NS-Zeit Degelers Enkel wollen Geschichte zu Ende erzählen

Heidenheim / Hendrik Rupp 28.01.2015
In der Debatte um die Rolle Friedrich Degelers als SS-Polizist im Zweiten Weltkrieg meldet sich die Familie Degeler zu Wort. Die jüngst öffentlich gewordenen Erkenntnisse seien weder falsch noch geheim, bedürften aber einer Ergänzung, meinen zwei Enkel – denn womöglich stellte sich Friedrich Degeler bei Transporten ins KZ nicht so an, wie es seine Vorgesetzten wollten.

Am Dienstag hatten einige Aktivisten der DKP erneut für eine Umbenennung des Friedrich-Degeler-Platzes demonstriert (siehe Bericht in der gestrigen Ausgabe). Der Tenor auch eines Plakats: Friedrich Degeler war als Transportleiter zweier Züge in Konzentrationslager mitverantwortlich und somit ein Kriegsverbrecher gewesen.

Für Ulrich und Jürgen Degeler, zwei der sechs Enkel Friedrich Degelers, eine nicht legitime Verkürzung. „Die Geschichte ist einfach nicht fertig erzählt“, so Jürgen Degeler, selbst als Stadtkapellmeister bekannt.

Dass Friedrich Degeler 1943 und 1944 als Oberleutnant eines SS-Polizeiregiments zwei Transporte aus dem Übergangslager Westerbork in Holland in die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz begleitete, sei in der Familie nie ein Geheimnis gewesen: „Unser Großvater hatte kein Problem damit, darüber zu erzählen“, sagt Ulrich Degeler. Für die Enkel des 1989 verstorbenen Handwerkskammerpräsidenten, Landtagsabgeordneten und Stadtrats schon als Kinder beachtenswert – denn wie so viele Kriegsheimkehrer sprach auch Friedrich Degeler nicht viel über die Zeit. Erst recht nicht über die Gefangenschaft in Russland von 1944 bis 1949. „Er sprach wenig darüber, und dann hatte er oft Tränen in den Augen“, erinnert sich Jürgen Degeler.

Um so spannender, dass aus Degelers Zeit in den Niederlanden in der Familie eine eigene Geschichte überliefert ist: „Wir haben gehört, dass es beim zweiten Transport unseres Großvaters ins Lager Bergen-Belsen Streit gab“, so Jürgen Degeler. Friedrich Degeler habe bei einem Halt des Zuges Wasser an die Gefangen verteilen lassen, dass habe ein „höherrangiger Offizier“ bemerkt und weitergemeldet. „Unser Opa hat erzählt, deswegen sei er wieder nach Russland gekommen“.

Tatsächlich war Degeler zweimal in Russland. Zu Kriegsbeginn war Degeler Polizei-Oberwachtmeister der Reserve gewesen, womöglich, weil er bei der berittenen Polizei auf dem Schlossberg Dienst tun konnte, ohne seine Küferei und sein Weingeschäft allein zu lassen. Erst im März 1942 wurde er nach Russland geschickt, wo er aber schon nach kurzer Zeit verwundet wurde. Im Januar 1943 schickte man den zum Oberleutnant beförderten Degeler weg von der Front, nach Holland, im April 1943 erhielt er (womöglich wegen seiner Verwundung) ein „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“.

Kurz nach Degelers zweitem KZ-Transport taucht Degeler in den Akten wieder in Russland auf – als Kompanieführer des „Schutmannschafts-Bataillons“ 64 war er kaum drei Monate im Einsatz, Anfang Juli 1944 wurde er bei Minsk gefangengenommen. „Er hat erzählt, dass seine Kompanie größtenteils exekutiert wurde, nur er als Offizier entging dem Tod“, sagt Jürgen Degeler.

Die Fakten haben die Degeler-Enkel mit Hilfe des Stadtarchivs bei der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung von Angehörigen Gefallenden der ehemaligen Wehrmacht in Berlin eingeholt. Freilich: Für eine „Strafversetzung“ oder eine Degradierung Degelers finden sich keine Hinweise. „Es gibt aber auch keine Beweise gegen die Erzählung“, sagt Jürgen Degeler. Und es bleibt der Umstand, dass Friedrich Degeler, eigentlich nach dem ersten Fronteinsatz ins „sichere“ Holland versetzt, kurz nach dem zweiten Transport plötzlich wieder an die Front musste.

Strafversetzt wegen Zivilcourage? Für die Enkel würde das ins Bild passen. Zahlreiche Dokumente im Familienbesitz beleuchten Degelers Probleme mit den Nationalsozialisten, die 1938 zu seiner Absetzung als Obermeister der Küfer-Innung geführt hatte. Degeler, der durchaus hinter der Nazi-Ideologie stand, hatte sich besonders durch seinen Widerstand gegen die Abschaffung des Religionsunterrichts unbeliebt gemacht. „Sein Glaube war unserem Opa ungemein wichtig, das geht auch aus den Briefen aus der Gefangenschaft hervor“, sagt Ulrich Degeler. Der Eindruck der Enkel: Friedrich Degeler war kein Widerständler, doch es gab Punkte, an denen er trotz seiner Sympathien mit dem Nationalsozialismus Widerstand leistete. Transporte in Konzentrationslager (Bergen-Belsen wurde nicht als Vernichtungslager genutzt) organisieren, aber nicht zusehen, wie Menschen verdursten? „Das kann ich mir gut vorstellen“, sagt Jürgen Degeler.

Dass die Erben auf die Debatte oft angesprochen werden, sei nun einmal so, sagen die Enkel. Und mit Wahrheiten müsse man auch leben, wenn sie unbequem seien. Klar ist aber, dass die Enkel so auch weiterhin neue Hinweise auf die Geschichte des Großvaters erhalten und weiter forschen wollen. Im Sinne einer Geschichte, die so weit wie möglich zu Ende erzählt werden kann.

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