Heidenheim / Manfred F. Kubiak Ein Gespräch mit Ralf-Christian Schweizer, Jochen Wetzel und Hüsnü Kayacan über Prioritäten, enttäuschte Erwartungen, Wetterkapriolen und ein denkwürdig schlechtes Geschäftsjahr.

Ohne ihn geht in Ostwürttemberg gar nichts in Sachen Kino: Ralf-Christian Schweizer ist Geschäftsführer der Heidenheimer Capitol-und-Kino-Center GmbH und des Kinoparks in Aalen und somit Chef von zirka 100 Mitarbeitern und Herr über 15 Kinosäle mit Platz für mehr als 2600 Besucher. Schweizer sowie Jochen Wetzel und Hüsnü Kayacan, die Betriebsleiter der Kinos in Heidenheim beziehungsweise Aalen, reden in diesem Interview unter anderem darüber, warum das Kinojahr 2018 das schlechteste seit 25 Jahren war und weshalb es 2019 wieder aufwärtsgehen könnte.

Mit den Kinojahren 2016 und 2017 waren Sie ausgesprochen unzufrieden, Herr Schweizer. Jetzt lassen Sie mich mal raten: 2018 ist noch schlechter gewesen, oder?

Ralf-Christian Schweizer: Das stimmt, da muss man nicht lange drumherum reden und da gibt's auch nichts zu beschönigen. Das vergangenen Jahr war ein echter Tiefpunkt.

Wenn ich die Statistik der Filmförderungsanstalt zu Rate ziehe, sind 2018 in Deutschland die Ergebnisse in Sachen Besucher (104,5 Millionen) und Umsatz (899,3 Millionen Euro) mit Rückgängen von knapp 14 beziehungsweise 15Prozent im Vergleich zu 2017 beinahe schon eingebrochen. Wie schlimm hat es sie erwischt?

Schweizer: Unsere Zahlen decken sich, was die Rückgänge anbelangt, in etwa mit denen, die Sie gerade genannt haben. Wobei die Talfahrt im Dezember glücklicherweise noch ein wenig aufgefangen werden konnte, sonst würden die Branche jetzt sogar von ein Minus von 20 Prozent reden.

Bundesweit verzeichnete man solch schlechte Zahlen zuletzt 1992, also vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Was meinen Sie, an was könnte das gelegen haben?

Jochen Wetzel: Da ist alles zusammengekommen.

Hüsnü Kayacan: Wobei es bis inklusive Februar nicht vorauszusehen war.

Schweizer: Danach hatten wir vor allem einen Sommer von Mitte März bis Mitte Oktober mit gefühlten fünf Regentagen. In Ländern, wo man an ein wärmeres Klima ohnehin gewöhnt ist, geht man auch an heißen Tagen ins Kino, aber in Deutschland bleibt man da draußen an der frischen Luft und grillt.

Kayacan: Weil man täglich damit rechnet, dass das für eine ganze Weile der letzte schöne Sommertag gewesen sein könnte.

Aber es lag nicht nur am Wetter, oder?

Schweizer: Sicher nicht, da haben schon mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. Es gab, keine Frage, auch viele schlechte Filme, die dritte Wiederholung der fünften Folge, so etwas. Und dann hat zum Beispiel der deutsche Film 2018 fast überhaupt nicht funktioniert . . .

Kayacan: Nicht zuletzt, weil hier immer dieselben Schauspieler am Start waren, Schweiger, Schweighöfer, Schweighöfer, Schweiger . . .

Schweizer: Insgesamt viel zu viel B-Ware. Und dann ist es inzwischen ja beinahe schon wieder in Vergessenheit geraten, dass wir zum Beispiel auch noch eine Fußball-Weltmeisterschaft M hatten. In dieser Zeit kommen die Verleiher inzwischen schon überhaupt gar nicht mehr mit neuen Filmen heraus, weil sie damit rechnen, dass die deutsche Mannschaft im Verlauf des Turniers sowieso sehr weit kommt.

Und als sie zur Abwechslung mal sofort draußen war, waren dann keine Filme da.

Schweizer: Genau so. Da hatten wir dann den Fall, dass klar zu Tage trat, dass eben auch die Filmverleiher zu wenig an diejenigen Leute denken, die sich nicht für Fußball interessieren. Solche gibt es nämlich auch.

Was kann die Branche als solche noch aus so einem Jahr lernen?

Schweizer: Falls es jemand vergessen haben sollte, dann hat 2018 hoffentlich allen wieder ins Gedächtnis gerufen, dass über allem anderen das Produkt Film steht und dass, wenn dieses nichts taugt, so etwas passieren kann.

Besteht Hoffnung, dass sich das bald ändert? Wie hat das Jahr 2019 begonnen?

Wetzel: Schlimmer kann's ja wohl nicht werden, obwohl der Januar und bislang auch der Februar etwas schlechter waren als die Vergleichsmonate 2018.

Schweizer: Wobei das hoffentlich nur daran liegt, dass die Weihnachtsferien deutlich kürzer waren und die Faschingsferien, die für uns mit die wichtigste Zeit sind, dieses Jahr später liegen und erst Anfang März beginnen. So betrachtet, sind wir anständig gestartet. Übrigens mit einem enorm vielfältigen, alle Genres beinhaltenden Programm. Das wird auch, so viel kann ich versprechen, in der Art weitergehen. So vielfältig sogar, dass es eine immense Herausforderung an uns stellt, die Filme zeitmäßig so zu platzieren, dass sie ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können. Nicht ganz einfach.

Wetzel: Wenn wir ehrlich sind, sehen wir uns gerade sogar mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass zu viele Filme auf dem Markt sind, um deren Qualität auch richtig zur Geltung kommen lassen zu können. Nehmen wir mal „Der Junge muss an die frische Luft“, den hätten wir durchaus noch ein wenig länger laufen lassen können.

Schweizer: Irgendwann aber steht man vor der Wahl zwischen alt und neu, selbst wenn das wirtschaftlich mitunter wenig oder sogar keinen Sinn macht. Da stößt man dann an die Grenzen bei acht Kinosälen in Heidenheim und sieben in Aalen.

Was kommt denn heuer sonst noch an neuen Filmen auf uns zu?

Kayacan: „Captain Marvel“ noch im März, „Avengers“ im April, „Godzilla“ im Mai, „Men in Black“ im Juni, „Es“ im September, „Jumanji“ und „Star Wars“ im Dezember, dann Animationsfilmen wie „Toy Story“ im Oktober oder „Frozen“ im November, aber nicht nur US-Blockbuster, sondern auch viele deutsche Filme, wirklich ein sehr vielseitiges Programm, das funktionieren müsste.

In den Standort Aalen haben Sie im Jahr 2017 700 000 Euro investiert. Nun ist ein Jahr vorüber, wie kann man, außer über die Besucherzahlen, messen, ob sich solch ein Aufwand überhaupt lohnt?

Schweizer: Die Resonanz war sehr positiv, die Leute wissen das schon zu schätzen, die Banken allerdings eher weniger, wenn die Besucherzahlen schwächeln. Aber das zeigt uns, wie schon einmal angesprochen, wie abhängig wir von unserem eigentlichen Produkt, dem Film, sind. Da können die Sessel noch so neu und der Sound noch so gut sein, die Menschen kommen zuerst wegen des Films. Und wenn das Produkt nicht stimmt, dann verkaufen wir auch von allem anderen weniger. Denn es ist ja nicht so, dass, wenn nur halb so viele Besucher im Kino sitzen wie sonst, diese dann wenigstens doppelt so viel essen oder trinken. Leider! (lacht)

Gibt es schon Pläne Ihrerseits, auch Heidenheim mit einem neuen Soundsystem wie „Dolby-Atmos“ auszurüsten, oder müssen Sie sich erst einmal von 2018 erholen?

Schweizer: Ich will ganz ehrlich sein: Die Investitionen in Aalen waren zwei Jahre im voraus geplant, aber wenn wir geahnt hätten, was 2018 auf uns zukommt, hätten wir damit noch etwas gewartet. Und aus diesem Grund fehlt mir, was Heidenheim anbelangt, derzeit auch etwas der Mut, obwohl hier Investitionspläne und Angebote bereits vorliegen.Glücklicherweise sind wir in Heidenheim technisch besser aufgestellt, als wir es in Aalen waren. Jetzt aber müssen wir erst einmal 2019 überstehen, und wenn das ordentlich klappen sollte, wird „Dolby-Atmos“ vielleicht schon 2020 auch in Heidenheim kommen. Guttun würden uns, etwa im „Capitol“, auch ein, zwei LED-Leinwände, aber diesbezüglich entwickelt sich die Technik immer noch geradezu rasend. Wobei ich bei der Gelegenheit auch einmal darauf hinweisen möchte, dass wir als Kino mehr können, als Filme abspielen. Bei der Technik, die wir vorhalten, würden unsere Räume sogar als Hörsäle funktionieren. Da könnten wir in Sachen Veranstaltungen, etwa für Firmen, Vereine, Versammlungen ganz allgemein, noch viel mehr leisten, als wir das im Moment tun. Das ist bloß noch nicht in allen Köpfen.

3-D-Filme locken offenbar immer weniger Besucher. Können Sie das als Trend auch für Heidenheim und Aalen bestätigen?

Schweizer: Ja und nein. Denn wir sind dazu übergegangen, wo's geht, einen 3-D-Film auch meistens in 2-D anzubieten. So schauen auch Besucher, die nicht bereit sind, den vom Verleih geforderten 3-D-Aufschlag von drei Euro zu bezahlen, nicht in die Röhre. Was man bei dieser Gelegenheit ruhig zugeben kann, ist, dass viele 3-D-Filme auch nicht gut gemacht sind.

Wetzel: Wer, jetzt mal rein von der Technik her betrachtet, einen wirklich überragend gemachten 3-D-Film sehen will, kommt übrigens bei „Alita“, der gerade angelaufen ist, auf seine Kosten.

Gibt es eigentlich signifikante Unterschiede zwischen Aalen und Heidenheim, was die Vorlieben von Kinobesuchern anbelangt?

Wetzel: In Heidenheim laufen zum Beispiel die Kulturfilme und die Opernübertragungen besser.

Kayacan: Ich würde jetzt mal behaupten, ohne dass wir das jemals genau untersucht hätten, dass in Aalen grundsätzlich Kommerzielles besser ankommt. Aalen ist größer, hat mehr Studenten, Heidenheim im Schnitt das etwas ältere Publikum, vielleicht liegt's daran.

Schweizer: Und Heidenheim hat, wenn wir schon darüber reden, mit dem „Capitol“ ein Innenstadtkino, das nur noch deshalb betrieben werden kann, weil es im Eigentum ist, ansonsten wäre es aus. Aalen hat überall vernünftige und billigere Parkflächen. Heidenheim, das will ich gern zugeben, hat viele Parkplätze, die aber nur bedingt funktionieren. Wenn die supertote und hässliche Grabenstraße wenigstens in eine Richtung für den Verkehr geöffnet und mit Kurzparkerplätzen versehen würde, dann, das prophezeie ich, würde die ganze Innenstadt, der Einzelhandel und die Gastronomie wieder funktionieren.

Welcher Film hat Ihnen 2018 am besten gefallen?

Kayacan: „Aquaman“.

Schweizer: „Bohemian Rhapsody“, den habe ich mir sogar zweimal angeschaut.

Wetzel: „Black Panther“.

Welcher Film bekommt am Sonntag den „Oscar“?

Schweizer: „Green Book“.

Kayacan: „Green Book“.

Wetzel: „Green Book“.