Heidenheim / Hendrik Rupp  Uhr
Michael Butter, Amerikanistik-Professor und Erforscher von Verschwörungstheorien, klärte über Geschichte und Reiz der Lügengeschichten auf.

Die Welt kann zu kompliziert sein. „Verschwörungstheorie-Theoretiker“ nennt sich Prof. Michael Butter selbst, am Hellenstein-Gymnasium hatte man ihn als „Verschwörungstheoretiker“ angekündigt. Warum fehlte da etwas? „Verschwörung!“ ruft es aus dem Publikum, und damit war man schon mitten im Thema.

Die Welt besteht aus Zufällen, erklärt Butter. Auch seine eigene. Ehe er 1996 am Hellenstein-Gymnasium Abitur machte, spielte der Steinheimer Tennis, dachte einst an ein Chemie-Studium. Englisch fand er dann doch besser und ging nach Freiburg. Warum? „Die schickten die Unterlagen frei, die Uni Tübingen wollte Porto“, erinnert er sich. Also eher zufällig Freiburg, dann zufällig amerikanische Literatur, und wenn man Butter glauben darf, war sogar seine Stelle als Professor in Tübingen (seit 2014) ein glücklicher Zufall: „Es gingen damals sehr viele Professoren in Rente, heute geht das nicht mehr so leicht.“

Gefragter Experte

Doch was, wenn es keine Zufälle gäbe? Wenn alles, was geschieht, immer geplant und von geheimen Mächten beabsichtigt wäre? Eine Verschwörungstheorie, gewiss, doch mit denen beschäftigt sich der Amerikanist und Kulturwissenschaftler seit bald zehn Jahren. Seine Habilitationsschrift befasste sich mit der Geschichte amerikanischer Verschwörungstheorien, von der Hexenjagd in Salem über die antikommunistische Panik der McCar­thy-Zeit bis zu den Legenden rund um die Anschläge vom 11. September 2001. Und 2018 veröffentlichte Butter mit „Nichts ist, wie es scheint“ eine allgemeine Untersuchung zu Verschwörungstheorien. Inzwischen ist Butter in den Medien als Verschwörungstheorie-Experte weit mehr gefragt denn als Literaturwissenschaftler.

Hintergrund: komplizierte Welt

Erst recht seit der „Flüchtlingswelle“ 20015/16. Kurz skizziert Butter die abenteuerlichen Ausmaße, welche die Theorien um einen angeblich geplanten „Großen Austausch“ der abendländischen Bevölkerung angenommen haben. Schon der Schengen-Raum mit den Grenzöffnungen entstand demnach nur aus diesem Grund, geheime Finanzoligarchen brachen auch den Syrien-Krieg vom Zaun, um Millionen Araber nach Europa zu treiben.

Wer glaubt so einen Quatsch – und warum? „Solche Theorien schaffen ein ganz starkes Sinn- und Erklärungsangebot“, sagt Butter. Die Welt ist vielen viel zu kompliziert, mit der Verschwörungstheorie bekommt sie einen klaren, roten Faden. Und man kann immer einen Schuldigen ausmachen. „Dahinter steht sogar ein gewisser Wunsch nach Optimismus“, sagt Butter. Beispiel: Wenn der Klimawandel nur eine Lüge böser Mächte wäre, müsste man nur die bösen Mächte beseitigen und alles wäre wieder heil – das verschwöre ich euch!

Dass man sich mit solchen Theorien wichtigmachen kann, dass sie auch unterhaltsam sind: alles geschenkt. „Die meisten Menschen, die solche Theorien verbreiten, glauben wirklich daran“, so Butter. Doch es gebe Ausnahmen: Ungarns Krawall-Premier Viktor Orbán habe die These von einer jüdischen Verschwörung aus reinem Politkalkül benutzt, glaubt Butter. Und Verschwörungs-Unternehmer wie der US-Moderator Alex Jones verdienten viel Geld: „Erst erzählt er den Leuten, sie würden mit Chemikalien im Trinkwasser verblödet, dann bietet er von ihm hergestellte Gegenmittel an, für 60 Dollar die Woche.“

Wer glaubt an Verschwörungstheorien? Entsprechende Statistiken liest Butter vorsichtig: „Der Glaube an Verschwörungen sinkt bei höherem Bildungsniveau, aber grundsätzlich sind all die im Vorteil, die ihre eigenen Denkmuster besser verstehen.“ Und dass Männer anfälliger sind als Frauen, sei auch nicht in Stein gemeißelt. „Männer glauben eher an 9/11-Verschwörungen, Frauen eher an die These, dass man vom Impfen autistisch werde.“

Überrollen uns die Verschwörungstheorien dank Internet und Social Media? Butter beruhigt: Tatsächlich seien Verschwörungen früher weit salonfähiger gewesen. An eine zionistische Weltverschwörung glaubten auch Thomas Mann und Winston Churchill, so Butter. Das Internet zeige die Theorien heute nur klarer, und es biete eine weitaus bessere Vernetzung: „Egal, welchen Unsinn Sie glauben, im Netz werden Sie immer Hunderte Gleichgesinnter finden.“

Tatsächlich problematisch sei die „Fragmentierung der Öffentlichkeit“, so Butter im Hinblick auf die USA unter Donald Trump. „Es gibt Hunderttausende, die fest daran glauben, dass bei Trumps Amtseinsetzung mehr Menschen waren als bei Obama“, sagt er. Und die beiden Lager (Sorge über Verschwörungen und Sorge über Verschwörungstheorien) stünden sich immer unversöhnlicher gegenüber. Das berge gewaltige Risiken: Wer glaube, die Mondlandung der Amerikaner sei gefälscht, sei vergleichsweise harmlos. Doch die Theorie vom „Großen Austausch“ bringe nicht nur rechtspopulistische Parteien an die Macht, sondern könne tödlich sein, wie im Falle des Attentäters von Christchurch oder bei den Anschlägen eines Rechtsradikalen in Norwegen.

Wie umgehen mit Verschwörungsgläubigen?

Ruhig bleiben und auf Zeit spielen, rät Prof. Michael Butter: „Je heftiger Sie widersprechen, umso fester glaubt das Gegenüber an seine Theorie – und stempelt Sie vielleicht noch als Agenten der Verschwörung ab.“ Besser sei es, nachzufragen: Woher hast du diese Information? Hast du das selbst gesehen oder eigene Erfahrungen gemacht? „Auch auf die angeblichen Fakten hat man ja nicht immer gleich eine Antwort. Also die vorgebrachten Beweise mitnehmen, in Ruhe recherchieren und dann später noch einmal in Ruhe ­drüber reden.“

Der einzige Weg, aus dem Verschwörungsglauben herauszufinden, sei der eigene Zweifel des Gegenübers: „Geduldige Menschen haben das bei Betroffenen schon erreicht.“ hr