Heidenheim / Kathrin Schuler  Uhr
Peter Röß arbeitete früher bei der Augsburger Puppenkiste und ist Marionettenspieler mit Leib und Seele: Derzeit lebt und arbeitet er im Brenzpark.

Der rote Vorhang in dem rot-weiß-blauen Zirkuszelt schwingt zur Seite: Bühne frei für Kasperl, Sepp und Co. Die haben allerhand zu tun, denn der dreiste Räuber Schlapphut hat das Geschenk für die Großmutter stibitzt. Das muss natürlich zurückerobert werden – doch der träge Wachtmeister ist dabei leider keine große Hilfe.

Gespielt werden sie alle von einem: Peter Röß. Unsichtbar für sein Publikum hält der Marionettenspieler hinter den Kulissen alle Fäden in der Hand. Er lässt die Puppen über die Bühne tanzen, große Sprüche klopfen und mit den Kindern im Publikum scherzen.

Ein Zelt zum Spielen und eines zum Wohnen

Derzeit gastiert er im Brenzpark. Seine Zelte hat er zwischen Haupteingang und dem großen Kinderspielplatz aufgeschlagen: Im großen wird gespielt, im kleineren gewohnt. „Kabinetto Marionettentheater“ verkündet das Schild am Eingang.

„Ich bin quasi der einzige Bewohner des Brenzparks“, scherzt Röß. Mit Camping hat das allerdings wenig zu tun: Das Wohnzelt des Marionettenspieler ist voll ausgestattet, Einbauküche und Bad inklusiv. Drumherum ein niedriger Gartenzaun, der allzu neugierige Gäste fernhalten soll, und sogar ein kleiner Springbrunnen plätschert vor dem Zelt. „Alles, was ich besitze, ist hier drin“, sagt er. Der 60-Jährige richtet mittlerweile sein ganzes Leben nach dem Marionettenspiel aus, einen festen Wohnsitz hat er derzeit nicht.

Zufällig zur Puppenkiste

Das war allerdings nicht immer so: Eigentlich ist Peter Röß Schauspieler. Die Bretter, die die Welt bedeuten, haben ihn von klein auf verlockt. Doch zunächst sollte der Bub „etwas Gescheites“ studieren. Mit dem Lehramt klappte es dann aber nicht, und so stand Röß schon bald in Augsburg auf der Bühne.

Zum Marionettenspiel ist er ganz zufällig gekommen: „Ich saß in meiner Stammkneipe und der Barmann meinte, er kenne jemanden bei der Augsburger Puppenkiste, der mich brauchen könnte“, erzählt Röß.

Am Theater hielt ihn zu dieser Zeit nichts mehr und so war der Entschluss schnell gefasst: 1990 begann er als Marionettenspieler zu arbeiten. Fünf Jahre lang ließ Röß dort die Puppen tanzen, erlernte das Figurenschnitzen, den Requisitenbau und lieh unter anderem dem Kasperl seine Stimme. Dann zog es ihn weiter: Kurzerhand machte sich Röß als Marionettenspieler selbstständig. Viele Jahre sei er mehr schlecht als recht von Dorf zu Dorf gezogen. „Und dann sollte die Landesgartenschau nach Heidenheim kommen“, erinnert sich Röß.

Er gehört zur Gartenschau wie die Blume in den Topf

Für ihn war es der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Michael Martin, der damalige Geschäftsführer der Gartenschau, habe sich in eine seiner Vorstellungen geschlichen – „und seither bin ich immer mit dabei.“ Die Landesgartenschau in Heidenheim war die erste, bei der Peter Röß und seine Marionetten dabei waren. Seither gehört der Schauspieler zur Gartenschau wie die Blume in den Topf.

Nach Heidenheim kamen Bad Rappenau, Villingen-Schwenningen und Nagold. „Ich wurde einfach weitergereicht“, erzählt er. Zum Fahren seien die Strecken zu weit gewesen, daher auch das Wohnzelt. In Schwäbisch Gmünd zerfetzte 2014 ein Orkan das handgenähte Zirkuszelt, bei der Schau in Öhringen hatte Röß bereits ein neues. Seine ganze Jahresgage sei dafür draufgegangen. Auch im vergangenen Jahr in Lahr machte Röß den Kasper – und die Pläne für Überlingen 2020 stehen bereits.

Das ganze Jahr Theater

Die Wintermonate verbringt der Puppenspieler meist bei einem befreundeten Kollegen in Hamburg, mit dem er dann gemeinsam auftritt. In den Jahren zwischen den Landesgartenschauen sucht er sich andere Engagements. So hat es ihn dieses Jahr zurück nach Heidenheim verschlagen. „Zum Brenzpark hatte ich immer einen besonderen Bezug“, meint er. Als Gründungsmitglied sei er damals dabei gewesen, als der Verein enstand.

Jetzt ist Peter Röß zurück – und mit ihm Kasperl, Sepp und Co. Rund 60 Marionetten hat der Herr der Puppen im Gepäck, stetig werden es mehr. Alle sind handgeschnitzt: „Aus Lindenholz. Das ist hart, lässt sich gut bearbeiten und hat nur wenig Äste“, erklärt der Schauspieler.

Manchmal braucht Röß nur drei Tage, um eine Puppe anzufertigen, dann wieder dauert es viele Wochen. „Das ist eben nicht wie Kuchenbacken. Man hat eine Idee, wie es aussehen soll – aber ganz so klappt es eigentlich nie“, meint er. Doch ein Stück weit macht genau das seine Faszination für das Marionettentheater aus, dem sich Röß mit ganzem Herz verschrieben hat: Er lässt nicht nur die Puppen tanzen, er schnitzt sie auch selbst, schneidert ihre Kleider, fertigt Requisiten und schreibt seine Stücke selbst. „Es ist eine Mischung aus Kunst, Theater und Handwerk“, sagt Röß, der als Sprecher 20 verschiedene Stimmen nachahmen kann. Szene für Szene muss choreografiert werden, damit er jede Marionette zur Hand hat, wenn ihr Einsatz gefragt ist.

Um die Gage gebracht

So wie beim Finale des Stücks „Das geraubte Geschenk“: Dabei spielt Röß gleich fünf Marionetten. Kasperl und Sepp gelingt es im Stück übrigens, das gestohlene Geschenk zurückzuerobern. Räuber Schlapphut wird aufs Kreuz gelegt und geht leer aus – genau wie der Marionettenspieler selbst. Denn während dem Stück haben sich noch so einige Zuschauer in das Zelt geschlichen. Kaum hat sich der rote Vorhang auf der Bühne geschlossen, sind sie auch schon wieder verschwunden – und bringen Röß um seine Gage. 5 Euro pro Person verlangt er eigentlich. Doch sobald das Stück beginnt, ist Röß hinter den Kulissen verschwunden: Während er dort die Fäden in der Hand hat, kann er weder Eingang noch Kasse im Blick behalten. „Typisch Schwabe“, sagt er kopfschüttelnd. „Für mich ist das ruinös.“

Bildergalerie Marionettenspieler Peter Röß im Brenzpark

Alles Kasperltheater oder was?

Sechs Stücke hat Peter Röß derzeit im Brenzpark im Programm. In jedem davon ist der Kasper der Chef, denn darauf hat sich der Marionettenspieler spezialisiert. Entweder spielt Röß also ganz klassische Räubergeschichten oder er fährt die Königsschiene: Dabei muss meist der Kasper als Held die Prinzessin vor einem Ungeheuer retten.

Noch bis Pfingsten ist Peter Röß mit seinem Kabinetto Marionettentheater im Brenzpark anzutreffen. Während der Osterferien steht bei ihm zwei Mal täglich Kasperltheater auf dem Programm: Jeweils um 14 und um 16 Uhr beginnen die Vorstellungen. Nach den Osterferien spielt er zu denselben Uhrzeiten, jedoch nur noch von Mittwoch bis Sonntag.