Heidenheim / Hendrik Rupp Der frühere Konzernchef und BDI-Präsident wird heute 80. Heidenheims einziger lebender Ehrenbürger feiert einen ruhigeren, aber immer noch höchst agilen Ruhestand.

Manchmal, wenn Dr. Michael Rogowski in der Stadt unterwegs ist, sprechen ihn bis heute Voithianer an: Hier könnte man etwas besser organisieren, dort scheint etwas im Argen – da müsse Rogowski doch etwas drehen können? Nein, lautet Rogowskis Antwort dann, das könne er nicht mehr – doch zuhören will Rogowski immer. Und immer noch.

Das ist nicht überraschend: Michael Rogowski, das sind mehr als 40 Jahre Voith, davon mehr als zwei Jahrzehnte an der Konzernspitze. Und das in einem Verhältnis, in dem Beruf und Leben, Person und Firma untrennbar waren. Kein Wunder, wenn viele Heidenheimer nach wie vor davon überzeugt sind, dass der Mann einfach Voith ist.

Ziehsohn von Hugo Rupf

Tatsächlich ging Michael Rogowski einen Weg bei Voith, den man heute gar nicht mehr gehen könnte: Buchstäblich als Ziehsohn von Hugo Rupf, der wiederum der Ziehsohn von Hanns Voith gewesen war. Rupf machte vieles wie Voith, Rogowski vieles wie Rupf, so pflegte auch der zweite angestellte Konzernchef viele Bräuche des einstigen Eigentümers: Voithianer grüßt man wie Nachbarn, neuen Azubis im Stammwerk wurde zum Start persönlich die Hand geschüttelt.

Bis heute wohnt Rogowski in der früheren Rupf-Villa am Firmengelände, gemeinsam mit seiner Frau Gabriele, die nie Ämter brauchte, um im Konzern eine wichtige Funktion zu haben: Wie sich die First Lady der Firma bei Not- und Todesfällen in der Belegschaft einsetzte, ist in Heidenheim ebenso unvergessen wie das Wirken ihres Mannes.

Lautstarke Dispute

Der war einst alles andere als unumstritten, aber stets hoch geachtet. Legendär waren Auftritte des einstigen Arbeitsdirektors nicht nur im Tarifstreit: Rogowski kletterte bei Betriebsversammlungen auch schon mal auf den Werkzeugschrank und brüllte gegen eine ganze Halle aufgebrachter Mitarbeiter an – nicht selten brachte das Einigung, immer brachte es ihm Anerkennung. Der Mann mit der für Manager ungewöhnlichen Waldorfschul-Vita traute sich was.

Rogowskis große Stunde schlug in den 1990ern im legendären Stämmekrieg: Als sich die Eigentümerfamilien zerstritten, war Voith in seiner Existenz bedroht. Rogowski wagte einen radikalen Schritt, einte dank exzellenter Beziehungen zu den Eigentümern die Nachkommen von Hanns Voith und riskierte die Realteilung: Die Erben von Hermann Voith wurden ausbezahlt, und dank der Strategie des genialen Finanzchefs Hermut Kormann ruinierte das den Konzern nicht. Die eigens gegründete Voith AG musste nicht einmal alle vorbereiteten Rettungsschirme ausfahren, nach eineinhalb Jahrzehnten kehrte Voith zur alten Gesellschaftsform zurück.

Acht Jahre Konzernchef

Acht Jahre lang stand Rogowski an der Spitze des Konzerns, war danach fast zehn Jahre lang Chef des Aufsichtsrats und Vorsitzender des Gesellschafterausschusses, der bis heute ebenso diskret wie mächtig über das Unternehmen wacht. Die Rogowski-Jahre waren gute Jahre für Voith, mit einem bisschen Glück ebenso wie mit vielen guten Strategien, die erstmals mit klaren Fahrplänen festgelegt wurden. Voith war schon vorher weltweit tätig gewesen, doch nun entstand ein Weltkonzern. Den Stil des Hauses änderte das nicht, und auch das machte Michael Rogowski zu einer Legende, nicht nur im Werk.

Präsident des BDI

Gegen Ende seiner beruflichen Laufbahn zählte Rogowski zu den bekanntesten Managern Deutschlands. Als Präsident des Bundesverbands der Industrie war Rogowski nicht um klare Worte verlegen, was ihm einst einen deftigen Zwist mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eintrug. Der Knatsch endete in unnachahmlicher Manier: Gabriele Rogowski und Schröders damalige Gattin brachten die Streithähne zusammen, Freunde sind beide bis heute geblieben.

Rogowski schrieb Bücher (20 Thesen für ein „Neues Wirtschaftswunder“), war Stammgast in Talkshows, moderierte gar seine eigene Fernsehsendung („Chefsache“ auf N-TV), wurde in den Lenkungsrat des milliardenschweren Deutschland-Fonds berufen. Reihenweise verließen sich große Unternehmen auf seine Expertise und machten ihn zum Aufsichtsrat. Und es hagelte Auszeichnungen: Ob Bundesverdienstkreuz oder der japanische „order of the Rising Sun“, ob das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich oder der Ehrensenator der Universität Tübingen. Heidenheim machte Rogowski zum Ehrenbürger – aktuell ist er der einzige lebende Inhaber dieser Würde.

Zeit für die Familie

Kaum vorstellbar, dass so jemand in den Ruhestand geht – zu Rogowskis Glück war es denn auch kein Gehen, sondern bestenfalls ein Schleichen: Nach und nach schied er aus den Gremien aus, immer wegen des Erreichens der festgeschriebenen Altersgrenzen. Und nach und nach suchte sich Rogowski neue Inhalte: Seine beiden Kinder habe er einst fast nur nebenbei beim Großwerden erlebt, bedauert er – bei den sechs Enkeln und dem nun dazu gekommenen Urenkel ist das anders. Und es bleibt auch mehr Zeit für das Team Rogowski aus Michael und Gabriele: Seit einiger Zeit hat Rogowski das Kochen entdeckt – gerne auch Chinesisch. Und dass Google zu „Rogowski“ heute erst einmal Bilder von Schauspieler Franz Rogowski auflistet, sieht der stolze Opa mit viel Wohlwollen.

Was Rogowski einen Ruhestand nennt, hat freilich immer noch nichts mit dem Alltag anderer 80-Jähriger zu tun. „Eigentlich jeden Tag“ geht er in sein Büro bei Voith, wo er dem Stiftungsrat der Hanns-Voith-Stiftung vorsteht und mit großem Vergnügen „fürs Geldausgeben“ zuständig ist. Ganz neu will sich die Stiftung dem Thema digitaler Bildung an Schulen widmen – Rogowski ist vorn dabei.

In der Gegend wohl bekannt ist auch Rogowskis Engagement für die Eiszeitkunst und den Archäopark, für den er seine Beziehungen spielen ließ und buchstäblich Klinkenputzen ging. Und seit einigen Jahren ist er beim auch von Ex-Unternehmern gegründeten Fonds „Rantum Capital“ aktiv. Der Fonds unterstützt Firmen, die gute Ideen, aber zu wenig Kredit bei Banken haben, Rogowski ist Pate und Experte vor allem im Maschinenbau. „Manchmal ist das durchaus ein Fulltime-Job“, sagt Gabriele Rogowski – aber kein Vergleich zu aktiven Voith-Zeiten.

Schwätzchen mit Mitarbeitern

Es wird ruhiger im Leben von Michael Rogowski – und der Jubilar macht seinen Frieden damit. Gesundheitlich geht es ihm blendend, und dass er eine Meinung zu allen aktuellen Vorgängen bei Voith hat, ist ebenso klar, wie dass er diese Meinung (fast) immer für sich behält. Weil sich die Zeiten sowieso geändert haben? „Jein“, sagt er: „Es ist auch heute noch möglich, als Chef durch die Werkhallen zu gehen und mit Mitarbeitern zu reden“. Der Satz muss reichen: „Voith war keine Arbeit, sondern mein Leben, aber irgendwann ist der Wecken eben gegessen“.

Sagt's, checkt ein paar Mails auf dem Smartphone und verabschiedet sich zum Kofferpacken – den 80. verbringt Rogowski mit seiner Gattin beim Skifahren. Später im Jahr wird die Familie in Berlin zum 57. Hochzeitstag zusammenkommen, das ist dem Jubilar wichtig. Michael Rogowski war eben nicht nur Voith, er ist mehr.

80 Jahre auf einen Blick

Geboren wurde Michael Rogowski am 13. März 1939 in Stuttgart. Der Sohn eines Ingenieurs besuchte die Waldorfschule und lernte schon als Teenager seine spätere Frau Gabriele kennen. Seinen Doktor machte der studierte Wirtschaftsingenieur 1969 an der TU Karlsruhe.

Zu Voith kam Rogowski 1974 nach fünf Jahren beim Karlsruher Nähmaschinen-Konzern Singer. Rogowski wurde Leiter des Personalwesens, 1978 dann Geschäftsführer und „Arbeitsdirektor“. Zehn Jahre lang war er auch Chef der Antriebstechnik, ab 1986 wurde er Sprecher der Geschäftsführung.Konzernchef wurde Rogowski 1992, ab 1997 war er der erste Vorstandsvorsitzende der neuen Voith-Aktiengesellschaft. Von 2000 bis 2010 war er Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens.

Verbandspolitisch war Rogowski zunächst beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) aktiv, dessen Präsident er von 1996 bis 1998 war. Das Amt endete turnusgemäß. Von 2001 bis Anfang 2005 war er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

Heidenheim machte Rogowski 2004 zum Ehrenbürger. Rogowski ist der zwölfte und einzige lebende Träger dieser höchsten Würde der Stadt.