Heidenheim Abweichende Zahlen: Wie viele Einwohner hat Heidenheim wirklich?

50.000 oder weniger? Wie viele Einwohner hat Heidenheim?
50.000 oder weniger? Wie viele Einwohner hat Heidenheim? © Foto: Archiv HZ
Heidenheim / Andreas Uitz 29.08.2018
Wie viele Menschen leben in Heidenheim? Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten - und Zahlen.

Ende Dezember vergangenen Jahres verkündete Oberbürgermeister Bernhard Ilg voller Stolz, dass Heidenheim wieder die Marke von 50 000 Einwohnern geknackt habe. Eine beinahe magische Grenze, die nicht nur fürs Renommee einer Kommune von großer Bedeutung ist, sondern auch finanziell eine Rolle spielt. An der Einwohnerzahl nämlich bemessen sich auch die Zuweisungen, Umlagen und andere Finanzmittel, die die Stadt von Bund und Land erhält.

Vor 2001 lag die Einwohnerzahl über 50 000, dann ging es lange bergab, bis der Tiefpunkt mit 46 905 Heidenheimern im Jahr 2012 erreicht war. Langsam zogen dann die Zahlen wieder an, und im November 2017 wurden dem OB zufolge wieder 50 050 Einwohner gezählt. Städtischen Zahlen zufolge waren es Ende Juni dieses Jahres schon 50 380.

Doch die jetzt veröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamtes (siehe Artikel unten) sprechen eine andere Sprache. Die Statistiker nämlich zählten zum 31. Dezember 2017 lediglich 49 297 Einwohner, also fehlen bis zur 50 000er-Marke noch 703 Personen. Hat sich der OB also mit falschen Zahlen geschmückt, um die Entwicklung der Stadt schönzureden? Wurden in der Meldestelle im Rathaus die Zahlen frisiert, um zum Jahresende positive Meldungen zu verbreiten? Oder haben sich gar die Statistiker in Stuttgart verrechnet?

Nein, keiner der drei Fälle trifft zu. Hintergrund der Differenz ist, dass die Kommunen und das Statistische Landesamt auf unterschiedlichen Grundlagen operieren. „Unsere amtlichen Einwohnerzahlen werden im Rahmen der Bevölkerungsfortschreibung ermittelt, die auf dem Zensus 2011 basiert“, erklärt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt. Damals waren bei einer Volkszählung die Bevölkerungszahlen amtlich festgestellt und bei den Statistikern korrigiert worden. Seitdem werden die Zahlen aufgrund der Mitteilungen aus den Kommunen bezüglich der Weg- und Zuzüge sowie der Geburten und Sterbefälle fortgeschrieben.

„Die Erfahrungen deuten darauf hin, dass die Meldungen der Standesämter zu den Geburten und Sterbefällen recht zuverlässig sind“, sagt Brachat-Schwarz. Der Hauptteil der Abweichungen dürfte durch die Zu- und Fortzüge entstehen, vor allem dürften Fehler in der melderechtlichen Praxis entscheidend sein. „Bei Umzügen kommt es relativ häufig zu nicht zutreffenden Angaben der meldepflichtigen Bürger über Herkunfts- bzw. Zielort.“ Außerdem meldeten sich nicht alle Bürger tatsächlich am neuen Wohnsitz an oder am alten ab. Darüber hinaus sind dem Statistiker zufolge Eingabefehler bei den Meldebehörden und Korrekturbuchungen in den Melderegistern denkbar, die nicht an die Statistik weitergegeben werden.

Liegt die Schuld an der Differenz also allein bei den Kommunen? Keinesfalls. Denn das größte Problem ist Brachat-Schwarz zufolge, dass die Zahlen aus dem Zensus 2011, auf denen die Fortschreibung des Landesamts beruht, nicht an die Kommunen weitergegeben wurden. Das bedeutet, dass diese mit völlig anderen Zahlen operieren. Grund dafür ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Abgleich der Melderegister mit den Ergebnissen der Volkszählung verbietet.

Hinzu kommt aber noch ein weiteres Fehlerpotenzial: Pro Jahr ziehen innerhalb des Landes mehr als 500 000 Menschen in eine andere Gemeinde um. Außerdem gibt es etwa ebenso viele Personen, die aus dem übrigen Bundesgebiet oder dem Ausland nach Baden-Württemberg ziehen, weitere 300 000 haben im vergangenen Jahr den Südwesten verlassen. Innerhalb des Landes gibt es also weit mehr als eine Million Umzüge pro Jahr – eine erhebliche Fehlerquelle, weil sich sicherlich nicht jeder korrekt ab- und anmeldet.

Wie viele Einwohner hat Heidenheim also tatsächlich? „Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte“, sagt Brachat-Schwarz. „Welche der beiden Zahlen näher an der tatsächlichen Einwohnerzahl liegt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, dies ist möglicherweise von Kommune zu Kommune unterschiedlich.“ Das Landesamt jedenfalls betreibe einen großen Aufwand, um eine hohe Qualität bei der Feststellung der Einwohnerzahlen zu erzielen.

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