Heidenheim / Karin Fuchs Ende der 1970er-Jahre flohen Tausende von Vietnamesen vor den kommunistischen Vietcong, darunter auch Dinh Duc Tran. Er gehört zu den ersten vietnamesischen Flüchtlingen in Heidenheim. 30 Jahre nach der Flucht wird nun in der vietnamesisch-katholischen Gemeinde ein Fest der Dankbarkeit gefeiert.

An seine Flucht erinnert sich Dinh Duc Tran, als wäre sie gestern gewesen. Er erzählt gestikulierend, sucht nach deutschen Worten, seine Tochter Yen Nhi Tran übersetzt, wenn ihm diese fehlen. Dass sein Deutsch auch 30 Jahre nach der Flucht nicht fließend ist, dafür entschuldigt er sich immer wieder.

Es war der 24. September 1984, als er zusammen mit 52 anderen Menschen, darunter zwei seiner Geschwister, in einem hoffnungslos überladenen kleinen Fischerboot aufs offene Meer hinaus fuhr. Das Wetter war schlecht, die Wellen hoch. Doch so war die Gefahr geringer, von den Soldaten des Vietcong entdeckt und verhaftet oder gar erschossen zu werden. „Wir wussten nicht, wohin wir fliehen, wir haben zu Gott gebetet und ihm vertraut.“ Vier Tage trieben die Menschen im Boot auf dem Meer, die Verpflegung und das Trinkwasser waren aufgebraucht, als am Horizont der Rauch eines Handelsschiffes zu erkennen war. Der Kapitän nahm die Flüchtlinge auf und brachte sie nach Hongkong.

Dinh Duc Tran erzählt fast jede Einzelheit, er beschreibt, wie das Boot schwankte, wie er die anderen zur Ruhe mahnte, wie er die Schiffswand hochkletterte. Es wirkt, als würden diese schlimmen Stunden noch einmal vor seinem geistigen Auge abgespult. Was geht in ihm vor, wenn er heute die Bilder der Flüchtlinge sieht, die in Booten übers Mittelmeer kommen? „Ich fühle mit ihnen“, sagt er. Nur heute sei der Weg der Boote nicht so weit wie damals. Ohne Kompass und Navitationsgerät sei man im südchinesischen Meer unterwegs gewesen in der Hoffnung, auf ein vorbeifahrendes Schiff zu treffen und gerettet zu werden. „Von zehn Schiffen kamen nur zwei an. Müsste ich heute noch einmal entscheiden, ich würde nicht noch einmal flüchten“, sagt Dinh Duc Tran.

Dabei hatte er eigentlich großes Glück. Gerade auch deshalb, weil er in Deutschland auf großherzige Menschen traf, die ihm halfen und das Einleben in der Fremde erleichterten. Von Hongkong kam Dinh Duc Tran erst nach Tübingen und vor dort mit weiteren 80 vietnamesischen Flüchtlingen nach Heidenheim ins Wohnheim an der Walther-Wolf-Straße. 32 davon waren Katholiken und auch des Glaubens wegen geflohen.

Dem damaligen Pfarrer der Mariengemeinde, Keller, war es ein großes Anliegen, die katholischen Vietnamesen in die Gemeinde aufzunehmen. Wenn auch so vieles fremd war in Heidenheim, so war der Gottesdienst in der Kirche für Dinh Duc Tran etwas Vertrautes. Er kannte die Rituale, die Gebete sprach er in Gedanken auf vietnamesisch mit. Die Familienzusammenführung scheiterte zunächst, erst nach dem Tod des Vaters erlaubte die kommunistische Führung Vietnams die Nachreise der Geschwister und der Mutter.

Kellers beste Idee war aber die, die Kirchengemeinderätin Wilma Hansen damit zu beauftragen, sich um die katholischen Flüchtlinge zu kümmern. Sie half den jungen Vietnamesen so gut es ging, verschaffte ihnen passende Kleidung für den kalten Winter, den die Vietnamesen so nicht kannten, half ihnen bei Behördengängen, half bei den Hausaufgaben, ging zu Elternabenden und lud sie zu Teenachmittagen ein.

Wilma Hansen wurde für die Flüchtlinge zur Ersatzmama. Der Kontakt riss nie ab. Heute ist sie zur „Oma“ der zweiten Generation geworden. 13 „Enkel“ hat sie mittlerweile, darunter auch die Tochter von Dinh Duc Tran. Sie studiert mittlerweile zwar auswärts Lehramt, doch sonntags kommt die Familie oftmals noch zusammen, natürlich auch „Oma Hansen“.

Heute, 30 Jahre später, ist Familie Tran ein Beispiel, wie Integration gelingen kann. Bereits 1990 erhielt Tran den deutschen Pass. Die Kinder gehen allesamt aufs Gymnasium oder studieren an Hochschulen. Auch die anderen mit Tran geflüchteten Vietnamesen haben hier in ihrer neuen Heimat Fuß gefasst. Doch Dinh Duc Tran hat auch viel zurückgesteckt, um heute an diesem Punkt zu stehen. Als er in Deutschland mit nichts als seinen Kleidern auf dem Leib angekommen war, war erst einmal die Sprache wichtig, danach das Geldverdienen.

Gerne hätte Tran einen handwerklichen Beruf erlernt, doch in Vietnam durfte er als Christ nicht, in Deutschland konnte er nicht wegen der Sprache. Die Berufsvorbereitungsklasse brach er ab, zu sehr litt er unter den Anfeindungen, die er als Ausländer zu spüren bekam. Schließlich fand er einen Job in Schorndorf und wechselte ein Jahr später nach Giengen zu Bosch, wo er heute noch arbeitet.

Einmal im Monat treffen sich mehr als 50 Vietnamesen aus Heidenheim und Umgebung , um gemeinsam Gottesdienst in ihrer Muttersprache zu feiern. Die geistliche Betreuung durch einen Landsmann begann bereits zwei Jahre nach Ankunft in Heidenheim. Erster vietnamesischer Pfarrer war Pater Thomas, später erhielt Pfarrer Stefano Bui den bischöflichen Auftrag, sich um einige vietnamesischen Gemeinden in der Diözese zu kümmern. Seit 24 Jahren kommt er nun nach Heidenheim, einmal im Monat wird in der Dreifaltigkeitsgemeinde gefeiert, diesmal mit besonderem Anlass.

Die vietnamesische katholische Gemeinde möchte zur Erinnerung an 30 Jahre Aufenthalt und aus Dankbarkeit für die gelungene Integration in Deutschland ein Fest feiern. Es beginnt am Samstag, 24. Oktober, mit einem Gottesdienst um 14.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche Heidenheim und wird mit einer Feier für geladene Gäste fortgesetzt, unter denen sich auch viele ehrenamtliche deutsche Helfer von damals befinden werden.