Heidenheim „Der Prinz und der Bettelknabe“: kunterbunt und herrlich direkt

Heidenheim / Joelle Reimer 10.06.2018
Rollentausch mit Sozialkritik: „Der Prinz und der Bettelknabe“, von Max Barth kunterbunt und herrlich direkt am Naturtheater inszeniert, ist ein Familienstück mit vielschichtiger Bedeutung.

Wer würde nicht gern mal in der Haut eines anderen stecken? Dieses Gefühl, dass ein anderes Leben ein besseres wäre, dass es doch eigentlich noch mehr geben müsste als den immer gleichen Alltagstrott; sprich: das Gefühl, dass einfach alles schöner wäre, wäre man ein anderer Mensch.

Dieses Gefühl kennt auch Tom Cantey. Er ist ein Betteljunge im London des 16. Jahrhunderts; ein Waisenkind, ganz auf sich alleine gestellt, das sich im Armenviertel behaupten muss und in Schwierigkeiten gerät, als des Königs Hauptmann zum Steuerneintreiben vorbeikommt. Tom träumt von einem Leben im Königspalast – „nie mehr hungern, das wünsche ich mir“.

Zeitgleich steckt der junge Prinz Edward in einem ganz ähnlichen Dilemma, wenn auch die Umstände zunächst ganz andere sind. Gefangen in den königlichen Zwängen, sehnt sich der Thronfolger danach, endlich das tun zu können, was ihm Spaß macht, und nicht an diesen „ätzenden Empfängen“ teilnehmen zu müssen. Das schreit doch geradezu nach einem Rollentausch; vor allem, da sich die beiden auch noch zum Verwechseln ähnlich sehen. So kommt es dann schließlich auch.

Rollentausch birgt Probleme

Aber was geschieht wirklich, wenn man das Leben eines anderen lebt? Nun ja, sicherlich gibt es einige Überraschungen, wie die beiden Hauptdarsteller des historischen Romans von Mark Twain, 1881 verfasst und nun von Max Barth fürs Heidenheimer Naturtheater umgeschrieben, selbst erfahren müssen. „Such dir eine neue Herausforderung, wenn dich das Leben hier langweilt“, raten die beiden Freundinnen Bet und Amy; und in der Rolle als falscher Prinz scheint Tom diese Herausforderung gefunden zu haben. Probleme gibt es erst, als der König krank im Sterbebett liegt und Tom sich an Edwards Stelle von ihm verabschieden muss, da niemand ihm den Rollentausch glauben will.

Als schließlich auch noch der hinterlistige Hauptmann durch Erpressung die Krönung des falschen Prinzen erzwingen will, wird es Zeit, einzugreifen: Im letzten Moment schaffen Tom und Edward die Kehrtwende und klären die Verwechslung auf.

Ungleichheit und Ausgrenzung

Die Moral der Geschicht? Die ist vielschichtiger, als es der Ankündigungstext im Flyer zunächst vermuten lässt. Es geht um Verwechslung, klar – aber eben noch um so viel mehr. Es geht um Ausgrenzung, um Abtrennung, um Ungerechtigkeit und um die unterschiedliche Behandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Besitzes – damals wie heute.

Ein starker Tobak, der vor allem für die jüngsten Besucher zum Teil erschreckend gewirkt haben kann – denn nicht nur inhaltlich, sondern auch in Sachen Inszenierung beweist Regisseur Max Barth Mut, die Dinge unheimlich klar und zugleich im richtigen Maße überzogen darzustellen.

Beeindruckend allein der Auftritt des Hauptmanns, wunderbar böse gespielt von Günther Herzog. Das waren Szenen der puren Spannung, gestern Nachmittag bei der Premiere im Naturtheater, untermalt von dramatischen Tönen und unterstützt vom starken Auftritt der Lakaien, die den Hauptmann stets umgaben. Ihre schwarzen Lederoutfits trugen das Ihrige dazu bei; mit Fransen, Nieten und Metallketten beladen, wirkten diese finsteren Gestalten alleine schon durch ihre Kostüme brutal bedrohlich.

Und überhaupt die Kostüme! Auch hier hat Max Barth ein glückliches Händchen bewiesen. Auf der einen Seite die Diener und Bewohner des Palastes, über und über beladen mit Goldschmuck, ausladenden Reifröcken und gefühlt meterhohen Perücken – nichts anderes war das als ein lebendig gewordener Kleinmädchentraum in pastellfarbigem Gelb und Rosa. Und auf der anderen Seite das Armenviertel: Zerlumpte, farblose Kleider, Felle, in Decken gehüllte Gestalten – der Kontrast hätte größer nicht sein können.

So gelang es problemlos, die eher abstrakt gehaltene Kulisse ins Spiel einzubinden. Die Requisiten taten ihr Übriges dazu: links das Armenviertel mit Waschzuber, Flickenteppichen, alten Körben und Töpfen; rechts der Königspalast mit seinen zahlreichen Zimmern und Sälen. Waren in einigen Szenen sowohl das arme Volk als auch der Palast zu sehen, wurde dies geschickt gelöst, indem die eine Seite einfach stumm im Hintergrund spielte.

Ein abwechslungsreiches Hin und Her, dessen dramatische Handlung immer wieder unterbrochen wurde von der charmanten Clodette und ihrem Gefolge. Anke Rißmann-Eckle spielte die herrische Palast-Führerin mit so viel Witz, dass am Ende allein ihr Erscheinen auf der Bühne für Lacher im Publikum sorgte – eine willkommene Atempause inmitten all der Spannung.

Kleine Details finden Gefallen

Noah Dierolf in der Rolle des Tom Cantey und Jonas Hirschberger als Prinz Edward glichen sich im Stück nicht nur wie ein Ei dem anderen – auch schauspielerisch brachten beide ihre Rollen auf den Punkt. Herrlich allein der Gesichtsausdruck des jungen Prinzen, als er in der Schul-Szene seinen Lehrer nachäffte!

Auch kleine Details der Inszenierung fanden Gefallen. Da waren zum Beispiel der überzogene Moderator des Maskenballs, die fünf Bücher auf dem Kopf des Lehrers, die Tänzerinnen im Publikum oder die singenden Ungarn während der Krönungszeremonie.

So bleibt am Ende nur noch festzuhalten: Verwechslung und Rollentausch gehören zwar zum Hauptinhalt von „Der Prinz und der Bettelknabe“, doch die zwei, drei Freudentränen, die Max Barth am Ende über die Wangen gekullert sind, haben eines ganz deutlich gezeigt: Er hat dabei gar nichts verwechselt, denn die Rolle als Regisseur dieses Stückes war für ihn genau die richtige.

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