Heidenheim Ohne neue Pflegekräfte muss Jan Klaiber umziehen

Jan Klaiber ist ein fröhlicher Mensch, der das beste aus seiner Behinderung macht. Im Moment hat er Angst davor, dass er seine Eigenständigkeit verlieren könnte.
Jan Klaiber ist ein fröhlicher Mensch, der das beste aus seiner Behinderung macht. Im Moment hat er Angst davor, dass er seine Eigenständigkeit verlieren könnte. © Foto: Manuela Wolf
Heidenheim / Manuela Wolf 11.01.2019
Wenn Jan Klaiber keine neuen Pflegekräfte findet, muss er seine geliebte Wohnung verlassen. Doch der Arbeitsmarkt scheint wie leergefegt.

Dem im Grundgesetz verankerten Recht auf ein selbstbestimmtes Leben setzt oft das Leben selbst Grenzen. In Jan Klaibers Fall ist es der eigene Körper, der „die freie Entfaltung der Persönlichkeit“ behindert. Bisher hat ihm das wenig ausgemacht. Mit unermüdlichem Optimismus kämpfte sich der Rollstuhlfahrer, von Geburt an schwerstbehindert und stumm, durch Schulzeit und Ausbildung und lebt seit einigen Jahren mit Unterstützung von Pflegekräften in einer Wohnung im Heidenheimer Ugental.

Langeweile und Verzweiflung

Derzeit kämpft sein wacher Geist auch, aber nicht für, sondern gegen etwas: Langeweile und Verzweiflung. Drei Pflegekräfte mit insgesamt 350 Arbeitsstunden pro Monat wären nötig, um ihm ein Höchstmaß an Selbstbestimmung in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Seit dem Frühjahr arbeitet nur noch Diana Stur für ihn, eine unternehmungslustige Mittvierzigerin mit ansteckendem Lachen.

Der Heidenheimer Arbeitsmarkt scheint wie leergefegt. Pflegedienste können nur stundenweise Personal schicken. Agenturen vermitteln Assistenten, die entweder zu teuer sind, aus dem Ausland anreisen oder denen nach einem Probetag die Arbeit zu mühsam erschien. Und so arbeitet Pflegerin Stur seit Monaten, wann immer sie kann.

„Es ist ein großes Glück, dass Freunde gelegentlich einspringen“, schreibt er in seiner Mail an die Redaktion. „Trotzdem hoffe ich, dass das nur vorübergehend ist.“ Aufstehen, essen, Toilettengang, Nachtruhe, die Uhr und der Terminkalender seines Umfelds bestimmen, was geschieht, nicht er selbst - warten statt machen.

Der gelernte Bürokaufmann ist froh um die Notlösung. Aber was würde er dafür geben, wieder sein eigener Herr zu sein! Die seltenen Heil- und Gewürzpflanzen auf seiner Terrasse verkümmern ohne regelmäßige Pflege. Seine Küche, in der er so gerne mit alten Rezepten experimentiert, bleibt für seinen Geschmack viel zu oft kalt. Der letzte Stadtbummel ist schon eine Weile her, und dass er abends noch lange Zeit im Rollstuhl saß anstatt im Bett zu liegen, auch. Selbst für den kleinsten Handgriff braucht er Assistenten – Assistenten, die er im Moment nicht hat.

Diana Stur arbeitet schon seit vielen Jahren für Jan Klaiber. Anfangs war die Kommunikation über eine Buchstabentafel mühsam. Inzwischen werden größere Themen über Handy oder E-Mail besprochen, für Kleinigkeiten genügen oft schon Anfangsbuchstaben – die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen, ist deshalb eine Grundvoraussetzung für eine Anstellung. Ansonsten braucht es vor allem Wohlwollen, Einsatzwille und ein gewisses Maß an Flexibilität, alles andere kann angelernt werden.

Gerne draußen unterwegs

Diana Stur: „Zu den Aufgaben zählen neben leichten pflegerischen Tätigkeiten auch Hausarbeit und Gartenarbeit. Wann immer es geht, unternehmen wird etwas miteinander. Jan ist einfach gerne draußen unterwegs.“ Das Landratsamt vergütet jede Arbeitsstunde mit zehn Euro brutto.

Im Landkreis verwurzelt

Sollte der Rollstuhlfahrer in absehbarer Zeit keine neuen Pflegekräfte für sich finden, wird er sein Leben neu organisieren müssen. Er denkt an einen Umzug beispielsweise nach Augsburg. Dort bietet der Arbeiter-Samariter-Bund ein Modell an, das Klaibers bisherigem Konzept mit drei Angestellten ähnelt. Aber seine Familie und Freunde sind im Landkreis Heidenheim verwurzelt - ob die regelmäßig zu Besuch kommen würden?

Jan Klaiber gibt sich trotz der Umstände optimistisch: „Ich bin überzeugt: Mit einem starken Willen lässt sich das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Ich gehe davon aus, dass ich in meiner Wohnung im Dorf in der Stadt bleiben kann und bald noch zwei Arbeitskräfte finden werde.“ Wer Interesse an einer Assistenzstelle hat, wendet sich per Mail direkt an Jan Klaiber unter j_klaib@hotmail.com oder an Heidi Sonntag unter Tel. 0174.9139287.

Auch in Kliniken fehlt Personal

Die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat zum Jahresanfang in Kliniken in ganz Deutschland nachgefragt: Wie viele unbezahlte Überstunden werden auf den einzelnen Stationen gemacht? Wie viele zusätzliche Kräfte wären nötig, um einen normalen Betrieb ohne Überstunden und mit geregelten Pausen zu gewährleisten? Und: Leidet die Versorgung der Patienten und die Gesundheit der Mitarbeiter unter dem Personalmangel? Insgesamt beteiligten sich 590 Teams mit rund 13 000 Beschäftigten.

Ergebnis: Zeitaufwändige Aufgaben wie die engmaschige Überwachung von schwerstkranken Patienten oder die Ausbildung von neuen Mitarbeitern leiden unter dem Personalmangel. Und: Würden die Angestellten der Kliniken unter normalen Bedingungen arbeiten, müsste Monat für Monat für mehrere Tage der Betrieb eingestellt werden. Insgesamt müsste das Personal um 22 Prozent oder 80 000 Stellen aufgestockt werden. In der Realität geht der Trend in die andere Richtung. Bundesweit haben Kliniken seit 1995 trotz steigender Patientenzahlen bereits 25 000 Pflegestellen gestrichen. Mehr als 10 000 Stellen sind unbesetzt.

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