Berlin Die neuen Abgeordneten in Berlin

Leni Breymaier gefällt die Architektur des Bundestags. Besuchern zeigt sie gerne die Kuppel.
Leni Breymaier gefällt die Architektur des Bundestags. Besuchern zeigt sie gerne die Kuppel. © Foto: Tina Lischka
Berlin / Tina Lischka 12.08.2018
Seit zehn Monaten vertreten Leni Breymaier (SPD) und Margit Stumpp (Die Grünen) den Wahlkreis Aalen-Heidenheim in der Hauptstadt. Damit hat der Landkreis mit Roderich Kiesewetter (CDU), der in seiner dritten Legislatur ist, drei Abgeordnete. Vor der Sommerpause berichten die beiden Neuen über ihren Tagesablauf, was sich für sie verändert hat und welche politischen Ziele sie verfolgen.

Mit dem Fahrrad geht es für Margit Stumpp vom Büro zum Bundestag
Mit dem Fahrrad geht es für Margit Stumpp vom Büro zum Bundestag © Foto: Tina Lischka

Margit Stumpp:

„Ich bin jetzt neun Monate Bundestagsabgeordnete und weiß nie, ob es am nächsten Tag noch dieselbe Regierung gibt“, sagt Margit Stumpp. Am Anfang wüsste man zwar, dass es lange Sondierungsgespräche gibt. Dass es aber nach 100 Tagen im Amt auf einmal „kracht“ – für Stumpp unerklärlich. „Das Chaos ist zur Normalität geworden“, sagt sie über Asylstreit und lange Koalitionsverhandlungen seit Beginn dieser Legislatur.

Auch wenn ihr das „Machtgezerre“ und die AfD im Bundestag oftmals Sorge bereiteten, bereue sie ihre Kandidatur keine Minute. „Ich bin ein politisches Tier – vom Scheitel bis zur Sohle“, sagt sie. Verändert hat sich trotzdem einiges für Stumpp. „Bei einem Blick in meinen Kalender würden Sie erschrecken“, sagt sie und lacht. Früher, in der Kommunalpolitik, hat sie sich um alles selbst gekümmert. Heute kann Stumpp den Berg von Informationen und Terminen ohne Mitarbeiter nicht mehr bewältigen. Es sind insgesamt vier Leute, die sie deshalb in Berlin unterstützen. „Ich bin nicht mehr Herrin meines Zeitplans. Mein Kalender füllt sich einfach so“, sagt sie und lacht.

Mit dem Flugzeug nach Berlin

Ihre Woche in Berlin beginnt montags in der Früh. Um halb fünf geht es zunächst zum Bahnhof und dann an den Stuttgarter Flughafen. „Ich muss fliegen, weil sonst die Zeit nicht reichen würde“, sagt sie. Denn um 10.30 Uhr muss die Abgeordnete bereits im Büro in Berlin sein. Dafür geht's freitags mit dem Zug zurück nach Königsbronn.

In Berlin wohnt sie in der „Abgeordneten-Schlange“ einem Gebäude am Berliner Spreeufer. Seit Januar hat Stumpp dort ein Ein-Zimmer-Apartment, von dem aus sie mit ihrem Klapprad zwischen Wohnung, Bundestag und Büro hin und her pendelt. Sie finde sich zurecht, habe ihre erste Rede im Bundestag gut überstanden. „Das war schon sehr aufregend“, sagt sie. Vor den anderen Abgeordneten zu sprechen, sei aber inzwischen kein Problem mehr.

Auch über politische Errungenschaften freut sie sich: „Man kann auch in der Opposition etwas erreichen.“ Dabei spielt sie auf die erneute Überprüfung des Förderprogramms für digitale Infrastrukturen an, die Verkehrsminister Andreas Scheuer angekündigt hat. Stetiges Nachfragen der Grünen habe dazu geführt, dass dieses Thema erneut aufgegriffen wird, so Stumpp. Auch dass der Digitalpakt Schule angegangen werden soll, sieht Stumpp als erreichtes Ziel der Grünen seit Beginn der Legislaturperiode.

In nächster Zeit wird für sie als Bundestagsabgeordnete mit einem Eckpunktepapier zur digitalen Bildung ein weiteres Thema auf dem Plan stehen. Schulen dauerhaft und stetig zu fördern, ist für Stumpp ein Hauptanliegen. Aber auch das Thema Sicherheit der Journalisten, Pressefreiheit und -vielfalt werde sie weiterhin im Blick haben und in nächster Zeit verfolgen.

Als klaren Vorteil bei der Arbeit als Bundestagsabgeordnete sieht sie ihre langjährige Tätigkeit in der Kommunalpolitik. „Das hilft, den Blick für die Realität zu bewahren“, so Stumpp, die den Alltag in Berlin als hektisch und von Medien getrieben beschreibt.

Mit dem Fahrrad zum Bundestag

Hektisch scheint es auf jeden Fall zu sein, denn nach kaum 30 Minuten muss Stumpp zurück ins Plenum. Bepackt mit ihrem Rucksack macht sie sich auf den Weg zu ihrem Faltrad. Auf den Fluren ihres Bürogebäudes deutet sie auf die Uhren, an denen zusätzlich Lichter angebracht sind. Wenn diese beginnen zu blinken, dann findet gerade eine namentliche Abstimmung statt, das heißt: Eile ist geboten.

Die Uhr verliert man hier also nicht so leicht aus den Augen. Und: ab und an bleibt dann sogar ein wenig Freizeit. „Dann gehe ich gerne in die Oper oder besuche Konzerte“, sagt Stumpp und radelt davon.

Leni Breymaier gefällt die Architektur des Bundestags. Besuchern zeigt sie gerne die Kuppel.
Leni Breymaier gefällt die Architektur des Bundestags. Besuchern zeigt sie gerne die Kuppel. © Foto: Tina Lischka

Leni Breymaier:

Warten Sie einen Moment. Ich muss mein Handy holen“, sagt Leni Breymaier und verlässt den Raum so schnell, wie sie ihn kurz zuvor betreten hat. Der Grund: Sie will ein Foto machen. „Schauen Sie doch mal, wie toll das aussieht“, und deutet dabei auf das gegenüberliegende Gebäude, in dessen Glasfassade sich die Architektur eines anderen Hauses spiegelt.

Seit einem dreiviertel Jahr ist sie nun als Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Aalen-Heidenheim in Berlin vertreten – und immer noch versetzt sie die Architektur der Stadt ins Staunen. Viel Zeit, um auf Entdeckungstour zu gehen, dürfte bei ihrem vollgepackten Terminkalender allerdings nicht bleiben. Sonntagabend reist sie an, Freitag geht's zurück nach Hause oder in den Wahlkreis. Und das Programm unter der Woche ist straff: Telefonkonferenzen, um sich als Landesvorsitzende der SPD in Baden-Württemberg auf dem Laufenden zu halten, Treffen in den Arbeitsgruppen, Beratung in den Ausschüssen, Plenartage bis spät in die Nacht und zusätzliche Einladungen zu Veranstaltungen und parlamentarischen Abenden.

„Mittlerweile gibt es sogar parlamentarische Frühstücke, weil die Abende nicht ausreichen“, sagt sie und lacht. Während sie spricht, wirft sie einen Blick in ihr Handy, um sich einen Überblick über die nächsten Termine zu verschaffen.

Um alles zu schaffen, bekommt sie Unterstützung von ihren drei Mitarbeitern – und in dieser Woche zusätzlich von drei Praktikanten. Man duzt sich, der Umgang in Breymaiers Büro ist locker und freundlich. Es ist nicht sehr groß, und in einer Woche wie dieser, die Breymaier selbst als „wild“ bezeichnet, wird es schon mal etwas eng. „Ich bin aber eh die wenigste Zeit hier.“

Eine WG in Berlin

Wenn sie nicht im Bundestag oder im Büro ist, lebt sie in Berlin in einer WG. „Da hatte ich richtig Dusel“, sagt sie. Sie teilt sich die Wohnung mit einer Freundin und einer weiteren Mitbewohnerin. „Ich habe dort viel Platz und die Einrichtung war schon da“, freut sie sich.

Mit ihrem neu angeschafften Faltrad geht es von dort aus im Sommer zur Arbeit. „Man bewegt sich hier sonst nicht viel.“ Außer, wenn sie vom Abgeordneten-Gebäude, in dem sich ihr Büro befindet, in den Bundestag muss. Aber auch hier gibt es Abkürzungen – unterirdisch. Auf dem Weg in den Bundestag trägt ein Praktikanten ihren Rucksack: „Der ist heute so schwer, würdest du ihn für mich nehmen“, fragt sie den jungen Mann, mit dem sie sich scherzend auf den Weg macht.

Es herrscht reges Treiben in den Fluren, immer wieder kommen einem Menschen in Anzügen oder schicken Kostümen entgegen. „Hier ist alles so – schön“, sagt Breymaier und erklärt weiter, dass einem in den Bundestagsgebäuden nie Kinder oder alte Menschen entgegenkommen. „Das ist nicht das richtige Leben. Es ist eine künstliche Welt“, sagt sie. Deshalb sei sie auch froh, wenn sie nach mehreren Sitzungswochen nach Hause kann.

Zufrieden mit dem Erreichten

Mit dem, was sie in ihrer Funktion als SPD-Bundestagsabgeordnete bislang in Berlin erreichen konnte ist sie „ziemlich zufrieden“. „Ich dachte zuerst, dass wir in der Opposition sein würden“, sagt sie. Die Themen, die ihr im Wahlkampf wichtig waren, wie die Sicherung des Rentenniveaus und frühkindliche Bildung, seien nun in der Pipeline im Koalitionsvertrag. „Das hätte ich mir im Wahlkampf noch nicht vorstellen können. Da geht was“, sagt Breymaier.

Jetzt habe sie ein wachsames Auge auf ihre Themen. In diesem Jahr möchte die SPD-Abgeordnete die Sicherung des Rentenniveaus durchbringen. Aber: „Hier dauert alles, man muss viel reden und es sind lange Wege“, sagt sie. Ein weiteres Anliegen: Die Finanzierung der Frauenhäuser.

Dass die Arbeit als Bundestagsabgeordnete mühselig sein kann, sei ihr zuvor schon klar gewesen. Dennoch: Ihre Entscheidung zu kandidieren, bereut Breymaier nicht. „Es ist ein Privileg, in meinem Alter noch einmal etwas Neues machen zu dürfen“, sagt sie. Auch wenn bislang noch keine Normalität eingekehrt sei. „Da ist man gerade so am Arbeiten und dann kommt dieser Streit“, sagt sie über den Asylkrach zwischen CDU und CSU. „Es ist immer irgendwas, aber normal ist ja auch langweilig.“

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