Heidenheim Denkmal für Erwin Rommel: Erinnern im Kontext der Zeit

Seine Skulptur soll an die Minenopfer in Ägypten erinnern und der Rommel-Diskussion einen aktuellen Bezug geben: Der Heidenheimer Künstler Rainer Jooß will das Denkmal auf dem Zanger Berg erneut in den Fokus rücken.
Seine Skulptur soll an die Minenopfer in Ägypten erinnern und der Rommel-Diskussion einen aktuellen Bezug geben: Der Heidenheimer Künstler Rainer Jooß will das Denkmal auf dem Zanger Berg erneut in den Fokus rücken. © Foto: privat
Heidenheim / Kathrin Schuler 16.11.2018
Diskutieren statt vergessen: Mit einer Skulptur will der Heidenheimer Künstler Rainer Jooß dazu anregen, sich kritisch mit der Geschichte Erwin Rommels auseinanderzusetzen.

Kriegsheld, Widerstandskämpfer, Nazi-General, Hitlers Helfer, „Wüstenfuchs“ – seine historische Rolle ist noch immer umstritten: Generalfeldmarschall Erwin Rommel, geboren 1891 in Heidenheim. „Aufrecht, ritterlich und tapfer bis zu seinem Tode als Opfer der Gewaltherrschaft“ – so steht es in Stein gehauen auf dem Denkmal, das zu Rommels Ehren vor mehr als 50 Jahren auf dem Zanger Berg errichtet wurde – und das so manchem Kritiker ein Dorn im Auge ist. So auch dem Heidenheimer Künstler Rainer Jooß. Er will das Denkmal erneut ins Gespräch bringen.

Ob es nicht nach all den Jahren an der Zeit wäre, das Thema ruhen zu lassen? „Nicht, so lange hier nur eine Seite der Medaille präsentiert wird“, sagt Jooß. Mit seiner hölzernen Skulptur greift der Kommunikationsdesigner außerdem einen Aspekt der Debatte auf, der auch im Jahr 2018 noch aktuell ist: die unmarkierten Minenfelder in Ägypten, die der „Wüstenfuchs“ auf dem Afrikafeldzug hinterlassen hat. „Es hat mich erschreckt, dass sich diese Minenfelder so direkt auf Rommel zurückführen lassen können – er hat das damals schließlich angeordnet“, sagt Rainer Jooß. „Niemand kümmert sich darum, schon gar nicht wir. Und während wir Rommel hier als aufrechten Soldaten loben, sterben dort noch immer Kinder.“

„Teufelsgärten“ nannte Rommel diese Landstriche, in denen sich die Alliierten verheddern sollten. Teuflisch sind sie bis heute: Rund 17 Millionen Minen aus dem Zweiten Weltkrieg sind hier vergraben. Vermessen und kartiert wurden die Minenfelder während der Gefechte von 1942 nicht, und noch immer kosten sie die dort lebenden Menschen Arme, Beine oder sogar das Leben.

Jooß' Skulptur, die bereits bei der Mitgliederausstellung des Kunstvereins im Türmle zu sehen war und dort für heiße Diskussionen sorgte, zeigt darum einen Jungen, gesichtslos, auf Krücken – und mit nur einem Bein. Im richtigen Licht wirft sie einen Schatten in beide Richtungen. Eine Mahnung, auch in Zukunft nicht zu vergessen, wie es in der Vergangenheit erst so weit kommen konnte.

Mythos und Wahrheit lassen sich bei Rommel noch immer nicht zweifelsfrei trennen. Zu systematisch wurde er vom NS-Regime als Propagandafigur aufgebaut, zu gerne hätte auch der Widerstand den General auf seiner Seite gehabt. Überzeugter Nationalsozialist war Rommel wohl nicht – und dennoch gilt er als Hitlers „Lieblingsgeneral“.

Was davon im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben ist, ist Rainer Jooß zu einseitig: „Rommel war alles andere als der Held, als der er in Erinnerung geblieben ist“, sagt der 54-Jährige. Nur weil sich ein Bild über Jahrzehnte im Gedächtnis der Nation festgesetzt habe, sei es deshalb noch lange nicht richtig.

Für Jooß selbst bedeutet die Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur um Rommel auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Familie. Der eigene Opa sei ein strammer Nazi gewesen und auch die Eltern geprägt vom Gedankengut ihrer Zeit. Das habe auch bei ihm Spuren hinterlassen, die er seit mittlerweile rund 20 Jahren aufarbeitet: Angefangen mit seiner Diplomarbeit bis hin zur Minenopfer-Skulptur heute.

Nicht länger am Stolz festhalten

Das Denkmal abreißen lassen, wie es im Gemeinderat mitunter schon gefordert wurde, ist nicht in Jooß' Sinn. „Aber ich wünsche mir, dass es im Spiegel unserer Zeit neu kommentiert wird.“ Gut vorstellen könnte er sich dabei auch, dass seine Skulptur als feste Installation in das Denkmal integriert wird.

„Es wird Zeit, dass wir dazu übergehen, wirklich zu erinnern und nicht an unserem Stolz festhalten“, sagt Jooß. Einen Helden als Sohn der Stadt zu haben sei natürlich einfacher, als sich mit ihm auseinander zu setzen. Doch Fakten umzudeuten, damit am Ende das Gesamtbild stimmt, sei besonders heutzutage gefährlich.

Im Gespräch über das Rommel-Denkmal

Um das Rommel-Denkmal ins Gespräch zu bringen, wird Rainer Jooß selbst aktiv: Mit seiner Skulptur, die an die Minen-Opfer erinnern soll, ist er mittlerweile fast jedes Wochenende in der Heidenheimer Innenstadt unterwegs. Dabei steht er für Gespräche zur Verfügung und hat Infos zum Thema dabei.

Manche Passanten, die an seiner Skulptur vorbei gehen, würden sie einfach ignorieren. „Ich dränge mich niemandem auf, sondern warte, ob die Leute selbst Interesse zeigen“, sagt Jooß. Das, was sich dann an Gesprächen entwickelt, sei jedoch sehr erfüllend: „Plötzlich gibt es wieder einen Raum, in dem über das Thema gesprochen werden kann.“

Auch heute ist der Künstler wieder mit seiner Skulptur in der Innenstadt anzutreffen: Von 10 bis 13 Uhr will er mit seiner Skulptur in der Grabenstraße gegenüber dem Rathaus neue Aufmerksamkeit auf die Rommel-Debatte lenken.

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