Heidenheim Fußgängerampeln: Drücken oder nicht drücken?

Drücken oder nicht drücken: Ist das eine Frage?
Drücken oder nicht drücken: Ist das eine Frage? © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 20.07.2018
Stehen alle Räder still, wenn dein starker Arm es will? Außerirdisch angestellte philosophische Betrachtungen der verkehrstechnisch inspirierten Art.

Rot-Gelb-Grün, Grün-Gelb-Rot: Am Straßenverkehr kommt keiner vorbei. Außer den Ampeln. Denn sie stehen ihm im Weg, obwohl sie so tun, als machten sie ihn erst möglich.

Rot und Grün, nur Grün und Rot: Der Paria des Straßenverkehrs ist der Fußgänger. Er ist kein Sattelschlepper und erst recht kein Maserati. Für ihn gibt's nicht mal Gelb. Er geht, wenn die anderen nicht gerade fahren. Und er denkt, dass er das der Ampel verdankt. Der Fußgängerampel.

So ist er, der Fußgänger. So denkt er: Alle Räder stehen still, wenn sein starker Arm es will. Also drückt er die Fußgängerampel, die umgehend suggeriert: Signal kommt. Und irgendwann wird es Grün – und der Fußgänger sieht, dass es gut ist.

Gelb und sexy

„Bitte berühren“, steht auf manchen der gelben Lockfallen, mit denen sich Fußgängerampeln sexy machen. Und die Lust und die Macht liegt in des Fußgängers Händen, während das Signal kommt und kommt. Morgens kommt, mittags kommt, abends kommt, den ganzen Tag. Der Ampel sei Dank. Doch trügt der Schein.

Auch im Schatten des Totenbergs, im Rücken die Brenz, linker Hand der Bahnhof und vis à vis ein Penny. Dort, wo jenseits der Ampel und der B 19 die Verheißung des morbiden Charmes der Oststadt beginnt und man früher mitten in Heidenheim „im China“ wohnte.

Hier kommt das Signal durchschnittlich alle 75 Sekunden. Grün für den Mann, die Frau, das Kind mit dem starken Arm. Niemand zögert. Jeder tut es, drückt. Dann stehen alle Autos still. Alle 75 Sekunden hält ein Fußgänger die Welt an. Für 20 Sekunden Grün. Von wegen Paria!

Und keiner hört, wie die Ampel lacht. Durchschnittlich alle 75 Sekunden. Denn sie würde auch so Grün zeigen. Aber das muss ja niemand wissen. Sollen sie ruhig drücken, sollen sie glauben, es läge in ihrer Hand, soll ihnen der Kamm schwellen, wenn sie die Front der haltenden Fahrer abschreiten, soll es weiterhin nur der stille Beobachter aus dem All wissen, dass die Ampel einmal, als sie gedrückt wurde, sogar für 90 Sekunden auf Rot geschaltet hat und einmal, als gar niemand zum Drücken in der Nähe war, schon nach nur 61 Sekunden auf Grün. Was für ein Spaß!

Ist das lächerlich?

Je länger der Außerirdische die vermeintlich triumphal verlaufenden, in Wahrheit jedoch nutzlosen Anstrengungen des bienenfleißigen und treu glaubenden Fußvolks betrachtet, desto weniger weiß er, was er davon halten soll. Ist das lächerlich, tragikomisch, traurig oder am Ende doch ganz gut so? Soll er lachen, schimpfen, wütend sein? Was soll man dazu sagen?

Derweil weiß der Fußgänger nach wie vor nicht, dass er nichts weiß. Auch am Zollamt nicht, wo er ausnahmsweise den Lauf der Welt wirklich ändern kann und es bloß nicht merkt, weil er das ja sowieso dauernd zu tun glaubt.

Drücken-Signalkommt-Grün: Hier am Zusammenfluss von Karlstraße, Schnaitheimer Straße und Felsenstraße macht sich die Macht der Ampeln nämlich den fast schon aufreizend selbstherrlichen Jux, alle Räder nur dann stillstehen zu lassen, wenn tatsächlich jemand drückt.

Der Außerirdische hat's erlebt. Fünf Minuten ungestörter Autoverkehr, ehe jemand dazwischenfunkt. Einmal gedrückt – und handgestoppte achtunddreißigkommazweivier Sekunden später springt die Fußgängerampel auf Grün. Lacht da wer?

Faust auf Kasten

Verwirrenderweise glauben hier im Nordwesten die Fußgänger, wo sie, ohne es zu ahnen, tatsächlich die Macht haben, weniger an sich selbst als drüben im Osten, wo sie ahnungslos mit ihrer Allmacht protzen und dem servilen gelben Signalkasten schon auch mal mit der Faust kommen oder zwei, drei Mal draufhauen.

Hier jedoch, lediglich ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt, geben die Allermeisten nicht nur nichts auf die Macht, sondern sogar die Hoffnung auf Grün bereits nach weniger als 20 Sekunden auf und überqueren bei Rot die Straße, selbst wenn sie im Schnitt weit weniger als die 75 Sekunden auf Grün warten müssten, die sie am Totenberg als Erfolg des freien Willens und als lebendiges Recht des Souveräns feiern.

Gibt es auch andere Regierungsformen für den Straßenverkehr? Werden Ampeln gewählt? Und von wem? Der Beobachter aus dem All drückt: Keine acht Sekunden – und das grüne Männchen erscheint. Der Außerirdische geht.

Das Rathaus, die Reaktion, die Galaxie und Dänemark

Bei der Stadtverwaltung hat man es normalerweise nicht mit Außerirdischen zu tun. Insofern darf man Verständnis dafür aufbringen, dass die Verkehrstechniker im Rathaus darauf hinweisen, dass aus ihrer Sicht soziopolitische Schlussfolgerungen außerirdischer Philosophie und Ergebnisse Heidenheimer Ampelregelungen nicht zwangsläufig deckungsgleich sein müssen.

Dementsprechend lässt sich wohl sinngemäß behaupten, dass es in der Tat Fußgängerampeln gibt, die ausschließlich auf Druck reagieren. Es gibt aber noch öfter solche, die ferngesteuert funktionieren, wobei ihre Reaktionszeit auch an die Anforderungen des im Verlaufe eines Tages quantitativ veränderlichen Autoverkehrs angepasst ist. Dies bedeutet, dass sie, etwa in verkehrsarmen Abendstunden, durchaus auch williger und prompter auf per Knopfdruck geäußerte Wünsche von Fußgängern eingehen, als sie das in Hauptverkehrszeiten tun.

Was wiederum wenigstens in Ansätzen in etwa so vernünftig klingt wie die laut unserem außerirdischen Philosophen in einigen Dimensionen jenseits unserer Galaxie vertretene Ansicht, dass es anzustreben sei, zunächst einmal zu beobachten, sodann das Beobachtete zu durchdenken und daraus schlussendlich eigene Schlüsse zu ziehen.

Unentschlossene hingegen mögen Trost darin finden, nicht allein zu sein: Drücken oder nicht drücken?, fragt eine bekannte dänische Redensart, die wir unkommentiert so stehen lassen wollen.

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