Heidenheim Wie war „Nabucco“? Das sagen die Gäste auf dem roten Teppich

Heidenheim / Hendrik Rupp 02.07.2018
Nach dem Wetter-Krimi kurz vor dem Start ging die Premiere von „Nabucco“ etwas feucht, aber problemlos über die Bühne. Auf und neben dem roten Teppich wurde allerhand diskutiert.

Zwanzig Minuten nach zehn ist es am Freitag Abend, der Gefangenenchor singt das weltberühmte „Va, pensiero“ und jenseits des blutrot erleuchteten Rittersaals geht ein Vollmond auf, so passend blutrot, als hätten ihn die Bühnenbildner in die Nacht gemalt. Das Wetter, es spielt doch noch mit.

Dabei hatte es gegen 19 Uhr überhaupt nicht danach ausgesehen: Der Wetterdienst hatte Trockenheit fast schon garantiert, aber eine Stunde vor dem Start der „Nabucco“-Premiere schüttete es regelrecht – nur auf wenigen Kilometern, dafür aber genau über dem Schlossberg.

Die Hektik nach dem Guss war gewaltig: Wischen, trocknen, elektrische Anschlüsse fönen, Sitzkissen retten, Sitzkissen austauschen – und vor allem Hoffen und Bangen: Klappt es mit den Instrumenten in so einer Waschküche? Fällt die Elektrik aus? Kommt es zu Stürzen auf der glitschig-nassen Bühne?

Stehen auf einer Rutschbahn

Ohne der Besprechung vorzugreifen: Ins Wasser fiel nichts bei der Premiere, und als Marcus Bosch auf der Premierenfeier sagt, es sei für die Sänger schon eine Herausforderung gewesen, auf der Rutschbahn überhaupt stehen zu bleiben, hatten die längst nicht nur das gemeistert.

Ein „Nabucco“ also draußen, feuchtfröhlich, aber mit allem Flair, den eine Premiere im Schloss nur haben kann. Wie kam das an?

Eine ganze Reihe von Premierengästen hatte auch selbst Premiere und sah die Opernfestspiele zu ersten Mal. Zum Beispiel Simone Maiwald, Heidenheims neue Bürgermeisterin und selbst ausgebildete Musikerin: „Grandios!“, ihr Fazit: „Ich bin wirklich froh, in einer Stadt zu sein, die so wunderbare Festspiele in einer solch wunderbaren Kulisse zustande bringt. Ich hoffe jeder in Heidenheim erkennt, was wir hier für ein Juwel haben.“ Ihre Highlights: Die Atmosphäre, der Chor und vor allem jenes „Va, pensiero“, das man in Italien als alternative Nationalhymne feiert und bei manchen „Nabucco“–Aufführungen gleich zweimal hintereinander schmettert: „Das war hier ganz anders, gefühlvoll und zurückhaltend, das fand ich ganz toll!“

Ebenfalls seine persönliche Premiere hatte Edelmann-Geschäftsführer Oliver Bruns: „Ich hatte schon gehört, was für eine Niveau man hier in Heidenheim hat, aber das ist schon der Wahnsinn“, sagt er: „Die Inszenierung ist mutig, politische Komponenten einzubauen finde ich sehr gelungen.“

Ganz ähnlich geht es dem SPD-Landtagsabgeordneten und Stuttgarter Fraktionschef Andreas Stoch: „Die Inszenierung mit dem aktuellen Bezug ist interessant und des Nachdenkens wert“, so Stoch. Und wie immer sei der Chor aus Brünn herausragend.

Nabucco in den TV-News, Bombenangriffe im Nachtsichtgerät auf den Videoschirmen – auch Zeiss-CEO Prof. Michael Kaschke, selbst ein Stammgast bei der Oper, fand das gut: „Es ist eine nachdenkenswerte Inszenierung, die nicht einfach an der Weltlage vorbeigeht.“

Die Inszenierung loben nicht alle

Nicht jeder sieht das so: „Das Nahost-Thema funktioniert überhaupt nicht, das ist eine Oper über italienische Frömmigkeit aus dem 19. Jahrhundert“, sagt Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie im Klinikum Heidenheim. Musikalisch ist Zinkler, der selbst auch Musiker ist, freilich sehr angetan – und kennt als Bläser die Probleme des Abends: „Als die Bläser das erste Mal sauber einsetzen, konnte man die Erleichterung von Marcus Bosch ja schon spüren.“

Anders sieht es IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle: „Es war nicht zu viel Zeitgeschehen, sondern genau die richtige Mischung“, sagt sie: „Und der Chor war wieder ganz große Klasse.“

Vom Fach ist auch Prof. Rainer Przywara: Der Rektor der DH Heidenheim, der seine erste Premiere am Ort erlebte, ist auch studierter Kirchenmusiker: „Ich bin schwer davon begeistert, was man hier in Heidenheim auf die Beine stellen kann.“ Niveau und Ambiente seien herausragend: „Wer meint, das sei kein überregionales Highlight, der täuscht sich gewaltig.“

„Wir legen immer noch eins drauf“, attestiert Oberbürgermeister Bernhard Ilg dem künstlerischen Leiter Marcus Bosch. Und tatsächlich beherrscht die Oper selbst die Gespräche unter den rund 300 Gästen der Premierenfeier gefühlt mehr als in den Vorjahren. Im Mittelpunkt meistens die Inszenierung von Helen Malkowsky: Zu viel gewagt oder dann doch nicht genug? Zu viele Botschaften? Zu viel Syrien statt Babylon? War Nabuccos Rollstuhl nun ein Thron oder ein Denkmal der Hinfälligkeit? Da können, da wollen mehr Gäste mitreden als bei der Musik selbst. Und ob der Applaus nun zu verhalten war oder nicht, ist ebenfalls ein Dauerbrenner.

Musikalisch wird es vor Mitternacht übrigens auch noch ganz spontan: Oliver von Fürich, als Volksschauspieler wie als Mädchen für alles und guter Geist der Opernfestspiele bekannt, hat just am Premierentag Geburtstag, und das „Happy Birthday“ der versammelten Gäste im Schlosshof klingt richtig gut. Weil Marcus Bosch ansatzweise dirigiert? Weil das Publikum mitzieht? Weil der Brünner Chor und etliche Solisten lautstark einstimmen? Wahrscheinlich alles zusammen, wie es sich bei den Opernfestspielen gehört.

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