Heidenheim Kunstmuseum startet Reise zum Mittelpunkt der Erde

Kosmoskugel vor Blumenwiese: Hiroyuki Masuyamas Ausstellung „Welt/Reise/Zeit“ wird am Samstag (10. März) um 17 Uhr im Heidenheimer Kunstmuseum eröffnet.
Kosmoskugel vor Blumenwiese: Hiroyuki Masuyamas Ausstellung „Welt/Reise/Zeit“ wird am Samstag (10. März) um 17 Uhr im Heidenheimer Kunstmuseum eröffnet. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 09.03.2018
Im Heidenheimer Kunstmuseum stellt ab heute der Japaner Hiroyuki Masuyama aus. Er lockt unter anderem mit Blumen und einer Kosmoskugel, deren Betreten ausdrücklich erwünscht ist.

Lost in time and lost in space . . . Keine Sorge, wir melden uns hier nicht aus dem Abspann der „Rocky Horror Picture Show“. Es ist tatsächlich viel toller. Wir melden uns aus Hiroyuki Masuyamans Kosmoskugel. Die steht ab sofort im Heidenheimer Kunstmuseum. Und weil's sogar noch ein wenig toller geht, darf in die jeder mal rein, der Lust verspürt, sich völlig losgelöst und verloren in Zeit und Raum zu wähnen. Auch auf die Gefahr, jetzt vorauszugreifen: Man kann das nur empfehlen. Wärmstens.

Hiroyuki Masuyama ist ein sehr freundlicher Mann. Künstler ist er obendrein. Und Zeit und Raum ist sein Thema. Nicht ausschließlich, aber schon in der Art, dass man es gewissermaßen formatfüllend nennen könnte. Wobei allerdings das, was von Hiroyuki Masuyama nun bis zum 10. Juni in Heidenheim zu sehen sein wird, hierorts gewohnte Formate regelrecht sprengt.

Die Wiese

Mit drei Arbeiten im Gepäck ist der bald 50 Jahre alt werdende Japaner an die Brenz gereist. Um sie hinauf ins erste Stockwerk des Kunstmuseums zu bringen, benötigte man freilich mehr als nur die helfenden Hände von ein paar freiwilligen Gepäckträgern. Denn allein die schieren Ausmaße von Hiroyuki Masuyamas Mitbringseln reichen durchaus ins Monumentale.

33 Meter lang und zwei Meter vierzig hoch zum Beispiel ist ein hinterleuchtetes Wandbild, das, da es die Dimensionen des Ausstellungsraumes sonst sprengen würde, in einem riesigen Halbrund angeordnet ist. Es dürfte an Buntheit kaum zu übertreffen sein und zeigt eine Blumenwiese. Wobei bei näherer Betrachtung schnell auffällt, dass diese Wiese, wenn man so will, nicht unbedingt die Wahrheit erzählt.

Hier blühen nämlich Blumen nebeneinander, die dies in der Realität nie zum selben oder wenigstens zum gleichen Zeitpunkt tun würden. Und Schnee neben reifen Brombeeren ist draußen in der Natur ebenfalls zumindest nicht vorgesehen. Wir haben es also hier mit einer Vegetation zu tun, die sich nicht an die Jahreszeiten hält.

Das wiederum tut sie, und man versteht, dass dies Museumsdirektor Dr. René Hirner „extrem spannend“ findet, in der Tradition der holländischen Blütenstilleben des 17. Jahrhunderts, denen es zuerst um die Fülle des Lebens ging und dann erst, wenn überhaupt, darum, ob sie Blumen abbildete, die zur selben Zeit Blüten tragen.

Hiroyuki Masuyama schreibt diese Tradition mit modernen Mittel fort. Und neu daran ist das Mittel. Masuyama malt nicht, sondern fotografiert und setzt das Bild mittels Photoshop zusammen. Über 10 000 Fotografien, entstanden in einem Zeitraum von mehr als dreizehn Jahren, sind die Grundlage seines Raumbildes. Dieses tummelt sich auch insofern auf dem Feld der zeitgenössischen Kunst tummelt, da in seiner flächendeckenden Art ein verwandtschaftliches Verhältnis zum All-over-Painting zu entdecken ist.

Wo, dies nur am Rande, Hiroyuki Masuyama all seine Blumen entdeckte, ist übrigens weniger geheimnisvoll, als es aussehen mag: „In Düsseldorf“, verrät der Künstler. Also gewissermaßen vor der Haustür. Denn Nordrhein-Westfalens Kapitale ist lange schon seine zweite Heimat.

Die Erdumrundung

Schaut Hiroyuki Masuyama mittels seines blühenden Raumbildes bei überschaubarer Tiefenwirkung umfassend aufs Naheliegende, so blickt er in seiner zweiten Installation deutlich weiter hinaus und auf spezielle Art umfassend auf die Erde. Wieder hatte er den Fotoapparat bei der Hand. Diesmal aber während eines Fluges rund um den gesamten Erdball, der, die Zwischenstopps nicht mitgerechnet, 48 Stunden dauerte und bei dem er alle zwanzig Sekunden durchs Fenster fotografierte. Im Atelier zu einem Panoramabild zusammengefügt, präsentiert sich die Reise um die Welt in 48 Stunden noch genau 39 Meter lang und kann vom Betrachter per pedes unternommen werden.

Währenddessen geht, bildlich gesprochen, Hiroyuki Masuyama gleich um die Ecke wieder einen Schritt weiter, indem er die Tiefenwirkung gedanklich noch einmal immens steigert und nun gleichsam einen umfassenden Blick auf den Kosmos anbietet.

Und hier nun kommt die eingangs erwähnte Kugel ins Spiel, ein 500 Kilo schwerer Koloss aus Kiefernholz, in dem man, nachdem sich die Luke, durch die man hineingeklettert ist, hinter einem geschlossen hat, die phantastische Illusion eines regelrechten Weltraumspaziergangs genießen kann. Denn es leuchten, frei nach Puccini, die Sterne. Und bei weitem nicht bloß die, die wir zu sehen gewohnt sind.

Man stelle sich vor, die Erdkugel sei durchsichtig, man säße an deren Mittelpunkt in einer beide Hemisphären umfangenden Nacht. Dann nämlich sähe man das, was einem Hiroyuki Masuyamas Kosmoskugel zu sehen gibt: Sterne über Sterne. Um die Totalität des Kosmos visuell erfahrbar zu machen, hat der Künstler in die Außenwand seiner letztlich an eine Raumkapsel erinnernde Holzkugel anhand diverser Sternkarten 30 000 winzige Löcher gebohrt, in denen noch einmal verschieden dicke Glasfasern den Lichteinfall von draußen kanalisieren. Im Innern dieses Miniaturplanetariums kann der Betrachter nun auf diese Weise, wenn man so will, alle sichtbaren Sterne des nächtlichen Himmels sehen, der unseren Planeten umschließt. Und das Betreten der Kugel ist nicht nur gestattet, sondern in diesem Falle ausdrücklich erwünscht.

Der Sternenhimmel

Unterm Strich, und diese verzückt Museumsdirektor René Hirner geradezu, „zeigt Hiroyuki Masuyama“ – und zwar sowohl auf der Blumenwiese als auch über den Wolken und in leicht abgewandelter Spielart auch im Kosmos –, in seiner Heidenheimer Ausstellung „die Totalität eines Gegenstandes mit einem Mittel, das dies eigentlich nicht kann. Denn die Fotografie bildet sonst immer nur einen Augenblick, einen Blickwinkel, einen Moment ab. Hiroyuki Masuyama aber häuft diese Momente an.“ Und das macht ihn, wir sagen es gern nochmal mit den Worten Hirners: extrem spannend.

Anlauf Ein Video, das die Herstellung der Kosmoskugel zeigt, ist auf www.website.de/linkname

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