Heidenheim HZ-Redakteure wagten den Blick vom Mittelpunkt der Erde

Wer schaut denn da ins All? Manfred Kubiak (links) und Arthur Penk.
Wer schaut denn da ins All? Manfred Kubiak (links) und Arthur Penk. © Foto: Arthur Penk
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 01.06.2018
Die 30.000 Sterne des Hiroyuki Masuyama oder ein Raumspaziergang im Heidenheimer Kunstmuseum: Zwei HZ-Redakteure wagten den Blick vom Mittelpunkt der Erde.

Das hätte man sich denken können: Wer von Heidenheim aus ins All will, muss vorher die Schuhe ausziehen. Schwäbische Sauberkeit kapituliert auch nicht vor der Weite des Universums. Und weil es dort noch dazu rutschig sein soll, liegen vor dem uns tiefschwarz angähnenden Loch zum Kosmos sogenannte Stoppersocken in vielen Größen und Farben mit in die Sohle integrierten Noppen. Die in Rosa sind leider zu klein. Die schwarzen passen aber vielleicht schlussendlich auch besser zum Weltraum.

Hiroyuki Masuyama, Heidenheimer Kunstmuseum, 2018 (c) Arthur Penk - Spherical Image - RICOH THETA

Dann wird's ernst. Dr. René Hirner steht bereit. Der Direktor der zeitweiligen Heidenheimer Raumfahrtbehörde (HRB) muss die Verbindung zum Mutterschiff „Kunstmuseum der Stadt Heidenheim“ kappen und hierfür die Klappe hinter den beiden Astronauten schließen. Öffnen soll er sie später selbstverständlich auch wieder. Schließlich wollen die Ausflügler in diese Welt zurückkehren. Lost in space and lost in time? Vielen Dank.

Ein Missgeschick

Wer sich vorsieht, krabbelt hinein. Wer's mit Schwung versucht, den stoppen auch keine Socken. So ergeht es dem Kollegen Penk, der regelrecht schwerelos in den Raum schlittert, wo er nicht ganz elegant auf dem Rücken liegen bleibt, ein Missgeschick, das in französischen Raumfahrerkreisen bekannt ist als „faire la tortue“, die Schildkröte machen.

Manfred Kubiak und Arthur Penk begeben sich ins Weltall. - Spherical Image - RICOH THETA

Die Klappe fällt zu – und keiner sieht mehr die Hand vor Augen. Mehr Nacht geht nicht, wenn man bedenkt, dass gerade noch heller Vormittag war. Und mehr Sterne könnte man auch nicht sehen, wenn die Erdkugel durchsichtig wäre und wir an deren Mittelpunkt säßen. Und genau das ist der Witz an dieser Art Raumfahrt, die ja eigentlich gar keine Raumfahrt ist, sondern eine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Zum Mittelpunkt einer durchsichtigen Erde, die in einer beide Hemisphären umfangenden Nacht den Blick in, wenn man so will, alle Richtungen des Universums frei gibt. Ein rundum faszinierender Anblick.

„Null“ nennt sich die 500 Kilo schwere Kugel aus Kiefernholz, die der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama als eine von mehreren Installationen im Heidenheimer Kunstmuseum aufgebaut hat. Um die Totalität de Kosmos visuell erfahrbar zu machen, hat Masuyama in die Außenwand seiner unbeabsichtigt ein wenig an den verheerenden „Fat Man“, jene von den Amerikanern über Nagasaki gezündeten Atombombe erinnernde Kugel anhand von Sternkarten 30000 winzige Löcher gebohrt. Darin kanalisieren noch einmal verschieden starke Glasfasern den Lichteinfall von draußen, der drinnen eine solche überwältigende Wirkung befeuert. Und wo wir es gerade von der Totalität hatten: Hierin steckt auch die Kunst dieses Objekts: Es zeigt uns die Totalität von etwas, hier des Kosmos, mit einem Mittel, hier einer Holzkugel, das dies eigentlich gar nicht kann.

Im Heidenheimer Kunstmuseum stellt der Japaner Hiroyuki Masuyama eine Kosmoskugel aus. Wer sie betritt, hat das Gefühl, mitten im Weltraum zu schweben. - Spherical Image - RICOH THETA

Und gleichzeitig führt uns die Reise in Hiroyuki Masuyamas All noch weit mehr als sonst vor, dass man etwas selbst gesehen, gehört, erlebt haben sollte, weil Berichte davon nie die ganze Dimension wiedergeben. Hier ganz besonders. Denn der Versuch, das Zaubermittel unserer digitalen Welt, nämlich ein Video dieser ganz speziellen Art einer Raumfahrt zu drehen, bleibt irgendwo schon im Ansatz stecken.

Kunst schlägt Technik

Es ist zu dunkel – und mit dem Ton hapert es auch, weil in Masuyamas Kugel aberwitzige akustische Bedingungen herrschen. Die Kosmonauten jedenfalls hören sich mit Stimmen sprechen, die sie, wüssten sie sich nicht allein in diesem Universum, irgendwo versteckt sprechenden Robotern aus einem Spielwarengeschäft zuordnen würden. Kunst schlägt Technik, das ist auch in eher oberflächlichen Zeiten immer noch ein tiefgehende Erkenntnis.

Hiroyuki Masuyamas Ausstellung „Welt/Reise/Zeit“ wurde bislang in Heidenheim von über 2000 Besuchern betrachtet und ist noch bis einschließlich Sonntag, 10. Juni, an allen Tagen außer montags von 11 bis 17 Uhr und mittwochs zusätzlich von 13 bis 19 Uhr im Kunstmuseum zu sehen.

Öffentliche Führungen durch die Schau finden noch am Mittwoch, 6. Juni, ab 17.30 Uhr, und am Sonntag, 10. Juni, ab 11.15 Uhr statt.

Die nächste Ausstellung im Kunstmuseum bestreitet unter dem Titel „Bienenreich“ vom 30. Juni bis zum 30. September die Heidenheimer Künstlerin Jeanette Zippel.

Hiroyuki Masuyama, Heidenheimer Kunstmuseum, 2018 (c) Arthur Penk - Spherical Image - RICOH THETA

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