Heidenheim Aggression im Auto: Die Wut fährt immer mit

Wut und Beschimpfungen über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer gehören schon beinahe zum Alltag.
Wut und Beschimpfungen über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer gehören schon beinahe zum Alltag. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Manuela Wolf 24.07.2018
Fahrlehrer, Verkehrspolizist, Gemeindevollzugsdienst berichten über ihre Erfahrungen, dass die Aggressivität im Straßenverkehr gefühlt immer mehr zunimmt.

Ein Biss ins Lenkrad, zumindest fast. Die Faust knallt aufs Armaturenbrett. Das Gesicht leuchtet wutrot, das Schimpfwort lauert hinter vor Ärger zusammengepressten Lippen. Es gibt Situationen, die jeden Autofahrer zur Weißglut bringen, keine Frage. Aber was ist da bloß los auf unseren Straßen?

Fahrlehrer Roland Hager erlebt tagtäglich Gemotze, erträgt es ein Stück weit und gehört doch manchmal selbst zu den Bruddlern. Er habe schließlich nur einen Fahrlehrerschein, aber keinen Heiligenschein, sagt er und lacht. Doch oft geht es alles andere als lustig zu auf den Straßen, und das stellt Fahrlehrer wie ihn vor eine ganz spezielle Herausforderung.

Wenn sich jeder im Recht fühlt

Wie soll man jungen Menschen Verkehrsregeln und das richtige Verhalten im Straßenverkehr beibringen, wenn doch bei jeder Übungsfahrt zig grandiose Beispiele gesammelt werden können dafür, wie man es gerade nicht machen sollte? Da wird gedrängelt und trotz Blickkontakt die Vorfahrt genommen. Die Lichthupe ist im Dauereinsatz. Gefährliche Überholmanöver, gefährlich dichtes Auffahren, Busse mit Warnblinklicht werden an Haltestellen zügig umfahren, geparkt wird an den unmöglichsten Stellen. Jeder fühlt sich im Recht. Entschuldigungen sind selten geworden. Die Dreistigkeit kennt kaum noch Grenzen.

„Als ich 1985 angefangen habe in diesem Beruf, ging es deutlich friedlicher zu als heute“, sagt der Giengener. Schon oft hat er sich Gedanken über diese Entwicklung gemacht. Ergebnis: zu viel Verkehr, zu viele Regeln, Zeitnot tue das Übrige. Man müsse ja nur mal versuchen, untertags durch Giengen zu fahren. Rote Welle! Spätestens nach dem dritten Zwangsstopp schimpft er in sich hinein, schimpft auf die vielen Kreisverkehre überall und die ungünstigen Ampelschaltungen: „Wenn das Verkehrsaufkommen stetig zunimmt, sollten die Städte die Verkehrsführung optimieren, allein schon im Hinblick auf den Umweltschutz.“ Großzügig gerodet gehört an vielen Stellen seiner Meinung nach auch der Schilderwald an den Straßenrändern im gesamten Landkreis.

Regeln über Regeln, die Flut ist so groß, die Kreativität steigt proportional zur Uneinsichtigkeit. Hager: „Ich finde manche Geschwindigkeitsbegrenzungen absolut sinnlos, zum Beispiel die zwischen Ortsende Mergelstetten und dem Schwenk-Kreisel. Wer, außer uns Fahrschulen, hält sich bitte daran? Keiner! Und das kann man nicht mal jemandem verübeln.“

Lautstarke Diskussionen

Aggressivität im Straßenverkehr? Polizeihauptkommissar Sven Kroll könnte viel erzählen zu diesem Thema. Im Jahr 2003 wechselte er in den Verkehrsbereich, hat seitdem Tausende Auto- und Motorradfahrer kontrolliert.

Immer wieder lautstarke Diskussionen um Recht und Gesetz, ein paar wortreiche Rechtfertigungen hier, ein paar freche Ausreden dort, das Internet hat immer Recht und Polizisten haben keine Ahnung, all das wird immer mehr und gehört halt trotzdem dazu, sagt er. Aber vor ein paar Tagen, da ist dann doch etwas passiert, das den Koloss von Mann erschüttert hat.

Motorrad rast auf Polizisten zu

Es war bei einer Routinekontrolle. Kroll wies einen Motorradfahrer an, rechts ranzufahren. Doch der drosselte sein Tempo kaum. Stattdessen hielt er Kurs, rammte den Polizeihauptkommissar, raste weiter. Kroll ging zu Boden. Eine Woche lang war der mit einer heftigen Prellung im Krankenstand. Dass der Spinner selbst nur wenige Meter später in einen Graben stürzte, ist ihm keine Genugtuung. Ihm wäre es lieber, wenn sämtliche Kontrollen ohne Beanstandung über die Bühne gehen würden.

Dass das reines Wunschdenken ist, das ist ihm klar. Der 42-Jährige ist trotzdem gerne Polizist, trotzdem und immer noch. Sein Ziel ist, die Straßen sicherer zu machen für alle Verkehrsteilnehmer und Verständnis dafür zu wecken, was erlaubt ist und was nicht. Ein Kampf gegen Windmühlen? Immer mehr Motorradfahrer, berichtet Kroll, fahren wider besseres Wissen mit spottbilligen, aber sicherheitsrelevanten Teilen aus China durch die Gegend und gefährden damit nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben Dritter. Kroll: „Jeder weiß, welchen Preis Qualität hat. Da kann man doch nicht für 30 Euro einen nicht zugelassenen Satz Bremshebel bestellen und sich hinterher darüber aufregen, dass wir ihnen ihr Hobby kaputt machen! “

Auch für riskantes Fahren, zum Beispiel Überholen bei Gegenverkehr, hat er kein Verständnis. Und da gibt es noch etwas, was sich geändert hat in den letzten Jahren: Auseinandersetzungen und Beschimpfungen sind immer noch relativ selten, gerade die älteren Fahrer haben sich da ganz gut unter Kontrolle und gestehen auch mal Fehlverhalten ein. Aber verbales Nachtreten ist in Mode – via Internet, Instagram, Youtube. Polizisten werden fotografiert und übel beleidigt. Kroll nimmt die Sache nie persönlich, die Staatsanwaltschaft allerdings nimmt sie ernst. Es gab bereits zahlreiche Anzeigen wegen Beleidigung.

Auch ein Gemeindevollzugsbediensteter der Stadt Heidenheim, der nicht namentlich genannt werden möchte, hat sich mit diesem Mittel schon zur Wehr gesetzt. Nach einer heftigen verbalen Attacke mit Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie erstattete er Anzeige. Weil ein Passant alles mitangehört hatte, war die Beweisführung kein Problem. Der Strafbefehl wurde auf 1800 Euro festgesetzt. Nicht ganz so teuer sind die Knöllchen, die der Mitarbeiter der Bußgeldstelle regelmäßig im Stadtgebiet verteilt.

15 Euro kostet eine Verwarnung, 20 Euro werden fällig, wenn man den Wagen unerlaubt weit auf dem Gehweg oder halb auf Straße abgestellt hat, 30 Euro kostet ein Strafzettel im Bereich um die Grabenstraße. Auf den Großteil der Falschparker habe das eine abschreckende oder gar belehrende Wirkung: „Oft bedanken sich Leute, weil ich sie auf ihr Fehlverhalten hingewiesen habe. Genau das sehe ich eben auch als meine wichtigste Aufgabe an: Nicht nur Tickets hinhängen, sondern den Sinn vermitteln von Vorschriften.“

Aber natürlich gibt es auch hier das Heer der Uneinsichtigen und Aggressiven. „Nur ganz kurz“, sagen sie dann und wollen ihr Auto auf dem Behindertenparkplatz stehen lassen. Oder, rund um die Hauptpost am Bahnhof: „Das Parkhaus da hinten ist mir zu weit weg, hängen Sie mir einen Zettel hin, ich park auf keinen Fall um.“

Das Heer der Unbelehrbaren

Nicht nur einmal wurde dem Gemeindevollzugsbediensteten das Ticket schon verärgert aus der Hand gerissen: „Da muss man manches überhören, sonst schaukelt sich das hoch“, sagt er. Illusionen macht er sich übrigens nicht. Er weiß: Manche Autofahrer, die er eben noch belehrt hat, wird er in zwei Wochen wieder im Halteverbot beispielsweise vor der Bergschule antreffen; auch Mütter in morgendlicher Eile sind oft unbelehrbar. Trotzdem gibt der Vollzugsbedienstete gern Tipps zu Parkmöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung. Beispiel Kastorstraße. Die Straße selbst ist für Anwohner reserviert, er empfiehlt Besuchern des Ärztehauses die Fritz-Schneider-Straße.

Mindestens genau so oft wie Ausreden hört er übrigens die Beschwerde, dass es in der City viel zu wenig freie Parkplätze gibt – was seiner Ansicht nach nicht stimmt. „Was das angeht, haben wir in Heidenheim paradiesische Zustände. Wer bereit ist, ein paar Meter zu gehen, findet oft sogar einen kostenlosen Parkplatz.“

Viele Staus, viel zu viele Schilder

Dass sich die Stimmung bei allen Verkehrsteilnehmern ständig verschlechtert, hängt laut Experten unter anderem mit dem deutlich erhöhten Verkehrsaufkommen zusammen. Der ADAC zählte im vergangenen Jahr insgesamt 723 000 Staus – so viele wie nie zuvor.

Tagtäglich bildet sich auf deutschen Straßen eine Stau-Schlange mit einer durchschnittlichen Länge von 4000 Kilometern. Die Zeit, die Verkehrsteilnehmer im Jahr 2017 im Stau verbrachten, stieg um neun Prozent auf insgesamt 457 000 Stunden.

Der staureichste Tag des Jahres 2017 war Mittwoch, der 24. Mai. Am Tag vor Christi Himmelfahrt staute sich der Verkehr bundesweit auf insgesamt 10 000 Kilometern. Der im Schnitt stauträchtigste Wochentag war 2017 der Donnerstag mit knapp 5400 Kilometer Stau.

Über 20 Millionen Straßenschilder säumen Deutschlands Straßen und Autobahnen, dazu kommen 3,5 Millionen Wegweiser. Im Durchschnitt steht alle 28 Meter ein Straßenschild. Laut ADAC kostet die Anschaffung eines kleinen Verkehrsschildes rund 150 Euro, jedes dritte davon sei unnütz.

mw

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