Bilanz Die ersten 100 Tage der neuen Streetworker

Rasant zu ging es nur in der Vergangenheit: Kadir Cildir und Michael-Tillmann Schmid verantworten seit 100 Tagen gemeinsam die Jugendarbeit – und die Standorte Jugendhaus, Vohenstein und Fischerbreite wieder für alle Jugendlichen wieder attraktiv machen.
Rasant zu ging es nur in der Vergangenheit: Kadir Cildir und Michael-Tillmann Schmid verantworten seit 100 Tagen gemeinsam die Jugendarbeit – und die Standorte Jugendhaus, Vohenstein und Fischerbreite wieder für alle Jugendlichen wieder attraktiv machen. © Foto: Jennifer Räpple
Mathias Ostertag 09.07.2013
Seit 100 Tagen stemmen Michael-Tillmann Schmid und Kadir Cildir die Jugendarbeit an drei Standorten im Stadtgebiet Herbrechtingen gemeinsam. Eine Zwischenbilanz.

Etwas das im Moment gar nicht funktioniert? „Das gibt es nicht“, sagt Kadir Cildir. Wenn überhaupt, dann gebe es Dinge die ausbaufähig seien, sagt der frühere Heidenheimer Streetworker. Damit meint er vor allem die Kommunikation zwischen allen Beteiligten, Jugendarbeitern, Entscheidungsträgern und Bürgern.

Vor 100 Tagen hat Cildir seinen Dienst als Jugendsozialarbeiter in Herbrechtingen angetreten und arbeitet seither im Team mit Michael-Tillmann Schmid. In seinen ersten drei Monaten als „Neuer“ hat sich Cildir darauf konzentriert, viel nachzufragen und das Gespräch mit Bürgern, Jugendlichen und früheren Jugendhaus-Mitarbeitern zu suchen. Jedes Mal habe er dabei eine andere Version der gleichen Geschichte zu hören bekommen, sagt er. „Jeder weiß etwas anderes, wenn es um die Grabenkämpfe über das Ob und Wie der Herbrechtinger Jugendarbeit geht.“

Nicht mehr mit der Vergangenheit abfinden

Doch mit der Vergangenheit wollen sich Cildir und sein Kollege Schmid künftig nicht mehr abfinden. Man brauche einen ehrlichen Umgang, fordert Cildir. „Das fängt schon damit an, dass ich auch einmal etwas ansprechen müssen darf, wenn ich es nicht für richtig halte. Das muss der andere dann aber nicht gleich in den falschen Hals bekommen. Aber es macht auch keinen Sinn, ständig einen Maulkorb verpasst zu bekommen. Egal, was in der Vergangenheit passiert ist.“

Die Verbesserung der Kommunikation und der ehrliche Umgang untereinander sind aber nur zwei Anliegen der Sozialarbeiter. Deren Arbeit selbst konzentriert sich zurzeit auf drei Kernbereiche: Das Jugendhaus und die beiden Außenstellen im Vohenstein und in der Fischerbreite. Mit verschiedenen Angeboten sollen an allen Standorten auch wieder vermehrt ältere Jugendliche angesprochen werden. Im Moment beschränke sich die Klientel fast nur auf unter 18-Jährige, sagt Schmid. Durch die Querelen der vergangenen Jahre seien die Älteren vertrieben worden, einige hätten nicht einmal erfahren, warum das Jugendhaus wiederholt geschlossen war. Cildir: „Wir können aber nicht immer wieder bei null anfangen.“

Regelmäßig soll es Grillabende und Fußbalturniere geben

Schmid und Cildir organisieren deshalb nun für die Älteren regelmäßig Grillabende und Fußballturniere. Oder, wie vor kurzem, ein Fifa13-Turnier auf der Spielkonsole. „Warum auch nicht?“, fragt Schmid. „Was früher Dart und Tischkicker waren, sind heute Facebook und die Playstation. Manche Leute verstehen nur einfach nicht, dass Jugendhäuser nicht mehr das sind, was sie vor 20 Jahren waren.“

Wenn man damit 30 junge Erwachsene ins Jugendhaus locke, könne die Idee doch nicht so schlecht gewesen sein, ergänzt Cildir: „Ich bin der Meinung, dass man diese Medien auch nutzen muss. Sind wir doch ehrlich: 80 Prozent der Jugendlichen, die auf der Playstation ein Fußballspiel zocken, spielen auch im realen Leben Fußball.“

Auch die Hütte am Vohenstein-Skaterpark war in den vergangenen Wochen Treffpunkt für Jugendliche aus dem Stadtgebiet und der Teilorte. Allein am vergangenen Freitag hätten sich dort zwischen 40 und 50 Kinder und Jugendliche getummelt, zeigt sich Schmid erfreut. „Unglaublich.“

Dabei habe man im März praktisch noch vor dem Nichts gestanden, sagt er „Dann kamen aber die wärmeren Tage im April, und die Jugendlichen, von denen einige schon einen Winter-Lagerkoller hatten, zog es wieder nach draußen.“ Deshalb wurde die Hütte gemeinsam ausgeräumt, auch die Wände wurden in Eigenarbeit gestrichen.

Graffiti-Künstler soll das Gelände gestalten

Cildir und Schmid sind zudem im Gespräch mit einem Graffiti-Künstler aus der Umgebung, der den gesamten Bereich gestalten soll. „Das Gelände soll lebendiger werden“, sagt Cildir. Langfristig soll die Verantwortung für die Hütte in die Hände der Jugendlichen gelegt werden.

Die Hütte am Skaterpark ist nun auch wieder jeden Mittwoch ganztägig geöffnet und wird wahlweise von den Sozialarbeitern oder einem Praktikanten betreut. „Im Moment sind wir beim Personal ganz gut ausgestattet, können dort immer präsent sein.“

In früheren Zeiten sei das Gelände am Vohenstein ja fast ein Selbstläufer gewesen, denn schon damals kamen die Jugendlichen zum Skaten, egal ob die Hütte offen war oder nicht. „Und wenn sie jetzt wieder geöffnet ist, sind viele froh, wenn sie sich dort im Schatten abkühlen können“, so Cildir.