Heidenheim Der Mann mit der Flaschenangel

Der Schnaitheimer Vittorio Dell'Aquila ist Tag für Tag mit dem Fahrrad im Stadtgebiet unterwegs und angelt Pfandflaschen aus Glascontainern. Auf seiner festgelegten Route können ihn auch Wind und Wetter nicht aufhalten.
Der Schnaitheimer Vittorio Dell'Aquila ist Tag für Tag mit dem Fahrrad im Stadtgebiet unterwegs und angelt Pfandflaschen aus Glascontainern. Auf seiner festgelegten Route können ihn auch Wind und Wetter nicht aufhalten. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manuela Wolf 13.09.2018
In Altglascontainern sucht der Schnaitheimer Vittorio Dell'Aquila mit Taschenlampe und Angel nach achtlos weggeworfenen Pfandflaschen und Dosen.

Ein Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen, sagt der Volksmund. Bei Vittorio Dell'Aquila ist ein kleiner Zusatz angebracht. Denn diesen Mann macht vor allem sein Besitz aus – und das, was er gerne besitzen würde.

Fahrrad, Korb, selbstgebaute Angel, Taschenlampe, das sind die vier Dinge, die ihm gehören, sie sind gewissermaßen sein Markenzeichen. So ausgestattet, radelt er am Vormittag von Schnaitheim nach Aufhausen und zurück.

Am Nachmittag geht's in die andere Richtung auf bewährter Route vorbei an zahlreichen Altglascontainern im gesamten Stadtgebiet. Mit der Taschenlampe sucht der 60-Jährige darin sozusagen nach Geld. „Ich glaube schon, dass manche Leute schlecht von mir denken, wenn sie sehen, was ich da mache“, sagt er, „meine Verwandten schimpfen ja auch immer mit mir, weil sie finden, dass sich das nicht gehört.“ Andere Leute legten ihm Pfandflaschen und Pfanddosen direkt in den Korb. Vittorio hebt gleichgültig die Schultern. So oder so, er kann damit leben, muss damit leben, „was bleibt mir auch anderes übrig“.

Vor 42 Jahren kam er von Kalabrien nach Süddeutschland. Sein Lebenslauf ist der eines typischen Gastarbeiters: Für die erste Zeit fand er Obdach bei einer Tante im Landkreis Waiblingen, später macht er eine Ausbildung zum Installateur, heiratete, fünf Kinder wurden geboren. Immer hatte er Arbeit, ob im Lager oder am Band, immer waren es Hilfstätigkeiten und Zuarbeiten, und immer war er froh, wenn er dabei seine Ruhe hatte: „Als Italiener hast du ständig Menschen um dich rum. Die Familien sind so groß, so laut. Nie bist du allein. Als ich selbst Vater wurde, war mir klar, warum mein eigener Vater jeden Abend so spät nach Hause gekommen ist.“

Ganz alleine vor sich hin radeln, das also ist genau Vittorios Ding. Dass er auf seiner Tour oft flüchtige Bekannte trifft, die ihm aufmunternd auf die Schulter klopfen und ein paar belanglose Sätze mit ihm wechseln wollen, stört ihn nicht. Aber dann muss es wieder weiter gehen, auf zum nächsten Container. Ein bisschen Jagdfieber ist immer mit dabei. Aha! Da hat er auch schon eine unversehrte Bügelflasche zwischen den vielen Weißglas-Scherben gefunden und mit seinem Stock-Schnur-Haken-Dings herausgeangelt. Was ist die wert? Fünf Cent? Acht? Dazu eine Cola-Dose bei den Blechbüchsen. Die kommt natürlich auch in den Korb.

Der Pfandsammler aus Schnaitheim lebt von Hartz IV. Aus gesundheitlichen Gründen hat er seinen Job vor zehn Jahren aufgegeben. Viele Stunden saß er damals in der Stadt auf Parkbänken rum, ohne Aufgabe, ohne Ziel, ohne Geld. Er beobachtete dabei einen alten Mann, der mit einem Stock in Altglascontainern rumstocherte. Irgendwann sprach er den augenscheinlichen Experten an. Der erklärte ihm sein Handwerk und seine Technik. Anderntags stieg Vittorio aufs Rad und fuhr los. An 356 Tagen im Jahr ist er seitdem unterwegs, um Dinge einzusammeln, die andere Menschen weggeworfen haben. Auch an Sonntagen. Auch an Weihnachten.

Donnerstage sind schlechte Tage. Die Container werden gereinigt und geleert, da gibt es nichts zu holen. Alle Tage, an denen der FCH ein Heimspiel austrägt, sind gute Tage. Die hiesigen Fußballfans zum Beispiel kennen den Mann mit dem Fahrrad, dem Korb, der Angel und der Taschenlampe und überlassen ihm gerne auch mal eine ganze Bierkiste voller Pfandflaschen. Die Tageseinnahmen liegen zwischen null und fünf Euro, kleine Ausreißer nach oben gibt es nur selten.

Je nach Bedarf wird das Geld gegen Lebensmittel getauscht oder in der Spielhalle verzockt. Gleichgültig erzählt Vittorio von drei größeren Gewinnen im Laufe seines Lebens. Dass er vergleichsweise viel mehr Geld in die Spielhallen hinein als herausgetragen hat, weiß er. Und doch wirft er immer wieder die wenigen Münzen, die er nach einem langen Tag im Sattel sein Eigen nennt, in die Automaten: „Zocken ist nicht gut. Manchmal ist es besser, kein Geld zu haben.“

Und aus seiner Sicht ist es auch nicht das Schlechteste, keinen Job zu haben. Er will sich gesundheitlich nicht noch mehr kaputt machen, als er es ohnehin schon ist, am Ende danke das einem doch niemand. Die viele Bewegung an der frischen Luft dagegen tut ihm gut, gibt seinem Leben Struktur und gibt ihm selbst das Gefühl, mitten im Leben zu stehen. Langsam schiebt er sein Rad über die Straße Richtung Bahnhof.

Er wird sicher bei der Skateranlage am Lokschuppen noch Ausschau nach ein paar Pfandflaschen halten, und vielleicht findet er auf dem Heimweg die ein oder andere Dose im Gebüsch, findet das kleine, schnelle Glück, das er später zu Wurst und Brot machen oder als Automaten-Futter verwenden kann. „Ich bin zufrieden, wie es ist“, sagt er zum Abschied. Was bleibt ihm auch anderes übrig.

50 Altglascontainer im Stadtgebiet

Auf der Internetseite des Heidenheimer Kreisabfallwirtschaftsbetriebs (www.abfall-hdh.de) gibt es eine Übersichtskarte, auf der sämtliche Standorte von Glascontainern im Landkreis eingezeichnet sind. Allein im Zentrum stehen sieben Altglas-Container, im gesamten Stadtgebiet zwischen Aufhausen und Mergelstetten sind es über 50 Stück.

Eingeworfen werden dürfen sogenannte Behältergläser wie beispielsweise für Marmelade, Senf oder Essiggurken sowie Dosen und Flaschen mitsamt ihren Schraubverschlüssen aus Metall. Die Flaschen und Gläser gehören je nach Farbe sortiert in den Braun-, Grün- oder Weißglascontainer.

Gehört blaues Glas eher zu braun oder grün? Diese Frage hat sich sicher schon jeder einmal gestellt beim Entsorgen von Altglas. Die Antwort der Profis: Blaue, rote, gelbe und schwarze Gläser gehören immer in den Grünglascontainer.

Nicht eingeworfen werden dürfen Glühbirnen und Energiesparlampen, Fensterglas, Spiegel, Korken, Keramik und feuerfestes Glas.

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