu huldigen war. Zwei Jahre später begann bekanntlich der Wiener Kongress, wo man womöglich besser daran getan hätte, weniger zu tanzen, als sich die richtigen Gedanken über Europa zu machen.

Die Neunte

Das kann Pallas Athene damals in Pest freilich noch nicht ahnen. Insofern endet ihre Sorge in trügerischer Zuversicht, was nichts daran ändert, dass die als Göttin fungierende Schauspielerin Sidonie von Krosigk eine ganz formidable Vorstellung bot. Der einstige Kinderstar, zuletzt am Ulmer Theater zum Ensemble gehörig, ging als Sprecherin mit fesselnder Entschlossenheit zur Sache. Selbst dann, wenn sie zu schweigen hatte und, regelrecht vibrierend vor geistiger Anteilnahme, auch in stumme Zwiesprache zur Musik ging, die unter den Händen von Marcus Bosch und der „Cappella Aquileia“ Qualitäten entwickelte, die man dann bislang wohl immer überhört hatte.

Eine reife Leistung, auch was den Chor und den hier als Solisten geforderten Simon Bailey betraf. Eine deutsch-tschechisch-englisch-europäische Gemeinschaftsproduktion also, die in nächster Stufe auf Solistenseite von einer Irin und, die die Regel bestätigende Ausnahme, einer Australierin ausgebaut werden sollte.

Beethovens Neunte nun also, die Europa-Hymne, wenigstens was das Hauptthema ihres letzten Satzes anbelangt. Und dieser Tage vielleicht sogar der Zustandsbericht einer politischen Gemeinschaft, der der Glaube an sich selber abhanden zu kommen droht. Zumindest kann man das aus der Interpretation von Marcus Bosch heraushören. Da sind die im düsteren Nebel stochernden leeren Quinten des ersten Satzes mit seinen abrupten Wechseln zwischen Dunkelheit und Aufhellung. Oder da ist jene über weite Strecken des zweiten Satzes womöglich nur vorgeblich derb-fröhliche Stimmung, unter deren Oberfläche gespannte, geradezu fiebrige Erregtheit wahrzunehmen ist...

Was wird da wo gerade alles aufs Spiel gesetzt in Europa? Und kann da Musik, der man den Mund ja schlecht verbieten kann und die schon immer weit mehr zu bieten hatte als Dekoration, etwas ausrichten in Zeiten, da durchaus auch der Eindruck billigend in Kauf genommen wird, dass Diskussionen eigentlich unerwünscht und Millionen dazu da, verschlungen und nicht, wie in der „Ode an die Freude“, umschlungen zu werden?

Wer hören will, hört – und dies schließt in der Interpretation dieses europäischen Abends glücklicherweise Pathos aus – die Antwort im vierten Satz, der mit tatsächlicher Urgewalt und dem Impetus der an seiner Entstehung Beteiligten ein gewaltiges Ausrufezeichen setzt. Ein entfesseltes Orchester mit einem zeitweise auf Bodenhaftung verzichtenden Dirigenten, starke Solisten – und ein unglaublicher Chor, dessen Soprane scheinbar mühelos Höhen erklimmen, an die sich nur die Besten der Besten wagen sollten.

Optimismus also zum Schluss. Wenigstens in Heidenheim, mitten in Europa, wo man an diesem Abend, wenn man so will, ja auch in gewisser Weise einer Kunstfigur applaudiert hat, die im Kino von niemand anderem als Sidonie von Krosigk verkörpert wurde und in ihren Abenteuern mit staatstragender Inkompetenz noch immer im Handumdrehen fertig zu werden pflegt, nämlich Bibi Blocksberg, deren Motto ein wenig augenzwinkernd die Beleuchtung eines sehr ernsthaft zauberhaften Abends abrunden mag: hex, hex.

Heute Abend noch eine Vorstellung im CC

Dieses Konzert kann man am Montag, 9. Juli, ab 20 uhr im Congress Centrum in Heidenheim noch einmal erleben. Karten gibt es noch an der Abendkasse.

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