Heidenheim Das Naturtheater hat seine Wurzeln auch im heutigen „Swing“

Heidenheim / Joelle Reimer 04.01.2019
Im Café Swing wurde das Festjahr zum 100-jährigen Bestehen des Naturtheaters eingeläutet – mit Auszügen aus kommenden Produktionen, Anekdoten und einem großen Wiedersehen.

„Wissen Sie, ich war 22 Jahre alt, damals. Genau hier habe ich mit meinem Mann vor unserer Hochzeit einen Tanzkurs gemacht – er hat unglaublich weite Schritte gemacht, das weiß ich noch“, erzählt Ruth Schmeiser. Das war 1957. Ihr Lächeln zeugt von schönen Erinnerungen; Erinnerungen an einen Ort, an den sie am Donnerstagabend nicht zum Tanzen, sondern aus einem ganz anderen Grund zurückgekommen ist: Im Café Swing an der Bergstraße wurden die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Heidenheimer Naturtheaters eröffnet. Und das wollte sich die Heidenheimerin, die von 1946 bis 1957 aktives Mitglied des Vereins war, nicht entgehen lassen – „schließlich ist es ein bisschen wie ein Klassentreffen.“

Volkskunsthaus war die Versammlungsstätte

Denn genau dort, wo heute das Swing steht, an der Bergstraße 2/3, stand einst das Volkskunsthaus, das dem Naturtheater bis in die 1960er Jahre gewissermaßen als Vereinsheim gedient hat. Nach der Gründung 1919 hatte die Volkskunst-Vereinigung – auch genannt Verein zur Hebung und Förderung der Volksbildung und Volkskunst durch Selbstaufführung literarischer Meisterwerke – keinen eigenen Saal; gespielt wurde im Konzerthaus und im Saal des „Adlers“.

Eine Art Vereinsheim - bis in die 60er Jahre

1924 erhielt die Volkskunstvereinigung den städtischen Platz hinter dem Schloss und es wurde mit dem Bau der Freilichtbühne begonnen; dabei übrigens wurden drei menschliche Skelette gefunden – laut Naturtheater-Chronik wird vermutet, dass sie zur 1814/15 im Schloss untergebrachten russischen Kavallerie gehörten. Noch im Juli desselben Jahres wurde die Zuschauerhalle mit 1960 Sitzplätzen fertiggestellt und das neue Naturtheater mit Schillers „Wilhelm Tell“ eingeweiht.

Was dennoch fehlte, war ein eigener Versammlungsraum. Die Lösung lag an der Bergstraße: Für 40 000 Mark wurde das Haus der ehemaligen Kleiderfabrik Hof gekauft – ein Schritt, der, wie Vorsitzender Norbert Pfisterer am Donnerstagabend im Swing erklärte, im Verein umstritten war, sich letztlich aber als die richtige Entscheidung herausgestellt hat. „Es wurde die Heimstatt des Vereins, bis es 1960 aufgrund von baulichen Mängeln abgerissen wurde“, so Pfisterer.

Ausblick auf die anstehende Theatersaison

Nur logisch also, dass man auch das diesjährige Festjahr im Swing starten lässt – gemeinsam mit Vertretern des Gemeinderates und Bürgermeisterin Simone Maiwald. Und wie ließe sich das bei einem Theaterverein besser bewerkstelligen als mit einem kleinen Ausblick auf die geplanten Stücke? Eben. Kurzerhand versetzte Oliver von Fürich, Regisseur in „Du bist in Ordnung, Charlie Brown“, die Zuschauer mit einem einfachen Holzaufsteller in das Zimmer von Psychotherapeutin Lucy, die versucht, dem Außenseiter Charlie zu helfen. Überzeugend dabei allein die Stimmen von Pauline von Fürich und Moritz Holzapfel, auch ganz ohne Kostüm und Bühnenbild – und definitiv ein Appetithäppchen auf das, was ab Freitag, 11. Januar, mit der Inszenierung des Musicals folgen wird.

Apropos Appetit: Darum ging es auch beim zweiten Auftritt, als Oliver von Fürich, Martha Munz, Marianne Teichert und Hans und Ursel Metzler nicht nur von alten Zeiten, sondern beispielsweise auch vom Kuchen erzählten, den die Damen damals stets zu den Proben ins Naturtheater mitgebracht haben. Zitate über Zitate wurden zum Besten gegeben, aus Interviews, die für die anstehende Produktion „Und einig wollen wir handeln“ geführt wurden – und noch geführt werden. „Mit dem Stück wird am 12. Juli die Festwoche eröffnet. Zum einen wird es um Wilhelm Tell gehen – damit wurde die Freilichtbühne eingeweiht –, zum anderen um die Geschichte des Naturtheaters“, so von Fürich. Und vielleicht kommt darin ja auch Ruth Schmeiser wieder zu Wort und erzählt, wie sie 1946 einen Hasen in „Das tapfere Schneiderlein“ gespielt hat, der ersten beleuchteten Abendaufführung, oder wie man Pferde aus der Oststadt auf den Schlossberg getrieben hat – oder, oder, oder . . . Man darf gespannt sein.

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