Inklusion Die reine Lebenslust bei "Frühlingserwachen - Glücksgefühle"

Behinderung? War bei diesem inklusiven Kulturabend im Bolheimer Theaterstadel des Vereins für therapeutisches Reiten kein Thema. Der autistisch veranlagte Jörg Christoph Beyerlin trat dabei als Pianist und als Rezitator auf.
Behinderung? War bei diesem inklusiven Kulturabend im Bolheimer Theaterstadel des Vereins für therapeutisches Reiten kein Thema. Der autistisch veranlagte Jörg Christoph Beyerlin trat dabei als Pianist und als Rezitator auf. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Heidrun Bäuerle 23.05.2016
Die reine Lebenslust bei "Frühlingserwachen - Glücksgefühle" war Titel des Kulturabends, den die Heidenheimer Arbeitgemeinschaft Inklusion im Theaterstadel des Vereins für therapeutisches Reiten ausgerichtet hatte. Und zu erleben war Lebenslust pur.

Der Frühling war tatsächlich erwacht – und für Glücksgefühle, nicht nur im zahlreich erschienenen Publikum, wurde reichlich gesorgt.

Eingeladen war, wer Lust auf einen außergewöhnlichen Abend mit Musik, Tanz und Rezitation hatte. Und es passte einfach alles: wunderbar die Location, beeindruckend die Künstler, ein bestens unterhaltenes Publikum und leckere Verköstigung.

Jörg Christoph Beyerlin, zu früh geboren und deshalb mit autistischen Zügen, war der Mann am Klavier. Seine Vorliebe gilt der „klassischen Musik“ und so hatte er passend zum Thema eine Vielzahl kurzweiliger und fröhlicher Stücke zusammengestellt – von Beethoven bis Schumann.

Beyerlin ist aber nicht nur am Klavier beeindruckend. Als Rezitator schlägt er die Zuhörerschaft in seinen Bann. Mit großem Sprachgefühl und einem ansteckenden Sinn für feinsinnigen Humor gelang es ihm, größte Aufmerksamkeit und fröhliches Lachen zu erreichen mit Gedichten von Mascha Kaléko, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky.

Auch fürs Auge war viel geboten: Die zweite Formation, bestehend aus Laura und Rainer Brückmann sowie Birgit Maier-Bermann, traten, wie Rainer Brückmann eingangs erläuterte, in einen „Tanz-Dialog“. Es wird immer wieder improvisiert, die Künstler stehen im beständigen Austausch: Optisch wie akustisch war da allerhand geboten.

Laura Brückmann tanzte. Im ersten Teil noch zu eher ruhigen Stücken und noch etwas verhalten, im zweiten Teil jedoch zu fetzigen Rhythmen aus Südamerika oder der arabischen Welt. Nicht zu übersehen ist das große Talent der Trägerin des Down-Syndroms, mit Hilfe des Ausdruckstanzes, in unmittelbaren Kontakt zu ihrer Umwelt zu treten. Sie trug erst ein helles Kleid mit langen Schößen, danach ein feurig rotes Kleid mit Tanzgürtel – was viel zur bunten Vielfalt und zum optischen Genuss beitrug.

Zu ihrer Linken: Birgit Maier-Bermann. Sehr einfühlsam übernahm die technisch versierte Flötistin oft die Führung im Dialog. Unschwer zu erkennen, dass die Künstler sich schon lange kennen. Zur Rechten: Rainer Brückmann. Lauras Vater begleitete die Stücke mit der Gitarre, sang eigene Lieder aus frühen Jahren mit seiner Tochter und war für den rhythmischen Part des Tanz-Dialoges zuständig, den viele Trommeln und Klanginstrumente aller Art anfeuerten.

Der Applaus war langanhaltend und kam von Herzen. Unschwer war zu erkennen, dass es auch den Künstlern selbst riesigen Spaß gemacht hat.

Beyerlin zitierte Kurt Tucholsky: „Wir möchten so viel haben, sein und gelten – dass einer alles hat ist selten!“

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