Heidenheim Die Gäste kommen in Schottenrock und Lederhose

Wohnhäuser statt Industriebauten: das Ploucquet-Areal heute.
Wohnhäuser statt Industriebauten: das Ploucquet-Areal heute. © Foto: Geyer-Luftbild
Heidenheim / Michael Brendel 26.08.2018
Das gibt's auch nicht alle Tage: Tausende Besucher finden im Juli und August 1958 den Weg nach Heidenheim.

60 Jahre alt wird Eglingens Bürgermeister Michael Kniel im Juli 1958, weshalb der Gemeinderat zu einer Sondersitzung zusammenkommt. Kniels Stellvertreter Georg Neufischer dankt dem Schultes im Namen des Gremiums und der Bürgerschaft für die Verdienste, die er sich in mittlerweile 13 Jahren erworben habe. Straßenbeleuchtung, Kanäle, Feuerwehr – die Auflistung der von Kniel auf den Weg gebrachten Neuerungen ist lang.

Worte voll des Lobes gibt's auch für Steinheims Rathauschef Manfred Bezler. Nach sechs Jahren an der Spitze der Verwaltung spricht ihm die Bevölkerung das Vertrauen aus und wählt ihn für weitere zwölf Jahre. Von 2589 Wahlberechtigten geben 2137 ihre Stimme ab, 2052 votieren für Bezler. Der kann sich nicht nur über seinen persönlichen Erfolg freuen, sondern auch über eine Wahlbeteiligung von satten 82,6 Prozent. Misstöne bleiben an jenem 13. Juli aus, auch das Rahmenprogramm ist von Harmonie geprägt: „Der Musikverein und der Sängerkranz brachten gelungene Ständchen“, urteilt die örtliche Presse später.

Neues Stadion eingeweiht

Geht man von der unwidersprochenen Behauptung aus, dass es die liebste Aufgabe eines jeden Bürgermeisters ist, Neubauten einzuweihen, so hat freilich Kniels und Bezlers Herbrechtinger Amtskollege Oskar Mozer den ausgeprägtesten Grund zur Zufriedenheit: Am 3. August wird das neue Bibris-Stadion feierlich seiner Bestimmung übergeben. Drei Jahre haben die Arbeiten gedauert, und nun kann die TSV Herbrechtingen ihren 600 Mitgliedern die nach übereinstimmender Meinung einschlägiger Experten modernste Sportanlage im Landkreis bieten.

Bayern auf dem Erchensportplatz

Von einem solchen Superlativ kann der Verein der Heidenheimer Bayern bei seinem Jubiläumsfest auf dem Sportplatz an der Erchenstraße nur träumen. Allerdings geht es bei der Feier anlässlich des 25-jährigen Bestehens auch nicht um akkurat gestutzten Rasen und eine makellose Laufbahn. Im Mittelpunkt steht für die in ihrer schwäbischen Wahlheimat lebenden „Freistaatler“ bei Bier, Blasmusik und Schuhplattler vielmehr die Pflege des Brauchtums. OB Elmar Doch und seine Gattin lassen sich von der ausgelassenen Stimmung ebenso mitreißen wie ein Schotte, der durch Europa reist, um Volkstänze zu studieren.

Doch macht weiteren Gästen seine Aufwartung: Nachdem Heidenheim im Vorjahr die Patenschaft für die in der Tschechoslowakei gelegene deutsche Sprachinsel übernommen hat, kommen 5000 Iglauer an der Brenz zu ihrem Heimattreffen zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus Mähren vertrieben, erinnern die aus Deutschland und Österreich Angereisten an den Verlust ihrer Heimat, bekennen sich aber auch zum Leben in neuer Umgebung.

Festumzug in der Innenstadt

Viele Menschen stehen am Eugen-Jaekle-Platz und an der Hauptstraße, als sich Berghäuerzug, Iglauer Jugend, Schwäbische Trachtengruppe und Trachtenträgerinnen aus dem Schönhengstgau auf den Weg zum Rathaus machen.

Der Festgottesdienst der Iglauer findet im Naturtheater statt, wo die Volksschauspiele am Vorabend die Saison eröffnet haben. Auf dem Spielplan steht ein heiteres Stück von Paul Wanner: „Die Weiber von Schorndorf.“ Im Premierenpublikum sitzt auch der Filmproduzent Peter Ostermayr. Er zeigt sich so angetan von der Gegend, dass er in Erwägung zieht, auf Schloss Hellenstein Außenaufnahmen seines nächsten Streifens zu drehen.

Nicht nur ihm gefällt es hier: Auf dem Campingplatz im Eselsburger Tal haben mehr als 100 Urlauber Quartier bezogen – die meisten sind Holländer. Sie genießen das schwäbische Idyll, zu dem auch die Wasserkrautschneider auf der Brenz gehören. Etwas mehr Trubel darf's für eine Gruppe walisischer Schüler schon sein, die ihre Ferien in Heidenheim verbringen. An etwas Heimatgeschichte führt aber kein Weg vorbei, und so nehmen sie den Vorschlag des Dolmetschers mit nach Hause, das Zwetschgengärtle beim Schloss möge als „Plum-Garden“ Einzug in die englische Sprache halten.

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