Heidenheim Drei Jahre Haft für Schnaitheimer Tankstellenräuber

Nach dem zweiten Raubüberfall am 22. Mai sichert die Polizei Spuren am Tatort.
Nach dem zweiten Raubüberfall am 22. Mai sichert die Polizei Spuren am Tatort. © Foto: Archiv/Markus Brandhuber
Heidenheim / Michael Brendel 09.08.2018
Rund vier Monate nach zwei in Schnaitheim begangenen Überfällen stand der 21-jährige Täter jetzt vor dem Ellwanger Landgericht. Er wurde in eine Entziehungsanstalt eingewiesen.

Fast dreieinhalb Stunden schon macht die Schwüle den Sitzungssaal zur Waschküche, dienen Akten als Frischluftfächer, beginnen die Gedanken abzuschweifen. Da platzt dem Vorsitzenden Richter der Ersten Großen Strafkammer der Kragen. Kalkuliert zwar, aber nicht gekünstelt. Und auch nicht, weil bei den Prozessbeteiligten die Konzentration nachzulassen droht. Vielmehr bringt das Ergebnis der Beweisaufnahme Gerhard Ilg auf die Palme.

Sechser im Lotto

„Es ist wie ein Sechser im Lotto, wenn man jemandem, der so heruntergekommen ist wie Sie, eine solche Möglichkeit bietet“, wettert Ilg bei der Urteilsbegründung. Und weiter: „Diese Maßnahme kostet jetzt einen Sack voll Geld. Und wer bezahlt das alles? Wir, die Steuerzahler.“

Maßnahme. Dahinter verbirgt sich, dass der 21 Jahre alte Angeklagte wegen zwei selbstständigen Fällen der schweren räuberischen Erpressung zwar zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt, nun allerdings in die Erziehungsanstalt Weinsberg eingewiesen wird. Außerdem trägt er die Kosten des Verfahrens, und die schätzungsweise 890 Euro, die er bei seinen Taten erbeutet hat, werden eingezogen.

Zwei Taten in drei Wochen

Rückblick: Am 30. April dieses Jahres bedroht ein zunächst Unbekannter gegen 20.10 Uhr den Pächter der mittlerweile abgerissenen Tankstelle beim Real-Markt mit einer ungeladenen Schreckschusswaffe. Er lässt sich rund 600 Euro aushändigen und flüchtet mit einem Fahrrad.

Drei Wochen später, am 22. Mai, schlägt derselbe Täter wieder zu. Diesmal kommt er bereits kurz nach sieben Uhr, wieder bewaffnet, wieder mit dem Fahrrad. Seine Beute ist so früh am Tag deutlich geringer: ungefähr 290 Euro Wechselgeld, mehr kann die Kassiererin nicht herausrücken.

Nach der Veröffentlichung eines Fahndungsfotos geht der Hinweis auf den 21-Jährigen ein, der nur wenige Hundert Meter entfernt wohnt. Am 29. Mai nimmt die Polizei den ledigen jungen Mann in den frühen Morgenstunden fest. Seither sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Hall in Untersuchungshaft.

Täter geständig

Der 21-Jährige ist von Anfang an geständig, und kurz vor Beginn des Prozesses erhält das Landgericht zudem Kenntnis von einem wichtigen Indiz: Eine beim Landeskriminalamt untersuchte Mischspur von einem Kasseneinsatz der Tankstelle weist auch die DNA des Angeklagten auf.

Die Ermittlungen bestätigen rasch die sich von Anfang an aufdrängende Vermutung, dass es sich um einen klassischen Fall von Beschaffungskriminalität handelt: Der Täter braucht möglichst schnell Geld und wählt sich deshalb auch zu einer völlig untypischen Zeit ein Objekt, das er mit dem Rad problemlos erreicht. Pech für die beiden Personen, die er mit der Waffe bedroht.

Relativ milde Strafe

„Sie haben die Chance einer vergleichsweise milden Strafe fast nicht verdient“, legt Ilg deshalb nach und hämmert dem Angeklagten die Folgen seines Tuns ins Gewissen: „Auch wenn es bei der Vernehmung vielleicht nicht so gewirkt hat: Die Opfer sind traumatisiert. Sie können nicht mehr schlafen und haben Angst vor der Nacht, weil dann wieder jemand wie Sie vor ihnen stehen könnte.“

Die beiden Tankstellenbeschäftigten gehen nicht auf die Entschuldigung des 21-Jährigen ein, dessen bisheriges Leben alles andere als eine Erfolgsgeschichte ist. Hauptschulabschluss, Arbeitslosigkeit, schwere Operation, wenige Sozialkontakte – die Abwärtsspirale beginnt sich rasch zu drehen. Langeweile, Zeit totschlagen, Alkohol- und Drogenkonsum. Die Hartz-IV-Bezüge sind immer viel zu schnell verpulvert, und wenn die Entzugserscheinungen zu schaffen machen, muss unbedingt Kohle her.

Die Idee eines Raubes will der Angeklagte deshalb schon lange in sich getragen, zunächst aber Hemmungen verspürt haben, sie auch in die Tat umzusetzen. Bis zum 30. April: Nachdem er sich schon Tage zuvor im Internet über Tankstellenüberfälle informiert, eine Nacht lang mit Alkohol gegen die Schmerzen angekämpft hat, schlägt er zum ersten Mal zu. Die Beute reicht eine Weile, dann beginnt das Spiel von vorn.

Rasche Festnahme

Welche Fortsetzung die Geschichte möglicherweise gefunden hätte, lässt sich unschwer ausmalen. Und so befindet Ilg: „Seien Sie froh, dass die Polizei sie so früh am Wickel gekriegt hat. Sie können von dem Strafmaß nur profitieren.“ Ausdrücklich schließt Ilg in seine Bewertung Staatsanwalt Maximilian Adis ein, der das schließlich verhängte Strafmaß und die damit verbundene Unterbringung in einer Entziehungsanstalt fordert. Er erkennt eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund der Sucht des Angeklagten und orientiert sich dabei am Gutachten von Dr. Fabian Lang, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Dieser bescheinigt eine Persönlichkeitsstörung in Form einer beeinträchtigten Interaktionsfähigkeit. Außerdem bestehe die Gefahr weiterer rechtswidriger Taten – eine Voraussetzung für eine Einweisung.

Der 21-Jährige erklärt nach Rücksprache mit seinem Verteidiger ebenso wie der Staatsanwalt noch im Gerichtssaal, auf Rechtsmittel zu verzichten. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

Bleibt noch das abschließende Wort von Richter Ilg, der damit zeigt, dass er trotz der Verwerflichkeit der Tat sehr wohl das Schicksal des dahinter stehenden Menschen im Blick hat: „Sie haben nicht aus einer kriminellen Grundhaltung heraus, sondern wegen Ihrer bedauerlichen BTM-Abhängigkeit gehandelt. Deshalb alles Gute. Wir hoffen für Sie, dass es klappt.“

Therapie statt Strafe

Der Begriff Entziehungsanstalt klingt antiquiert, das damit verbundene Problem ist aber aktueller denn je: Paragraph 64 des Strafgesetzbuchs ermöglicht im Rahmen des Maßregelvollzugs die Unterbringung suchtkranker Straftäter in einer Entziehungsanstalt. Sie zielt zum einen auf die Heilung der betroffenen Person ab, zugleich aber auf die Sicherheit der Allgemeinheit. Der Verurteilte muss also nicht seine Strafe in einer Vollzugsanstalt antreten, sondern begibt sich in eine stationäre Drogentherapie.

Voraussetzung ist, dass der Täter den Hang hat, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen. Außerdem muss eine rechtswidrige Tat im Rausch begangen worden oder zumindest auf den Hang zurückzuführen sein. Hinzu kommt die Annahme, dass die Gefahr weiterer Taten sowie die Aussicht darauf besteht, dass die Maßregel Erfolg hat. Die Unterbringung darf die Dauer von zwei Jahren nicht übersteigen.

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