Kostüm Die Frau, die die Hexe zur Hexe macht

Hat für das Naturtheater „Die kleine Hexe“ kostümiert: Sybille Gänßlen-Zeit.
Hat für das Naturtheater „Die kleine Hexe“ kostümiert: Sybille Gänßlen-Zeit. © Foto: Elena Kretschmer
Heidenheim / Elena Kretschmer 11.07.2016
Sybille Gänßlen-Zeit ist mit Leib und Seele Kostümbildnerin und hat das Naturtheater-Kinderstück ausgestattet.

Die großen Schauspielhäuser und Theater der Welt sind für Sybille Gänßlen-Zeit als freie Kostümbildnerin ebenso Arbeitgeber wie Film und Fernsehen. Derzeit kann man ihr kreatives Wirken an den Darstellern des Naturtheaters bewundern, denn für die Kostüme der „Kleinen Hexe“ ist die Ludwigsfelderin verantwortlich.

Doch begonnen hat Gänßlen-Zeits Werdegang schon viel früher. „Ich habe mich schon als Kind für Kleidung interessiert, war immer eine Art Vorreiterin in Sachen Mode“, erklärt die 50-Jährige. In der Abizeitung stand es schließlich Schwarz auf Weiß geschrieben: Sybille, die Modeadvokatin. „Das ist so geblieben“, witzelt Sybille Gänßlen-Zeit. Denn nach dem Abitur absolvierte sie zur Orientierung ein einjähriges Studium Generale in Tübingen, parallel dazu studierte sie Jura. „Da habe ich aber schnell festgestellt, das passt nicht.“ Und so verschlug es Gänßlen-Zeit schließlich nach Sigmaringen auf die Modeschule. Ihr Traum war es immer, ihre beiden großen Leidenschaften, Theater und Jura, irgendwie miteinander zu verbinden.

In ihren Augen ist ihr das gelungen: „Mein Beruf verlangt viel Organisation, Diplomatie, Logistik und Kontakte. Er hat viel mit Recherche zu tun.“ Sie arbeite sich in Themen ein – ob sie nun historisch oder modern sind – und wie ein Anwalt wolle sie stets genau wissen, wie es richtig ist, um Ideen für sich weiterentwickeln zu können. „Ich setze mich für Kleidung ein“, fasst sie zusammen. So werde nicht nur neu hergestellt, sondern auch vorhandener Kleidung neues Leben eingehaucht – Stichwort „Upcycling“.

„Meine Arbeit ist wie ein großes Puzzle. Ich muss es nur zusammenfügen“, sagt Gänßlen-Zeit. Außerdem sei ihr Job ein bisschen wie der eines Architekten: Sie plant, baut aber nicht selber. Denn nur in Ausnahmefällen näht sie tatsächlich selbst. „Das lasse ich andere machen, die wesentlich mehr davon verstehen als ich“, erklärt die 50-Jährige mit einem Augenzwinkern, denn den Background dafür hat sie ja eigentlich.

Nach der Modeschule arbeitete die Ludwigsfelderin zunächst als Kostümassistentin am Staatstheater in Kassel. An die Stelle war sie – wie an so viele ihrer Engagements – durch Zufall gekommen. „Das zieht sich bei mir so durch: Es kommt immer eines nach dem anderen“, sagt sie bescheiden. Kaum sei die Premiere der „Kleinen Hexe“ über die Bühne gewesen, habe sie zwei Tage später ein Intendant aus München angerufen, um sie für „Nathan der Weise“ zu gewinnen.

Auf Kassel folgte eine Zeit als freie Assistentin, unter anderem am Burgtheater in Wien oder dem Piccolo-Theater in Mailand. An der Filmakademie in Stuttgart gelang Gänßlen-Zeit schließlich der Einstieg in Film und Fernsehen. Ein Jahr lang assistierte sie bei insgesamt rund 20 Kurzfilmen: „Das brachte mir einen tollen Einblick in die Abläufe, ich habe ein Gespür für die Menschen und ihre Bedürfnisse, aber auch für gewisse Schwierigkeiten entwickelt.“ Ein Kurzfilm brachte die Kostümbildnerin sogar bis nach Los Angeles: 1998 erhielt „Rochade“ von Thorsten Schmidt den Student Academy Award.

Aus einem Musical-Engagement zu Helene und Albert Schweitzer ergab sich zudem die Möglichkeit, an einem Film über das Mediziner-Ehepaar mitzuarbeiten, der in Afrika gedreht wurde. „Beim Dreh tauchten sogar zwei Kisten mit Original-Kleidung von Albert Schweitzer auf“, erinnert sie sich stolz zurück. Das sei eines ihrer tollsten Projekte gewesen.

Jeder ihrer Aufträge hat seine Vor- und Nachteile. Grundsätzlich liegt laut Gänßlen-Zeit der Unterschied bei Theater-Produktionen darin, dass sie viel freier, phantasievoller und großzügiger arbeiten kann. „Hier wird auf die Ferne gearbeitet, weil der Zuschauer weiter weg ist.“ Im Gegensatz dazu sei die Kamera beim Film sehr nah dran, weshalb besonders genau gearbeitet werden müsse – sowohl vom historischen Gesichtspunkt als auch vom Bild und der Einstellung her. Inspirieren lässt sich Sybille Gänßlen-Zeit immer von dem, was da ist: „Ich nehme Sachen aus dem Fundus und kombiniere sie oder ich gehe einfach ins Stoffgeschäft und entdecke dort etwas. Das kommt alles aus mir raus.“ Man stülpe die Kostüme nicht einfach über, sondern entwickele mit Regie und Bühnenbild ein gemeinsames Konzept. „Die Kostüme sollen nicht nur körperlich, sondern auch inhaltlich passen.“

Bei der „Kleinen Hexe“ im Naturtheater habe alles einwandfrei geklappt. Insgesamt 30 Mal fuhr Gänßlen-Zeit aus ihrer Heimatgemeinde Ludwigsfeld bei Neu-Ulm nach Heidenheim: Vom Gespräch mit dem Regisseur über die ersten Entwürfe bis hin zu den Anproben und der Generalprobe. Für die Kostümauswahl gebe es grundsätzlich immer das gleiche Muster: „Zuerst schaut man im Fundus, was da ist. Dann habe ich auch noch meinen eigenen Fundus, aus dem ich gezielt Dinge auswähle“, erklärt die 50-Jährige. Dann werden Farben, Stoffe und bereits vorhandene Kleidungsstücke kombiniert. Und so habe sie nach und nach „mit toller Unterstützung von der Kostüm-Abteilung“ 100 Leute von der Kräuter- bis zur Sumpfhexe eingekleidet. „Das macht man auch nicht jeden Tag.“

Auch nach 25 Jahren ist sie immer noch Feuer und Flamme für ihren Beruf. Und einen Traum hat Gänßlen-Zeit als Kostümbildnerin noch: „Einen Kostümschinken oder einen Märchenfilm auszustatten.“ Zwischen dem ganzen Trubel, den vielen Reisen und dem Zeitdruck kam eines aber niemals zu kurz: die Familie. Ihr Mann sowie Tochter und Sohn stehen voll hinter ihr. Der Übergang zwischen Beruf und Freizeit sei fließend, denn den „Scanblick“ habe sie immer – sei es im Museum, im Theater, bei Aufführungen von Freunden oder im Urlaub.

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