Heidenheim / Manuela Wolf Die alte Garde der Fliegergruppe Heidenheim/Steinheim wartet den Winter über ihre Maschinen. Die jüngeren Assistenten lernen dabei viel über Technik, das Fliegen – und das Leben.

Ein Freitagabend im Februar. Draußen glänzt die Dunkelheit regennass. Nebel hängt über menschenleeren Straßen. Die Oststadt ist schon im Schlafanzug. Nur unter der Turnhalle des Schiller-Gymnasiums ist noch Hochbetrieb. Männer aller Altersklassen steigen geschäftig steile Stufen hinab und verschwinden hinter einer schweren Kellertüre. Ein warmer Lichtschein weist ihnen den Weg in eine Welt aus längst vergangenen Tagen.

Flugzeuge bedeuten Handarbeit, Wissen, Erfahrung

Um 1933 während der Sommerferien ausgehoben mit Schaufeln und Spitzhacken, diente der Bunker bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der Flieger-Hitlerjugend als Werkstatt. Später wurden hier vorübergehend Möbel eingelagert. Seit Anfang der 1950er-Jahre werden die Räume, die in städtischem Besitz sind, von der Fliegergruppe genutzt.

Seitdem hat sich hier nicht viel verändert. Segelflugzeuge sind simpel, was die Technik angeht. Flugzeuge zu warten und zu reparieren ist Handarbeit, Wissen, Erfahrung. Seit Jahrzehnten hat sich der Bestand an Werkzeugen deshalb nicht nennenswert verändert.

In den Werkstatträumen finden sich uralte Lappen, ausgewaschen, aber sauber, Ersatzteile jeder Art liegen fein säuberlich beschriftet in den Regalen, an der blitzblank geputzten Drehmaschine hat Claus Naumann, der viele Jahre Vorsitzender, Werkstattleiter und Fluglehrer war, von 1953 bis 1957 seine Lehre bei Bosch gemacht.

Der ganze Raum ein unterirdisches Museum

Die Leitungen laufen über Putz. Drehschalter aus Bakellit statt Drücker fürs Licht. Das bloße Mauerwerk zur Straße hin saugt seit Jahrzehnten das von Streusalz getränkte Schmelzwasser auf und bröckelt im Winter deshalb kieselsteinklein in den Raum hinein.

Direkt unter der Decke verlaufen massenweise Rohre. Darunter hängen geschrottete Flugzeugteile, die bei allerhand missglückten Landungen angefallen sind: ein abgebrochener Flügel, ein zersplittertes Fahrwerk, eine kaputte Cockpithaube. Erinnerung und Mahnung zugleich, der ganze Raum ein unterirdisches Museum.

Auch das karamellbraune Fett aus den 70er-Jahren hat fast schon historischen Wert. Die Dose wird den ganzen Abend über weitergereicht und gehütet wie ein kostbarer Schatz, denn jeder, der an den Flugzeugen arbeitet, braucht von Zeit zu Zeit eine Fingerspitze Schmiermittel. Fahrgestelle werden ausgebaut, Sitze, Cockpits zerlegt.

Von Oktober bis Ostern wird unter Tage gearbeitet

Jedes Schräubchen, jedes Scharnier wird überprüft, jede Klappe und jeder Hebel. Der Dachverband überwacht die Arbeiten. Für größere Schäden ist eine Begutachtung vorgeschrieben, außerdem muss eine Art Reparaturplan vorgelegt werden. Von Oktober bis ungefähr Ostern wird unter Tage daran gearbeitet, dass das eigene Leben und das der Kameraden sicher ist, wenn es endlich wieder nach draußen geht, hoch auf die Schäfhalde, dem Himmel entgegen.

Die Arbeitsweise und die Arbeitsteilung spiegeln das hohe Maß an Verantwortung wider, das die Vereinsmitglieder auch zwischenmenschlich verbindet: sich aufeinander verlassen können, konstruktive Kritik statt dumme Streitereien, die Alten ehren, die Jugend fördern, Gespräche auf Augenhöhe. „Wir sind aufeinander angewiesen. Wir brauchen fünf Mann am Boden, damit einer in die Luft kann“, hört man an diesem Abend immer wieder.

„Ich hätte die früheren Zeiten gern miterlebt“

Sanftes Gemurmel begleitet die geschäftige Stille. Langsam, sauber, exakt wird hier ein Handgriff nach dem anderen getan. Niemand hier ist Einzelkämpfer, es gibt keine Klassenunterschiede und keine Besserwisserei. Hand in Hand, Seite an Seite werden kleine und große Probleme gemeinsam gelöst.

Neulinge dürfen übrigens nur unter Aufsicht und Anleitung eines geprüften Zellenwarts mithelfen. Markus, 20 Jahre jung, Informatikstudent, kam über ein Modellflug-Projekt an der Realschule zum Segelflug. Seit Beginn des Werkstattabends schmirgelt er geduldig an einer frisch lackierten Fahrwerk-Abdeckung herum und schwelgt dabei in der Vergangenheit.

„Ich hätte die früheren Zeiten gerne miterlebt, als die Gruppe noch richtig viele Mitglieder hatte“, sagt er. „Nicht so fest drücken“, ruft ihm jemand aus der Ferne zu. „Sonst wird die Schicht zu dünn. Wobei das nicht weiter schlimm wäre, dann lackieren wir neu und du machst es halt nochmal.“

„Mit einem kaputten Auto kann man rechts ranfahren. Mit dem Flugzeug nicht“

Das über Jahrzehnte angehäufte Wissen der alten Garde ist bei diesen angeleiteten Arbeiten unbezahlbar. Gerne verpacken sie Handlungsmaximen charmant in einprägsame Ermahnungen: „Mit einem kaputten Auto kann man rechts ranfahren. Mit dem Flugzeug – nicht. Wird schon gut gehen, das gibt es bei uns nicht.“

Die Fliegergruppe Heidenheim wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegründet, 1953 schlossen sich ihr die Kameraden aus Steinheim an. Zu ihren Hochzeiten prägten die Segelflieger von der Schäfhalde das gesellschaftliche Leben auf der Ostalb. Legendär die Flugplatzfeste, zu denen Zigtausende Besucher kamen.

Viele Dutzend Schüler lernten in diesem Verein das Starten und vor allem Landen auf dem Gelände am Rande des Steinheimer Meteorkraters, das wegen seiner Topographie, den Windbedingungen und der kurzen Landebahn unter Piloten im weiten Umkreis als anspruchsvoll gilt. Zur Jugendarbeit gehörten Freizeiten in den Ferien. Der Segelflug faszinierte alle.

Piloten mittleren Alters sucht man vergeblich

Und heute? Kurze Diskussion über die Zahl der aktiven Mitglieder. Sind es 15 Piloten? Sind es 16? Die „Jugendgruppe“ besteht derzeit aus fünf jungen Leuten. Doch nicht nur junge Menschen können fliegen lernen: Auch zwei Flugschüler um die 50 sind mit dabei. „Das werden unsere tragenden Säulen sein, wenn wir Altgedienten nicht mehr sind“, sagt Heinz Martin, seit Jahrzehnten Mitglied im Verein. Piloten mittleren Alters sucht man vergeblich.

Heutzutage ziehen die Jungen fürs Studium in eine größere Stadt, alle die Zeit und Mühe, die in deren Ausbildung investiert wurde, war zumindest für die Fliegergruppe vergebens. „Wir bilden natürlich trotzdem jeden aus, der Interesse hat. Vorbildung ist nicht nötig.“

„Was man braucht, ist Rückgrat und das Interesse, mitzumachen“

Entgegen dem weitläufigen Trend hat Claus Naumann keine schlechte Meinung von der Jugend. „Ich würde den Eltern nur so gerne zurufen: Holt eure Kinder weg vom Computer oder vom Handy und schickt sie zu uns! Das Fliegen hat an Faszination nicht verloren. Die Kinder wissen nur nicht mehr, dass es Spaß macht, sich Qualifikationen zu erarbeiten.“

In einer Ecke des Raumes erklärt Fallschirm-Wart und Fluglehrer Ehrhart Zschocke gerade die Funktionsweise der tragbaren Lebensretter in Wort und Tat. Jeder, der sich dafür interessiert, kommt einfach mit dazu. Für jede Fallschirm-Marke gibt es eigene Schulungen.

Jedes halbe Jahr müssen die Rucksäcke zum TÜV. Zwei Stunden dauert es, den Nylon-Schirm mitsamt seinen Schnüren auf einem Provisorium aus Tapeziertischen zu einem Päckchen zu falten. „Früher waren die Dinger aus Baumwolle und dienten den Piloten als Sitz“, erzählt der Zschocke.

Bei rund 200.000 Starts kein einziger schwerer Unfall

Dann erzählt er noch von seiner Bruchlandung auf den Baumwipfeln mit einem Flugschüler an Bord und von seinem Steißbein, das bei einem missglückten Start Schaden nahm. Fliegen sei also nicht ganz so harmlos, wie oft getan werde, aber tödliche Unfälle gab es keinen einzigen, was doch beachtlich sei bei rund 200 000 Starts in all den Jahren. Zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkrieges war auf der Schäfhalde 1953 wieder Betrieb. Geflogen wurde mit einem selbstgebauten Schulgleiter, dem SG 38.

Wie immer an solchen Abenden, sprengt auch diese Lektion den vom eigentlichen Thema vorgegeben Rahmen. Es geht immer auch um aktuelle oder historische Themen, um Technik, Arbeitsabläufe, Zwischenmenschliches, Lebenspraktisches.

Und wenn die alten Hasen dann noch von ihren ganz besonderen Momenten in der Luft zu erzählen beginnen, wird es ganz leise im Raum. Alle hören und sehen die Begeisterung, sehen, wie aus einem Rentner mit schlohweißem Haar und faltigen Händen binnen Sekunden ein gestandener Pilot von Format wird.

Wie soll es in einigen Jahren weitergehen?

„Wenn man über den Mont Blanc fliegt, an der Kante entlang, und wie dann dahinter das Matterhorn ins Blickfeld gerät, das ist wunderschön“, erzählt Claus Naumann. Seine Augen funkeln, der ganze Mann ist in Bewegung. Keine Frage: Wer in diesem Alter noch so viel Liebe für die Fliegerei in sich trägt, wird auch in der kommenden Saison einige Starts absolvieren.

Dafür müssen aber erst mal die Maschinen wieder an Ort und Stelle gebracht werden. Mit größter Vorsicht werden die zwei Übungsmaschinen und die drei Hochleistungsflugzeuge zwischen den mächtigen Säulen hindurch zu einem breiten Lüftungsschacht manövriert.

Teil für Teil hieven die Kameraden über kniehohe, steile Stufen ins Freie. Es ist ein Kraftakt sondergleichen; ein Flügel etwa ist um die acht Meter lang, ein Rumpf wiegt über 200 Kilo.

Wie das in ein paar Jahren mal vonstatten gehen soll, wenn die Alten noch älter geworden sind und vielleicht nicht mehr so vital wie heute, darüber wird nicht viel gesprochen. Vielleicht müsse man sich dann nach anderen Räumen umsehen, so die beiläufige Meinung. Ans Aufhören denkt hier keiner.

Wie schnell es vorangeht, liegt in der Hand der Piloten-Anwärter selbst

„Wie war das nochmal mit der Höchstgeschwindigkeit im Luftraum G?“ Angeregt wird am freitäglichen Kameradschaftsabend im kleinen Kreis auch über Flugtheorie diskutiert. Insgesamt vier Männer bereiten sich derzeit auf ihre Funkprüfung im Frühjahr vor.

Wie schnell welche Prüfung abgelegt wird, liegt in der Hand der Piloten-Anwärter selbst. Je häufiger man fliegt, desto schneller geht es voran. Der Stoff ist umfangreich und will in vielen fleißigen Stunden erarbeitet werden, oft dauert es Jahre, bis jemand seinen jeweiligen Flugschein in Händen hält.

So lange vom Boden aus den Himmel bewundern muss aber niemand. Der Start, später auch die Landung werden mit einem Fluglehrer geübt. Der Lehrer steuert, der Schüler fühlt die Bewegungen am Steuerknüppel, spürt die Gewichtsverlagerung.

Nach drei erfolgreichen Flügen, bei denen der Fluglehrer überhaupt nicht mehr eingreifen musste, darf der Schüler seinen ersten Alleinflug absolvieren. Sein Radius ist allerdings durch die Sichtweite zur Schäfhalde begrenzt. Als Belohnung bekommt er nach alter Tradition übrigens ordentlich den Hintern versohlt. Der Lehrer legt den Schüler übers Knie und jeder Kamerad darf kräftig draufhauen. Zur Gratulation gibt es einen Distelstrauß.

Fliegen ist für sie alle hier viel mehr als nur Hobby

Fliegen ist ein Gefühl, sagen sie, vergleichbar mit einem Ritt auf dem Pferd, es geht von Wolke zu Wolke, höchste Konzentration ist gefragt, auch Körpereinsatz, „da ist nicht viel mit spazieren kucken“.

Und Pilot sein, das ist für sie kein Privileg, sondern eine Lebenseinstellung. Teamfähigkeit gehört dazu und ein wertschätzender Umgang miteinander. „Und auch der Rest der Familie“, sagt Claus Naumann. Schon oft hat die Fliegergruppe Neueinsteiger an deren Lebenspartnerinnen verloren.

Liebe zur Fliegerei hält ein Leben lang

Welche frischgebackene Mutter will schon sämtliche Wochenenden zwischen Ostern und Oktober auf der Schäfhalde verbringen, auch wenn die Landschaft dort oben wunderschön ist und zu jeder Jahreszeit ihren ganz eigenen Reiz hat? Welche junge Mann will seine neue Freundin in den Wintermonaten ausgerechnet immer an den Freitagabenden entbehren, wenn andere Paare gemeinsam ausgehen?

So manche Ehe sei an der Fliegerei zerbrochen, so mancher Mann sei nach jahrelanger Auszeit zum Fliegen zurückgekehrt. Auch das lernen die Jungen hier von den Alten: Die Liebe zwischen zwei Menschen mag endlich sein. Die Liebe zur Fliegerei hält ein Leben lang.

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Rund 1000 Gäste wohnten im Congress-Centrum der Auszeichnung von Heidenheimern bei, die Äußergewöhnliches für andere leisten.

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Flugbetrieb: Besucher sind immer willkommen

Der Flugplatz auf der Schäfhalde ist während der Saison an allen Samstagen, Sonntagen und Feiertagen sowie während der der Ferienfreizeiten an Pfingsten und in den Sommerferien geöffnet.

Auswärtige Piloten bekommen bei ihrer ersten Landung bei Überlandflügen ein Gratis-Vesper, alle anderen zahlen eine geringe Windengebühr.

Vereinsmitglieder bezahlen 3,50 Euro pro Start, eine Flugstunde kostet zwischen rund 13 und 20 Euro, also etwa ein Zehntel dessen, was privater Motorflug kostet.

Jugendliche Flugschüler ohne eigenes Einkommen haben besonders vergünstigte Konditionen.

Für alle Besucher der Schäfhalde wird ein Mitflug angeboten: 10 Minuten kosten 20 Euro, jede weitere Minute 50 Cent.

Anmelden kann man sich direkt am Flugtag beim Bodenpersonal.

Fragen stellen ist übrigens ausdrücklich erwünscht, allerdings dürfen die abgesperrten Flächen während des Flugbetriebs nicht ohne Erlaubnis betreten oder mit dem Fahrrad befahren werden, es besteht Lebensgefahr.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der Fliegergruppe.